Alles über die aggressive Parodontitis
Den thematischen Schwerpunkt der Veranstaltung bildeten diesmal diagnostische und therapeutische Methoden zur Behandlung der aggressiven Parodontitis. So wurden aktuelle Fragen und neueste Erkenntnisse rund um die nicht immer leicht zu diagnostierende Erkrankung, die zu starken Entzündungen – unerkannt zu fortschreitendem Gewebeverlust und letztendlich zu Zahnverlust – führt, erörtert.
„Der kleine Unterschied zwischen der aggressiven und der chronischen Parodontitis ist die Progredienz!“ Mit diesen Worten begann Professor Dr. Thomas Flemmig, Seattle, seine Ausführungen. Das wichtigste klinische Zeichen ist das rasche Voranschreiten des Gewebeabbaus. Dieser Verlust von Zahnhalteapparat beschränkt sich häufig auf wenige Regionen im Mund, bedroht aber die betroffenen Zähne ganz erheblich.
Wie auch die chronische Parodontitis hat die aggressive eine multifaktorielle Ätiologie. Die Zusammensetzung der beteiligten Mikroflora unterscheidet sich kaum von der normalen Parodontitis, was eine Frühdiagnose auch so schwierig macht. Bekannt ist aber eine familiäre Häufung, was wiederum auf die genetische Vorbelastung einzelner Patienten hindeutet. Hier ist eine umfangreiche Familienanamnese gefragt, damit solche Zusammenhänge aufgedeckt und entsprechend ein sehr engmasches Recall vereinbart werden kann. Der wichtigste exogene Faktor für die Ausprägung des Krankheitsbildes ist das Rauchen. Diabetes mellitus und Beeinträchtigungen der zellulären und humoralen Immunabwehr verschlechtern die Prognose ebenso wie fortgeschrittenes Alter. Als unerlässliche Schwerpunkte der spezifischen Therapie nannte Flemmig: mechanisches Debridement, Antibiotika, Immunmodulation und gezielte Risikoreduktion.
Die aggressive PAR verlangt den ZahnArzt
Diese Forderung stellte Prof. Dr. Christof Dörfer, Kiel. Er reflektierte die Frage, ob im Immunsystem die Optionen für eine bessere Therapie zu finden seien. Hierfür stellte er die Achsen der Immunabwehr des menschlichen Organismus dar. Der rasch fortschreitende Gewebeabbau bei der aggressiven Parodontitis ist auf eine überschießende Reaktion des Immunsystems zurückzuführen, die dem eigentlichen Reiz, der Infektion auf der Wurzeloberfläche, nicht adäquat ist. Es gibt Hinweise, dass die betroffenen Patienten Variationen im Genom haben, sogenannte Polymorphismen. Diese Unregelmäßigkeiten des Genoms führten zum Beispiel zur Bildung atypischer Entzündungsmediatoren, was wiederum die individuell sehr unterschiedlichen Entzündungsreaktionen erklären würde. Allerdings gibt es innerhalb des Immunsystems Regulationsmechanismen, die die Effekte einzelner Polymorphismen kompensieren können.
Der Referent ging ausführlich auf verschiedene Formen der Immunmodulation ein. Seien da die Impfung, die Gabe von nicht steroidalen antiinflammatorischen Mitteln (NSAIDS), Bisphosphonaten oder Probiotica sowie subantimikrobiell wirksamem Doxycyclin. Derzeit gilt Letzteres als der beste Therapieansatz. Jedoch ist die Wirkung dieser Therapie, wie auch die anderer pharmakologischer Behandlungsmethoden, klinisch kaum dokumentiert. Dörfer kam deswegen zu dem Schluss, dass die herkömmlichen Therapiemethoden, insbesondere die mechanische Reinigung der Wurzeloberflächen, das Rückgrat jeder zahnärztlichen Therapie bilden. Prof. Peter Eickholz, Frankfurt, ging näher auf die diagnostischen Schwierigkeiten zur Bestimmung des Krankheitsbildes ein. So kann die orale Inspektion kein näheres Ergebnis liefern. Meistens sind es Zufallsbefunde, wie das Röntgenbild zur KFO-Behandlung. Selbst beim leisesten Verdacht muss eine mikrobiologische Diagnostik folgen. Auch ein 24-Stunden-Scaling sowie das „Chlorhexidin-Bad“ sind unverzichtbar. Eickholz hat nach wie vor mit dem „Winkelhoff-Cocktail, also der Kombination von Amoxicillin und Metronidazol,“ beste Erfahrungen gemacht. Ein langfristiges Monitoring des Gewebeverlustes ist anschließend ein unumstößliches Muss. Der Patient, der nicht im Recall eingebunden ist, verliert fünfmal mehr Zähne“, so Eickholz. Der Referent diskutierte die Behandlungsmöglichkeit von Zähnen, die von aggressiver Parodontitis betroffen sind. Sein Vortrag war ein leidenschaftliches Plädoyer für Zahnerhalt auch solcher Zähne, die 60 bis 80 Prozent ihres Zahnhalteapparates verloren haben. Diese Zähne können über zehn Jahre erhalten werden, wobei die Erfolgsquote über 78 Prozent liegt. Entscheidend sind die rechtzeitige Diagnose und die konsequente Behandlung.
Dr. Martin Zilly, Münster, hatte die Aufgabe, Implantate als etwaige Lösungsmöglichkeit für Patienten mit aggressiver Parodontitis zu diskutieren. Für die heikle Entscheidungsfindung „Implantatgetragener Zahnerhalt ja oder nein“ stellte Dr. Zilly ein sogenanntes „Ampelprinzip” vor. Von Parodontitis betroffene Zähne werden entsprechend ihrem Knochenabbau und ihrer Mobilität in nicht erhaltungsfähig (rot), fraglich (gelb) und erhaltungsfähig (grün) eingeteilt. Die Insertion von Implantaten bei Patienten mit vorausgegangener aggressiver Parodontitis hat ein ganz spezifisches Risiko. Die neuesten wissenschaftlichen Reviews weisen darauf hin, dass in solchen Fällen ein höheres Risiko für Komplikationen besteht. Ein engmaschiges Recall und eine gründliche Nachsorge sind deswegen für die betroffenen Patienten eine conditio sine qua non.





