Lebensversicherungen werden geröntgt

Diagnose Renditeschwund

Eigentlich wollen Versicherungssparer mit Börsenhaussen und Börsenbaissen nichts zu tun haben. Sie wünschen sich vielmehr Renditen ohne Risiko. Nun lässt die bald dreijährige Aktienflaute die ehedem versprochenen Assekuranz-Renditen kräftig schrumpfen. Kleine Gesellschaften haben bereits keine Finanzpolster mehr. Was ist zu tun?

Nicht gerade wenige Lebensversicherungsgesellschaften machen am Kapitalmarkt die gleichen Fehler wie der in Sachen Geldanlage unbedarfte Laie: Sie kaufen sich viel zu spät und viel zu teuer in Aktien ein.

Mit ihren hochdotierten Großordern waren es nicht zuletzt die Versicherungen als institutionelle Anleger, die in den Jahren 1998 bis 2000 die Aktienkurse auf eine steile Bergfahrt schickten. Als dann im März 2000 die Spekulationsblase platzte, wartete das Gros der Assekuranten bis zum Sommer des Jahres 2002, um die hochriskanten Dividendenpapiere mit zum Teil horrenden Verlusten zu verkaufen. Sie sorgten damit, bis heute, beispielsweise für eine rasante Talfahrt des Deutschen Aktienindex DAX. Gemessen an seinem Höchststand verlor er knapp 60 Prozent.

Die recht unprofessionelle Gier der Lebensversicherungen nach Aktienrenditen hatte einen triftigen Grund. Zum einen waren am Markt für festverzinsliche Anleihen die Zinsen extrem gesunken. Die Renditen, die den Versicherten zugesagt worden waren, ließen sich mit den gebotenen Prozenten bei weitem nicht mehr erreichen. Zum anderen war von Staats wegen den Lebensversicherungsgesellschaften erlaubt worden, die Aktienquote auf maximal 35 Prozent vom verwalteten Vermögen anzuheben. Das haben die meisten Versicherungen gleich ausgenutzt, um die mageren Festzinsrenditen durch vermeintlich lukrativere Aktienrenditen auszugleichen.

Zu üppige Renditezusagen

Nun stecken die meisten Gesellschaften in der Klemme. Um den Policenverkauf zu forcieren, haben die Lebensversicherer Renditen zugesagt und mit Renditen geworben, die während der letzten Jahre unter normalen Bedingungen am Kapitalmarkt nicht zu verdienen waren. Bis zu acht Prozent Ablaufrendite wurden als Köder ausgeworfen, um neue Kunden an die Angel zu bekommen. Nun haben nicht gerade wenige Unternehmen, vor allem aber die kleinen Fische im hier zu Lande überaus reichhaltig besetzen Versicherungsteich, einen Großteil ihrer Reserven an den Börsen verjuxt. Statt der erhofften Renditegewinne ist nun bitterer Substanzverzehr angesagt. Die Versicherten müssen, wie schon im letzten Jahr, damit rechnen, dass ihnen mit Ablauf dieses Jahres die Ablaufrendite der Police erneut gekürzt wird. Es könnte sein, dass die zugesagte Verzinsung des Sparkapitals auf breiter Ebene unter die Fünf-Prozent-Marke fällt. Der Marktführer Allianz hatte im letzten Jahr sein Renditeversprechen von 7,8 auf 6,8 Prozent gekürzt. Eine erneute Kürzung um womöglich einen Prozentpunkt am Ende des Jahres 2002 schließt Gerhard Rupprecht, Chef der Allianz Lebensversicherung, nicht mehr aus. Mit womöglich 5,8 Prozent steht der Branchenriese Allianz noch prächtig da. Denn die Rating-Agentur Morgen & Morgen ermittelte, dass mittlerweile nur noch 17 von 65 Unternehmen in etwa die Renditen erwirtschaften, die sie ihren Kunden zugesagt haben. 48 Assekuranten locken demnach weiterhin mit Renditen, die weit über dem liegen, was sie tatsächlich erwirtschaften. Solche Unternehmen spekulieren jetzt einfach darauf, dass sich die Börsen alsbald so weit erholen werden, dass die Lockrendite wieder Realität wird.

In der Börsenklemme

Mit anderen Worten: Auch der Versicherungssparer muss auf besseres Börsenwetter hoffen, damit seine Altersvorsorge den Erwartungen entspricht. Gerade das aber wollte er zumeist vermeiden. Denn sonst hätte er auch selber mit einem Sparplan auf der Grundlage eines Aktienfonds seine Altersvorsorge – kostengünstiger und womöglich auch ertragreicher – in die Hand nehmen können.

