BRIC-Staaten: Neue Ziele für Anleger

Fernweh

BRIC steht für Brasilien, Russland, Indien und China. Sie sind die Shooting-Stars unter den Schwellenländern. Die Börsianer reiben sich die Hände. Doch wird der Boom anhalten? Anleger brauchen viele Informationen, um Chancen und Risiken gegeneinander abwägen zu können.

Spätestens 2040 wird sich zeigen, wie Recht die Experten des Investmenthauses Goldman Sachs mit ihren vollmundigen Prognosen für die BRIC-Staaten haben: Werden Brasilien, Russland, Indien und China zusammen dann die G6-Staaten (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, USA), von ihren Plätzen verdrängt haben? Noch einmal zehn Jahre später werden sie die Industrienationen führen.

Plastischer beschreibt Thomas Gerhardt, Fondsmanager bei DWS, warum diese Volkswirtschaften in den vier Ländern einer glänzenden Zukunft entgegengehen: „Brasilien ist das Rohstofflager der Welt, China die Werkhalle, Indien die Denkfabrik und Russland die Zapfsäule.“ Die schlafenden Riesen erwachen.

Der Kreativität der Investmentbanker verdanken die Anleger die griffige Formel BRIC. Seit etwa zwei Jahren existieren Fonds, die speziell in diesen Ländern investieren – und das mit großem Erfolg. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich dabei nicht um ein kurzes Strohfeuer handelt, ist ziemlich hoch. So bleibt die Wachstumsdynamik auf dem derzeit hohen Niveau, und zwar unabhängig davon, ob die Wirtschaft in Europa und den USA wächst oder nicht. Zudem dürfte es noch lange Jahre dauern, bis die Menschen in den BRICLändern den selben Lebensstandard erreicht haben wie Europäer und Amerikaner. Jedenfalls wird darüber mehr Zeit vergehen als die zehn Jahre, in denen die Iren ihre wirtschaftliche Entwicklung nachgeholt haben.

Die BRIC-Staaten befinden sich derzeit in der ersten Phase ihrer Aufholjagd. Doch bei aller Gemeinsamkeit was die Dynamik angeht, ist jedes dieser Schwellenländer mit anderen Voraussetzungen an den Start gegangen. Gemeinsam ist allen Vieren, dass sie jeder für sich Deutschland, was beispielsweise die Ressourcen angeht, weit hinter sich lassen.

Brasiliens Bravour

In Brasilien leben mit über 174 Millionen Einwohnern mehr als doppelt so viele Menschen wie in Deutschland. Unser leidiges Thema Alterspyramide hat dort einen angenehmen Klang. Knapp ein Drittel der Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre, nur 5,8 Prozent haben die 65 bereits überschritten. Der große Rest befindet sich im arbeitsfähigen Alter, die Geburtenrate ist doppelt so hoch wie hier zu Lande. Doch der südamerikanische Nachwuchs hat ein viel größeres Pisa-Problem als die deutsche Jugend. Nur zirka 30 Prozent der Kinder verfügen über einen Schulabschluss. Überhaupt können nur 86 Prozent der Brasilianer lesen und schreiben.

Zu den größten Problemen des Landes gehören die hohe Inflation und die Kluft zwischen der armen, ungebildeten und der reichen, gebildeten Bevölkerung. Dank der stringenten Wirtschaftspolitik der früheren sowie der jetzigen Regierung blieben dem Land Krisen in dem Ausmaß wie der Zusammenbruch Argentiniens bis jetzt erspart. Im Gegenteil, Brasiliens Wirtschaft gilt als die kräftigste in Südamerika: die Landwirtschaft ist gut entwickelt, die Bereiche Dienstleistung und Produktion gedeihen, günstige Arbeitskräfte verhelfen zu einem dauerhaften Aufschwung. Auf der Exportliste ganz oben stehen Kaffee, Kakao, tropische Früchte, Sojabohnen und Eisenerz. Knapp die Hälfte nimmt die EU ab, ein großer Teil geht nach China und in die USA. Zwar ist ihr Anteil am Weltmarkt gesunken, doch behaupten sich die Brasilianer mit ihren Produkten noch immer auf den vorderen Plätzen. Derzeit profitieren sie von den hohen Preisen bei Eisenerz und Soja. Den Vorkommen an Eisen, Mangan, Kupfer, Nickel und Bauxit verdankt das Land seinen Ruf als Rohstofflager der Welt. Zwar beträgt die eigene Ölförderung nur ein Prozent des weltweiten Aufkommens, doch sie macht das Land unabhängig vom rasanten Preisanstieg des schwarzen Goldes.

