Der Apollonia-Kult im Wandel der Zeit

Zwischen Medizin und Metaphysik - die Geschichte einer Heiligen

241411-flexible-1900
Heftarchiv Gesellschaft
Dass Kunst und Medizin viele Berührungspunkte haben – dafür ist die Heilige Apollonia ein eindrucksvolles Beispiel. Die Geschichte der Verehrung der Schutzpatronin von Zahnleidenden und Zahnärzten spiegelt das jeweilige medizinische und kunsthistorische Verständnis ihrer Zeit wider. So ist der Apollonia-Kult vor allem ein Abbild abendländischer Kulturgeschichte. Der 9. Februar ist Namens- und gleichzeitig Todestag der Apollonia.

Groß ist die Zahl der Legenden um das Martyrium der Heiligen Apollonia, der Schutzpatronin der Zahnleidenden und Zahnärzte. Nach einem Lübecker Passional im 15. Jahrhundert, welches im ökumenischen Heiligenlexikon geschildert wird, war sie eine reiche Kaisertochter. Christin geworden, verschenkte sie allen Schmuck, den ihr der Lieblingsbruder gegeben hatte, erzürnte damit diesen und ihre anderen Brüder und verweigerte auch eine Eheschließung. Damit begann die Fülle ihrer Martyrien. Träume kündeten ihr weitere Torturen an, ein Engel führte sie deshalb zu einem Einsiedler, der sie taufte und stärkte.

Fast alle auch aus anderen Legenden bekannten Martern wurden dem Bericht nach an ihr vollzogen, immer wieder wurde sie aber von Engeln geheilt, erhielt neue Augen, neues Gehör, neue Zähne und neue Glieder. Schließlich wurde sie doch in Persien enthauptet.

Antike bis Mittelalter

Als eine der heilenden und vorbeugenden Maßnahmen sieht das christliche Abendland seit dem Mittelalter die religiöse Verehrung und Anrufung von bestimmten Heiligen. Unter diesen hat bei Zahnschmerzen Apollonia fast ein Monopol. Um zu klären, wie Apollonia zu dieser Ehre kam, hilft ein kurzer kulturhistorischer Abriss.

Mit dem Untergang der antiken Kultur bricht auch die medizinische Kontinuität. Die Nachfahren von Hippokrates und Galen stehen nur noch selten auf der Höhe der antiken Medizin. In den jungen Klöstern bewahren die Mönche wenigstens die alte medizinische Literatur vor dem Untergang, indem sie sie durch Abschreiben der Nachwelt erhalten. Neues kommt jedoch nicht hinzu. Man ist der Überzeugung, das Heil der Menschheit beruhe nicht auf etwas grundsätzlich Neuem, nicht auf stetem Fortschritt, sondern auf der Entfaltung dessen, was überkommen ist. Von diesem Konservatismus ist die folgende Zeit der Scholastik (1130 bis 1500) so geprägt, dass aus ihr der Satz stammt „1 000 Bücher seien besser als 1 000 Jahre der Beobachtung“. Aber nicht nur das Beobachten gilt als überflüssig; das Konzil von Tours untersagt 1163 den meist geistlichen Ärzten jegliche chirurgische Tätigkeit unter dem Leitwort „die Kirche vergießt kein Blut“. Damit ist eine Weiche gestellt, die die Chirurgie in die Hände von Laien – Badern, Barbieren, Quacksalbern – treibt. Besonders wird davon die praktische Zahnheilkunde betroffen, die – ohnehin schon bisher nur ein Anhängsel der Chirurgie – nun eine Attraktion der Straße und des Jahrmarktes wird.

Dem zugrunde liegt die frühchristliche Weltanschauung, die im diesseitigen Leben nur ein Präludium auf das Jenseits sieht, eine Haltung, die durch die großen Pestepidemien noch intensiviert wird. So besitzt die Bibliothek des Klosters St. Gallen im 9. Jahrhundert nur sechs medizinische, aber 1 000 theologische Bücher, bis das Konzil von Clermont 1130 gleichsam auch die restlichen sechs Bücher verbannt, indem es den Mönchen jede Beschäftigung mit der praktischen Medizin untersagt. So ist es kein Wunder, wenn von einer ärztlichen Versorgung der Masse der Bevölkerung keine Rede sein kann.