Schlimmer noch: Die Karten aus dem verlustreichen Aktienpoker liegen bei den meisten Versicherungsunternehmen noch nicht offen auf dem Tisch. 36 von 65 Gesellschaften legen eine geschönte Vermögensbilanz vor. Sie nutzen den neu formulierten Paragrafen 341b des Handelsgesetzbuches, nach dem sich Abschreibungen auf Aktien in die Zukunft verschieben lassen, wenn sie die Verluste als „nur vorübergehend“ einstufen. Ein besonders großes Paket an so genannten „stillen Lasten“ tragen vor: Axa, die Bayern Versicherung, die DEVK-Allgemeine, die Familienfürsorge, Hanse Merkur, die Inter, die LV von 1871, der Münchner Verein, die Saarland Versicherung, die Süddeutsche und die Victoria. Mit 1,03 Prozent der Kapitalanlagen (Axa) bis hin zu 4,46 Prozent (Inter) hoffen sie auf bessere Zeiten mit Verlustausgleich.

Mittlerweile gibt es elf deutsche Lebensversicherer, deren Finanzpolster Ende 2001 rein rechnerisch nicht mehr ausreichten, um die Verpflichtungen eines Jahres zu decken. Es sei denn, neue, unerwartet hohe Kapitalerträge helfen aus der Finanzklemme. Eng wird es, wenn die frei verfügbaren Gelder unter dem 100-Punkte-Faktor der so genannten (kompliziert errechneten) „Reservestärke“ liegen. Aus der Branchenuntersuchung von Morgen & Morgen einen Vergleich: Asstel liegt mit 870 Punkten an der Spitze, gefolgt von Axa (630) und der Hamburg Mannheimer (530). Markant reserveschwach sind die Familienfürsorge aus Detmold, die Neckura (je 30 Punkte), die Gutingia (40), die Mannheimer (50), die Stuttgarter, das BHW (je 70), die Quelle Versicherungen, die Universa und die VGH Versicherungen (je 80) sowie die HUK Coburg (90).

Der Detmolder Lebensversicherer Familienfürsorge steht seit Juli dieses Jahres unter der Zwangsverwaltung der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). Bafin-Chef Jochen Sanio ist der Meinung: „In Kürze werden noch mehr Gesellschaften unter Zwangsaufsicht kommen.“ Zwar wurde die gesetzlich garantierte Mindestverzinsung des in Lebensversicherungen eingezahlten Sparkapitals seit dem 1. Juli 2000 von 4,0 auf 3,25 Prozent gesenkt. Doch wer eine Police mit 4,0 Prozent abgeschlossen hat, erhält diesen Garantiezins während der gesamten Laufzeit. Im Schnitt müssen die Assekuranten von Lebenspolicen mindestens 3,5 Prozent Ertrag erwirtschaften, um ihre Gesetzespflicht zu erfüllen. Das ist sechs Unternehmen im letzten Jahr nicht mehr gelungen – darunter sind laut Morgen & Morgen das BHW (0,3 Prozent), die Concordia (1,4 Prozent) die HUK Coburg (3,0 Prozent), die LV von 1871 (3,3 Prozent) und die LVM (1,5 Prozent).

Kein Auffangnetz

Anders als bei Bankpleiten gehen die Versicherten bei der Insolvenz einer Lebensversicherungsgesellschaft theoretisch leer aus. Es gibt hier zu Lande nicht, wie etwa in Großbritannien, einen Konkurssicherungsfonds, der die im Stich gelassenen Sparpolicen weiterführt. Wenn ein Assekuranz-Unternehmen „nicht mehr die Reserven für die künftig garantierten Leistungen stellen kann“, so urteilt Gerhard Rupprecht, Chef der Allianz-Lebensversicherung, werde es „eng“. Zumal, wenn laut Rupprecht auch die „freien Mittel im Rückstellungstopf nicht reichen“. Dann gehe es letztlich „ans Eigenkapital“. Und dann könne es sein, „dass die Gesellschaft Hilfe braucht“. In der Praxis würde das bedeuten: Fusion mit einem größeren Branchenteilnehmer.

Eine solche Unfallrettung hat es unter deutschen Lebensversicherungen bislang noch nicht gegeben. Aber das vor kurzem noch glänzende Image der Kapital bildenden Lebensversicherung ist mittlerweile stark angekratzt. Denn für die rund 83 Millionen abgeschlossenen Policen sind die vermeintlich sicheren und hohen Renditen zur Makulatur geworden. In ihrer Gier nach immerwährendem Wachstum hat das Gros der Assekuranten als Lockmittel einfach zu viel versprochen. Und beim Einlösen der unrealistischen Renditezusagen haben sie sich schlechterdings verspekuliert. Wer hätte das von den als überaus solide und vorsichtig geltenden Anlageprofis der Versicherungen gedacht?

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