Ein Schwachpunkt stellt nach wie vor die hohe Auslandsverschuldung dar. Sie beläuft sich auf zirka 170 Prozent der Exporte. Die Sparquote ist gering und die Investitionen in die Infrastruktur lassen nach wie vor zu wünschen übrig. Obst und Soja brauchen manchmal Wochen, bis sie für den Export verladen werden können. Die guten Nachrichten: Staatliche Unternehmen wurden privatisiert, Marktmonopole abgebaut, Gesundheits- und Rentensysteme umstrukturiert, das Bildungssystem verbessert. Und wenn der Staat Straßen- und Eisenbahnnetze ausbaut, schiebt er die Bauwirtschaft an und schafft gleichzeitig neue Arbeitsplätze. Die internationale Finanzwelt hat das Geschehen an der Copacabana voll im Blick. Beobachtet fühlt sich auch Präsident Lula (Luiz Inaciao) da Silva: Er hat mit der vorzeitigen Rückzahlung der Schulden begonnen. Schließlich stehen im Oktober die Wahlen an.

Der Rang der Russen

Geht es um die Größe des Landes, spielen die Russen auf den vordersten Rängen mit. 4 000 Kilometer von Nord nach Süd, 9 000 Kilometer von West nach Ost, ein Land 47-mal so groß wie Deutschland. Auf dieser Fläche mit kontinentalen Ausmaßen leben zirka 144 Millionen Menschen, davon 82 Prozent Russen. Doch die Föderation umfasst 21 Republiken mit (in Grenzen) eigener Verfassung und Gesetzgebung für die rund 100 Minderheiten, von denen die Tataren, Tschuwaschen, Dagestaner, Weißrussen und Mordwinen zu den größten Gruppen zählen. Im Gegensatz zu den anderen BRIC-Staaten sinkt die Bevölkerungszahl. Ebenso ging die Lebenserwartung aufgrund von Aids, Alkohol und Armut zwischen 1992 und 2001 von 68,8 auf 65,9 Jahre zurück.

Trotz der vielen Probleme, die dieses Land zu bewältigen hat, gehört die russische Wirtschaft zu den am schnellsten wachsenden weltweit. Zurzeit führt Deutschland die Liste der Handelspartner an – noch. In naher Zukunft dürfte China die Deutschen von Platz eins verdrängen. Das größte Pfund, mit dem Russen auf dem Weltmarkt Freunde gewinnen, sind die großen Reserven an Erdöl und Gas. Der Anteil an der globalen Rohölproduktion betrug in 2003 elf Prozent. Damit liegen sie nach Saudi-Arabien auf Platz zwei der Produzenten. Sie verfügen über ein Viertel der weltweiten Erdgasvorkommen. Seit Ende der neunziger Jahre profitieren die Russen von den steigenden Gasund Ölpreisen. Bezahlt werden sie mit harten US-Dollar. Damit konnten sie ihre Staatsschulden zu einem großen Teil frühzeitig tilgen. Zwar weckt diese einseitige Abhängigkeit von Öl und Gas Bedenken. Doch auch auf fallende Preise ist man in Moskau relativ gut vorbereitet. Der öffentliche Haushalt rutscht erst bei Ölpreisen unter 30 Dollar je Barrel in die roten Zahlen. So lange die Quellen sprudeln, fließt ein der Teil Einnahmen in den Stabilisierungsfonds. Mit ihm will Präsident Wladimir Putin eventuelle Ausfälle ausgleichen, um auf Dauer das Wachstumsniveau halten zu können. Darüber hinaus sollen soziale Reformen für mehr Stabilität sorgen und das Land auf lange Sicht aus der Abhängigkeit vom Ölpreis befreien. Die Stunde der Wahrheit jedoch kommt 2008, wenn die zweite Amtsperiode Putins zu Ende geht. Genehmigt ihm eine Verfassungsreform eine dritte Amtszeit, befürchten Beobachter eine übergroße Machtkonzentration und damit eine Gefahr für die junge Demokratie. Korruption und Misswirtschaft verjagen dann die dringend benötigten ausländischen Investoren. Schon jetzt behaupten Kenner des Landes, dass zirka 30 bis 50 Prozent der Unternehmensgewinne in dunkle Kanäle fließen. So erscheint der Teil, der direkt in die Taschen der Manager wandert, erst gar nicht in den Bilanzen. Zudem haben die Verstaatlichung des Ölkonzerns Yukos und die Verurteilung des Oppositionellen Michail Chodorkowskijs viele Investoren verschreckt. Doch auf Dauer müssen sich diese Befürchtungen nicht bewahrheiten. Um bestehen zu können, werden auch die Russen internationale Regeln einhalten müssen. Zurzeit jedenfalls sprechen die Prognosen für das Riesenland: Das Wachstum soll sich in diesem Jahr von 6,5 auf gut 7,5 Prozent beschleunigen.