Göttliche Strafe

Da passt es ganz gut, dass sich der Christ dieser Zeit zutiefst abhängig, verantwortlich und sündhaft fühlt, in der Krankheit eine göttliche Strafe erblickt und sich die meisten therapeutischen Methoden in Gebet, Buße und Beistand der Heiligen erschöpfen. Wenn die Krankheit von Gott komme – so der Glaube – komme auch die Heilung von ihm, und jede solche gelte letztlich als Wunder. In einem flämischen illuminierten Dominikaner-Brevier, in dem Apollonia im Text innerhalb eines Initials dargestellt ist, steht in lateinischer Sprache: „Erhabene Jungfrau und Märtyrerin Apollonia, verwende Dich und bitte für uns beim Herrn, damit wir nicht zur Strafe unserer Sünden von Zahnweh heimgesucht werden.“ Also auch Zahnschmerzen fallen unter die göttliche Strafe für irdische Sünden (Abbildung 1).

Das alles ist nicht neu. In allen Hochkulturen (Ägypten, Mesopotamien, Griechenland, Rom), in denen Medizin und Religion verbunden waren, gab es Götter, die Krankheiten schickten und heilten oder als Schutz davor bewahrten. Der Bekannteste unter ihnen: Asklepios (lat.: Aesculapius), Sohn des Apollo, dessen Attribute – Stab und Schlange – noch heute Symbole des ärztlichen Standes sind. Magischer Glaube, religiöse Heilmethoden und eine vom Übernatürlichen abhängige Medizin sind also nicht ursprünglich christlich oder mittelalterlich. Vielmehr haben wir es hier mit Abhängigkeiten zu tun, die in allen Kulturen – nur in einem Teilbereich der griechischen und in der modernen Medizin hat sich die Medizin vom Übernatürlichen unabhängig gemacht – vorkommen und zeigen, dass sich der Mensch durch das Krankheitserlebnis, ob er will oder nicht, in „leidende Berührung mit seiner persönlichen Idee der Gottheit“ (Maeder, A. in: Antaios, II/4, 1960) bringt. Ungeachtet charakteristischmittelalterlicher und spezifisch-christlicher Merkmale sollte man sich daher bewusst sein, dass sich mit dem Apolloniakult nicht nur ein Abschnitt Zahnmedizingeschichte, sondern auch die überzeitliche Erkenntnis verbindet, dass „die Heilgläubigkeit ein tiefes Bedürfnis der menschlichen Natur in der Krankheitsnot“ ist (Entralgo, P. in: Antaios, II/4, 1960)

Martyrium der Apollonia

Mit dem Zerfall des römischen Weltreiches beginnt ein zivilisatorischer Abstieg, worüber auch die Feiern zum tausendjährigen Bestehen im Jahre 247 nicht hinwegtäuschen können. Wie häufig in kritischen Zeitwenden sucht man Schuldige für den Niedergang. Man findet sie in den jungen Christen. Im Vorfeld der großen Christenverfolgungen unter den römischen Kaisern Decius und Diocletian (250 beziehungsweise 303) kommt es in der antiken ägyptischen Metropole Alexandria im Jahre 249 zu einer spontanen Aktion des städtischen Pöbels. Bekannt ist das durch einen Bericht des altchristlichen Historikers Eusebius, der 50 Jahre danach im sechsten Band seiner Kirchengeschichte Zeitzeugen zitiert: „Damals stand die an Jahren vorgerückte Jungfrau Apollonia in hohem Rufe. Auch diese ergriffen sie und brachen ihr durch Schläge auf die Kinnbacken alle Zähne heraus.“ Im weiteren Verlauf des Martyriums soll sie ihren Glauben verleugnen, tut es nicht und endet schließlich auf dem Scheiterhaufen.

Ein anonymer barocker Druck zeigt das Geschehen quellengetreu (Abbildung 2) Diese Zeilen werden die Grundlage für einen jahrhundertelangen, sich auf das gesamte Abendland erstreckenden Kult, wenn wir auch vorerst 600 Jahre nichts mehr von Apollonia hören. Erst in der Mitte des 9. Jahrhunderts taucht ihr Name in Martyrologien wieder auf. Der im 10. bis 12. Jahrhundert einsetzende Reliquienkult und das sich im 12. bis 14. Jahrhundert etablierende Patrozinienwesen machen auch Apollonias Schicksal so populär, dass die Volksphantasie ihr Martyrium in Legenden weiter „ausschmückt“: Henkersknechte reißen ihr mit Zangen die Zähne heraus wie auf einem Gemälde von Pedro Pertus aus dem 16. Jahrhundert in Zaragoza (Abbildung 3).

