Die Krönung der Frauenkirche
Die spätbarocke Sandsteinkuppel, 1743 nach den Plänen von Baumeister George Baehr vollendet und einzigartig diesseits der Alpen, hatte über 200 Jahre das Stadtpanorama Dresdens geprägt, bis sie nach dem Feuersturm der großen Bombenangriffe vom Februar 1945 ausgebrannt in sich zusammenfiel. Nun hat sie wieder ihren Platz.
Auch ungünstige Witterungsbedingungen hatten Baudirektor Eberhard Burger und Kranführer Franz Kirsche nicht vom Anheben von Haube und Kreuz abhalten können, schon nach 15 Minuten waren die über 70 Meter Höhendifferenz überwunden und die Teile präzise ineinander gefügt worden – eine weitere technische und organisatorische Meisterleistung wie schon so viele beim Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche.
Ein ganz besonderer Gottesdienst
Die vielen Zuschauer und weite Millionen an den Fernsehern (live!) waren ergriffen vom Anblick des aufwärts strebenden Kreuzes als ein Symbol für vieles, was dieser Wiederaufbau in aller Welt bewirkt hat. Und alle waren gefangen von der festlichen Atmosphäre der gottesdienstlichen Feier, die den ganzen Vorgang begleitete. Glockengeläut und Posaunenchor standen am Anfang dieses Gottesdienstes, dann das „Dresdner Amen“ und Mendelsohn vom Blechbläserensemble Ludwig Güttler; es folgten „Lobe den Herrn“ vom Dresdner Kreuzchor, das geistliche Wort von Landesbischof Volker Kreß und Erläuterungen von Baudirektor Eberhard Burger, der den Hebevorgang ansagte. Der Landesbischof verlas die Urkunde, die zusammen mit Münzen von der Grundsteinlegung 1726, einem Satz heutiger Euro-Währung, dem Dokument „Ruf aus Dresden” von 1990 und Ausgaben der beiden großen Dresdner Zeitungen in dem ovalen Turmknopf deponiert ist. Nach vollendeter Hebung sang die Gemeinde „Nun danket alle Gott“.
Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt sagte in seinem Grußwort: „Heute schließt sich nicht nur eine Wunde dieser Stadt, heute schließt sich eine Wunde im Herzen Europas.“ Und Bürgermeister Ingolf Roßberg ergänzte: „Die Frauenkirche ist zu einem Symbol des Friedens, der Hoffnung und der Versöhnung geworden.“
Die Seele der Stadt zurückgewonnen
Zuvor schon hatte der Herzog von Kent in seinem ausführlichen Grußwort im Namen vieler Engländer und des „Dresden Trust“ als die völkerverbindende Stimme für das vielfältig am Wiederaufbau beteiligte Ausland gesprochen (Auszug siehe Kasten). „Mit der Frauenkirche hat die Stadt ein großes Stück ihres verbrannten Bildes, ja ihrer Seele zurückgewonnen, sie hat zu sich selbst gefunden“, schrieb ein Kommentator der „Sächsischen Zeitung“. Die Stadt dankt dies vor allem der großartigen tätigen Anteilnahme der Dresden-Freunde in aller Welt – und nicht zuletzt auch den Zahnärzten.
Schon zwei Monate zuvor war in einer feierlichen Stunde am 13. April mit der Versetzung des letzten Steines in der Laterne der Sandsteinbau an der Frauenkirche offiziell beendet worden. In den 360 Kilo schweren Werkstein wurde eine Kassette mit einer Liste aller am Rohbau beteiligten Bauschaffenden, eine Urkunde und das Gedicht zur Versetzung eingelassen. Insgesamt 90 Steinschichten wurden gesetzt und etwa eine Million Werksteine verbaut, davon 3 634 aus den Trümmern geborgene und aufbereitete Altsteine. Weitere Steinbauarbeiten finden jetzt nur noch an den Treppen und am Sockelrand zur Straße hin statt, dann wird rund um die Kirche gepflastert. Ende Juli wurde schließlich das letzte Gerüst ganz oben an der Haube abgebaut und auch der große Turmdrehkran stand nur bis Anfang August zur Verfügung.
Eine Meisterleistung der Restauratoren
Nun steht der Innenausbau der Frauenkirche im Vordergrund. Wenige Tage vor dem Heben des Turmkreuzes ging mit dem Anbringen der Gloriole auch der Altarbau seinem Ende entgegen. Die Gloriole mit dem Strahlenkranz ist das Sinnbild des Heiligen Geistes im Altarbild unter der Orgelempore. Am Altartisch bleiben einige Zerstörungen, Ausbrüche und Kerben erhalten, ansonsten ist gerade hier die restauratorische Leistung nach Ansicht der Experten erstrangig. Aus über 1 700 Bruchstücken und zahlreichen Ergänzungen entstand weitgehend der originale Altar der Frauenkirche wieder.
Auch rund um die Frauenkirche ist weiter viel Bewegung. Gerade abgeschlossen wurde der Oberbau der Tiefgarage unter dem Neumarkt. Erst jetzt kann mit der Bebauung des Neumarktes richtig begonnen werden. Einige Investoren beginnen noch in diesem Jahr mit dem Bau von Häusergevierten, unter anderem dem „Hotel de Saxe“, die sich äußerlich weitgehend an den alten Vorbildern orientieren. Ende dieses Jahres soll der dann gepflasterte Neumarkt sogar mit historischen Kandelabern beleuchtet werden. Dann wird es trotz aller Baustellen doch ein wenig gemütlicher an der Dresdner Frauenkirche werden.
Hartmut FrielJägerhofstr. 17242119 Wuppertal