Initialkraft Indien

In einer ähnlichen Größenordnung wächst derzeit die Wirtschaft auf dem indischen Subkontinent. Damit gehört das Land mit der größten Demokratie der Welt zu den Motoren unter den Schwellenländern. Die dichte Bevölkerung schafft zwar Probleme, gilt aber gleichzeitig als eine der größten Stärken Indiens. Von der rund eine Milliarde Menschen befinden sich 63 Prozent im arbeitsfähigen Alter zwischen 15 und 65 Jahren. Das Durchschnittsalter liegt mit 24,4 Jahren noch unter dem Brasiliens. (Zum Vergleich Deutschland: 41,7 Jahre). Allerdings erwartet die jungen Leute eine Lebenszeit von im Schnitt nur 64 Jahren. Der Großteil – rund zwei Drittel – von ihnen arbeitet immer noch im Agrarbereich, allerdings mit abnehmender Tendenz. Sie pflegen 17 regional anerkannte Dialekte, die die Verständigung deutlich erschweren. Hauptsprachen des Landes sind Hindi und Englisch. Die Kluft zwischen dem gebildeten Mittelstand, den Reichen und der eher ungebildeten Landbevölkerung ist – typisch für aufstrebende Länder – immer noch groß. Gelingt es der Regierung, die möglichen Arbeitskräfte zu qualifizieren und bieten diese dann ihre Arbeitskraft zu günstigen Löhnen auf dem Weltmarkt an, könnte das Land seine Wettbewerbsfähigkeit stark verbessern. Denn schon heute lockt die Wachstumsbranche IT mit ihrem Segment Business Process Outsourcing westliche Unternehmen, wie Siemens, Deutsche Bank oder SAP, ins Land. Diese lagern ihr Call-Center und ganze IT-Abteilungen nach Indien aus, um hier zu Lande hohe Personalkosten zu sparen.

Neben der wachsenden Bedeutung der IT-Industrie haben die indischen Pharmaunternehmen eine lukrative Nische auf dem Weltmarkt besetzt. Sie nutzten eine gesetzliche Regelung, wonach sich die einheimischen Unternehmer nicht an ausländische Arzneimittelpatente gebunden fühlen müssen und produzieren inzwischen so erfolgreich Generika, dass Indien zu den führenden Nationen in diesem Bereich zählt. Und die Zukunft für billige Arzneimittel sieht rosig aus. Allein in den nächsten sechs Jahren laufen Patente mit einem Umsatzvolumen von rund 80 Milliarden Dollar aus – gute Chancen für die indische Pharmaindustrie. Hausgemacht ist der anhaltende Boom der Handyindustrie. 2010 soll das Land zum drittgrößten Telekom-Markt aufsteigen.

Um die erreichten Positionen auf dem Weltmarkt zu halten und weiter auszubauen, bedarf es einer durchgreifenden Verbesserung der Infrastruktur und weit gehender gesellschaftspolitischer Reformen. So sterben zum Beispiel immer noch viele Inder besonders in ländlichen Gegenden an Krankheiten, die durch eine zeitgemäße Versorgung mit sauberem Wasser, einer besseren ärztlichen Betreuung und ausreichenden Medikamenten für alle Kranken vermeidbar wären.

Chinas Chancen

Große Unterschiede zwischen der Stadt- und der Landbevölkerung herrschen derzeit auch noch im größten Land der Erde, in China. Von den 1,3 Milliarden Chinesen gehören 70 Prozent zur arbeitenden Bevölkerung zwischen 15 und 65 Jahren. Innerhalb der BRIC-Staaten erreichen die Chinesen mit 32,2 Jahren das höchste Durchschnittsalter, schaffen sich außerdem seit 1979 ihr eigenes bevölkerungspolitisches Zukunftsproblem: Seitdem das Gesetz die Ein-Kind-Familie vorschreibt, müssen Frauen bei ungenehmigten Schwangerschaften sofort abtreiben. Nur auf dem Land lebende Familien dürfen ein zweites Kind bekommen, wenn das erste ein Mädchen ist. Das Ergebnis waren während der vergangenen zehn Jahre rund 300 Millionen Geburten weniger. Die Folge: Es droht – wie bei uns – eine Überalterung der Gesellschaft und den vielen Jungen dürfte es schwer fallen, eine Familie zu gründen, denn Mädchen werden viel seltener geboren als männliche Nachkommen.