Das Zahnweh-Patronat

Daraus entsteht dann das am häufigsten anzutreffende Attribut Apollonias: die Zange mit oder ohne Zahn. In Ergänzung zu den generellen Attributen (Palme oder Krone für siegreiche Märtyrer, Buch für den Glauben oder heiligen Lehrer) charakterisieren die individuellen Attribute die Heiligen auch ohne Inschrift als unverwechselbare Personen. Diese für das christliche Abendland spezifische Besonderheit hat zur Vielfalt und Schönheit der sakralen Kunst des Westens erheblich beigetragen. Für nahezu jede Krankheit gibt es spezielle, nur dafür zuständige Heilige. Das aus der Eigenart ihres Martyriums entstandene Sonderpatronat der heiligen Apollonia für Zahnweh lässt ihre Verehrung seit dem 13. und 14. Jahrhundert sich rasch über ganz Europa ausdehnen und führt zum Höhepunkt im 15. und 16. Jahrhundert, was sicherlich auch ein Indiz für die weite Verbreitung von Zahnkrankheiten darstellt.

Zeugnis und gleichzeitig wiederum Anlass für die weitere Popularisierung ihres Kultes sind die zahlreichen ikonographischen Darstellungen im gotischen Stil, die nahezu explosionsartig seit dem 13./14. Jahrhundert einsetzen – getragen vom einflussreich gewordenen Bürgertum in den rasch wachsenden, reichen, mittelalterlichen Städten, Ständen und Zünften. Sie lösen die mit dem Rittertum verbundene Kunst der Romanik ab. Zu den seltenen gotischen Steinbildwerken gehört eine Statue aus einer Sammlung in Portugal (Abbildung 4), sowie eine Steinstatue am Hauptportal des Münsters in Thann, in der noch etwas von der monumentalen und stilistischen Strenge romanischer Plastiken fortzuwirken scheint, während sich Idealisierung und Starrheit in der spätgotischen Holzfigur von Mighenen (Ostpreußen) zum bekannten „gotischen Schwung“ von Gliedern und Gewändern gelöst haben (Abbildung 5).

Der Weg in die Neuzeit

Allerdings ist nicht zu leugnen, dass sich die Heiligen-Anbetung teilweise zu einem Grenzgebiet zwischen Glauben und Aberglauben entwickelt hatte, wie der folgende Vers (Boléo, J. de Paiva, Santa Apolonia, Lissabon, 1960) zeigt: „Gesegnet seist Du Gott, Du Neumond, wenn die Kröten und die Schlangen kommen; ich habe zur heiligen Apollonia gebetet, sie möge mir den Zahnschmerz nehmen.“ Dagegen wenden sich schon Ende des 16. Jahrhunderts kirchliche Würdenträger wie der Erzbischof von Granada: „Es sündigen auch die, so ihre Wunden und Krankheiten durch erfahrene Ärzte und Chirurgen sowie durch die Kräfte der Natur heilen lassen können und sie trotzdem durch Beschwörungen und Reliquien von Heiligen behandeln.“ (Castillo de Lucas, zietiert nach Boléo, J. de Paiva, a.a.O.).

Das sind aufklärerische Stimmen als Ausdruck des Beginns der Neuzeit, die sich in der Renaissance ankündigt. Sie geht von Italien aus als Wiedergeburt (ital. rinascita) der Antike und Wiederentdeckung der Welt und des Menschen. Natur gilt als Vorbild, Schönheit als sittlicher, fast religiöser Wert. Etwas davon lässt Dürers innige Kreidezeichnung einer jungen heiligen Apollonia ahnen (Abbildung 6). Erdverbundenheit und Betonung der Diesseitigkeit wandeln nicht nur das alte christliche Weltbild, sondern auch die Darstellungsformen in der bildenden Kunst. Andrea del Sarto (1486 – 1531) stellt Apollonia auf einem Altarbild unmittelbar in die Natur. Berge und Bäume ersetzen die Transzendenz gotischen Goldhintergrundes. Der in der Zange gehaltene Unterkiefer ist realistisch gestaltet. Die exakte Wiedergabe der beiden Unterkieferfortsätze (processus muscularis und articularis) beweist die anatomischen Kenntnisse des Malers, die nur aus einer neuen, sich streng an der Natur ausrichtenden und durch sie oder Ärzte (die oft der gleichen Gilde angehören) geschulten Beobachtungsweise erklärbar sind (Abbildung 7).

Diesseitigkeitsbewusstsein und Reichtum betonen auch die prächtigen Renaissance- Gewänder, in denen die heilige Apollonia auf einem Altarflügel von Medingen erscheint. Die die Horizontale unterstreichenden, krausen Wülste an den Ärmeln lassen die menschliche Gestalt breit, wuchtig und erdverbunden wirken (Abbildung 8).

Nach den Glaubenskriegen

Reformation und Glaubenskriege beenden nicht nur die eigentliche Hochblüte der Apollonia-Verehrung, sondern lassen das Patronat der Künste vom Einfluss verlierenden Bürgertum an Staat und Kirche übergehen. In den nun folgenden Jahrhunderten (1600 bis 1800) nimmt der Apolloniakult in den katholischen Ländern noch einmal einen großen Aufschwung, wenn sich auch der Bilder- und Figurenreichtum – im Spätmittelalter besonderer Ausdruck der volkstümlichen Heiligenverehrung – jetzt zugunsten einer lediglich noch schmückenden und den alten Glauben repräsentierenden Funktion wandelt. In dieser Zeit des Barock ändert sich das Genre der Apollonia- Darstellungen. Einerseits wird die Grausamkeit des Martyriums voller Pathos und mit vielen, teilweise aus Legenden stammenden Einzelheiten herausgestellt, wie auf einem Stich nach dem Altarbild von Jakob Jordaens in der Augustinerkirche von Antwerpen (Abbildung 9), andererseits der Schmerz in einem still leidenden Gesichtsausdruck verinnerlicht, wie in der Skulptur von Johann Wilhelm Gröninger im Dom zu Münster (Abbildung 10). In seiner Endphase steigert sich barockes Kunstempfinden zu höchster Verfeinerung und Vollendung, zum Rokoko, wie in der Holzplastik von Philipp Rämpl in der Leonhardkirche von Dietramszell (Bayern). Vergessen ist hier das erdenschwere Leid der Gemarterten: Apollonia schwebt – himmelwärts blickend – auf und in Wolken, wobei ihr ein Putto am Saume reich bewegter Gewänder sogar die Last des Zangenattributes abnimmt (Abbildung 11).

Mit dem Klassizismus, der sich ab der Mitte des 18. Jahrhunderts „gegen den die Sinne mit Pracht vernebelnden Barock der Kirche“ und „gegen das bunte Gaukelwerk des Rokoko der Höfe“ (Andreae, H., Klein Stilgeschichte, Hamburg, 1959) wendet, endet die fruchtbare Liaison der Kunst mit dem Apollonia-Kult. Dieser bleibt im Volksglauben und -brauchtum gegenüber vielen anderen Heiligenkulten auch im 19. Jahrhundert noch lebendig, wo volksmedizinische Überlieferungen ihre Verehrung trotz vorausgegangener Aufklärungszeit und fortschreitender Wissenschaft wach halten. Was die Liaison mit der Kunst angeht, so erinnert sich erst die moderne Kunst unserer Zeit nach dem 2. Weltkrieg des dankbaren Motivs. Ein Beispiel dafür ist das Kirchenfenster in der der Apollonia geweihten Pfarrkirche von Helmern im Dekanat Lichtenau aus den 50er-Jahren (Abbildung 12). Der Verzicht auf Ornamente und Schnörkeleien, die Betonung der klaren, einfachen Linie und die Beschränkung auf Zweck und Funktion des reinen Materials erinnern nicht von ungefähr an Stilelemente der Romanik und führen so an den Ausgangspunkt dieser Betrachtungen zurück.

Die Standespatronin

Obwohl die moderne Zahnheilkunde den Apollonia-Kult im 20. Jahrhundert in seiner ursprünglichen Form endgültig verebben lässt, wird Apollonia auf Grund ihrer kulturhistorischen Tradition Standespatronin katholisch- christlicher Zahnärzte und darüber hinaus ein nahezu verweltlichtes Symbol aller im Dienste der Zahnheilkunde und des zahnkranken Menschen stehenden Berufe und Tätigkeiten. In diesem Zusammenhang entstehen auch heute noch Apollonia- Schöpfungen. So findet sie sich auf Verdienst- und Gedenkmedaillen oder sogar auf einer österreichischen Briefmarke zum 70. Jahresweltkongress der Zahnärzte der FDI (Abbildung 13). Weiteren Kreisen ist Apollonia auch bekannt geworden durch Andy Warhols Serigrafie „Saint Apollonia“ nach einem Tafelbild von Piero Della Francesca (1406 bis 1492). Die jüngste Ehrung erfährt die Heilige durch die Gründung der „Apollonia zu Münster-Stiftung der Zahnärzte in Westfalen-Lippe” im Jahre 2000 unter ihrem damaligen Präsidenten und jetzigen Bundeszahnärztekammer- Präsidenten Dr. Dr. Jürgen Weitkamp. Mit dem Förderpreis für journalistische und/oder wissenschaftliche Leistungen will die Stiftung die präventionsorientierte Zahnheilkunde fördern und diese im Ansehen der Bevölkerung verankern. Damit wird auch Apollonia in dieser Gesellschaft weiterleben!

Dr. Wilhelm BulkHimmelreichallee 4348149 Münster

Literatur beim Verfasser

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