Dennoch: Die vielen günstigen Arbeitskräfte gelten als eines der stärksten Argumente für den seit Jahren anhaltenden China-Boom. Wie in den anderen Schwellenländern klafft auch hier die Schere zwischen Arm (zehn Prozent der Bevölkerung) und Reich weit auseinander.

Seit den siebziger Jahren reformiert die Regierung die ökonomischen Strukturen. Mit Erfolg: Der Anteil der im Land industriell gefertigten Güter liegt bei den Exporten inzwischen bei rund 50 Prozent. Seit 1982 wächst die Wirtschaft fast ununterbrochen jährlich um sieben bis neun Prozent. Viele Industrieländer verlagern ihre Produktion ins Reich der Mitte. Und der Trend hält an. Gleichzeitig entstehen Arbeitsplätze für die heimische Bevölkerung. Die steigenden Einkommen heizen die Binnennachfrage an. Die Regierung versucht sich in dem Kunststück, die Reglementierungen für die Wirtschaft zu lockern und gleichzeitig zu kontrollieren, um das Machtmonopol der Partei zu erhalten. Die letzte große Reform machte 2004 die Abschaffung des Privateigentums rückgängig. Dennoch bleibt das Land anfällig für Rückschläge. Ähnlich wie in Russland braucht die Umstellung von einem diktatorischen System auf eine freie Marktwirtschaft viel Zeit – auch in den Köpfen der Menschen.

Das größte Wachstum verzeichnet der Außenhandel. Die Exporte erhöhten sich 2004 um 35 Prozent, die Importe sogar um 40 Prozent. Vor allem Rohstoffe wie Eisenerz, Rohöl und Metallerze braucht das Land, weil die eigenen Ressourcen nicht ausreichen, um die kräftig wachsende Industrie zu befriedigen.

Für das nächste Jahr rechnen Experten mit einer leicht reduzierten Wachstumsrate von „nur“ noch sieben bis acht Prozent. Beim Investmenthaus Goldman Sachs gibt man sich optimistisch. Denn behält die Regierung in Peking ihren Kurs Richtung freie Marktwirtschaft bei, dürften für Investoren noch auf Jahre hinaus „Reform-Dividenden“ abfallen.

Revolutionäres Quartett

Führt man sich die Größenordnung der BRIC-Staaten und das dahinter stehende Potential vor Augen, wird klar, dass es sich bei dem Aufstieg der größten Volkswirtschaften der Welt um eine industrielle Revolution handelt. Nirgendwo sonst wächst die Wirtschaft so schnell wie in diesen Ländern. Doch nicht nur die ökonomischen, auch die politischen Machtverhältnisse in der Welt werden sich radikal verändern.

Für Investoren bieten sie eine reizvolle Möglichkeit, sich ein Stück von dem großen Kuchen abzuschneiden. Doch bei einem Engagement auf den Aktienmärkten der BRICs raten Experten zur Vorsicht. Als Grundregel empfehlen sie, sich nur solche Länder auszusuchen, die einen Zahlungsbilanzüberschuss vorweisen können und deren Aktienmärkte deutlich unterbewertet sind. Indische Papiere gelten derzeit als teuer. Geeigneter erscheinen da schon Russland und Brasilien, China scheint nur bedingt empfehlenswert. Private Anleger, die sich in die Ferne wagen wollen, können sich bei heimischen Fondsgesellschaften wie DWS oder HBSC umsehen. Beide Gesellschaften bieten Fonds, die in BRIC-Staaten investieren, ebenso die dänische Sydinvest. Bei der holländischen ABN Amro gibt es ein Zertifikat für BRIC-Fans.

Wer sich für eine solche Anlage entscheidet, sollte den sozialen Sprengstoff in diesen Ländern bedenken. Bis jetzt hat es noch kein Land geschafft, die kommunistischen Fesseln endgültig abzuwerfen. Vielleicht gelingt es ja in China, doch die Partei scheint derzeit zu politischen Zugeständnissen noch nicht bereit, und in Sachen Menschenrechte gibt es nicht nur in China noch viel zu beklagen.

Melden Sie sich hier zum zm-Newsletter des Magazins an

Die aktuellen Nachrichten direkt in Ihren Posteingang

zm Heft-Newsletter


Sie interessieren sich für einen unserer anderen Newsletter?
Hier geht zu den Anmeldungen zm Online-Newsletter und zm starter-Newsletter.