Zahnärztetag Westfalen-Lippe

Risiko Restgebiss

Patienten mit Restgebiss stellen den Behandler vor eine Herausforderung: Die Therapie ist in der Regel schwierig, den berühmten Königsweg gibt es oftmals nicht. Wie man diese Fälle dennoch fundiert versorgt und dabei auch die Kosten abdeckt, das stellten die Referenten auf dem diesjährigen Zahnärztetag Westfalen-Lippe Anfang März in Gütersloh vor.

„Die ZahnMedizin in Deutschland basiert auf einem wissenschaftlich hohen Standard und braucht den internationalen Vergleich nicht zu scheuen“, betonte der Präsident der Zahnärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. Walter Dieckhoff, in seiner Eröffnungsrede. „Doch obwohl in der hochwertigen zahnärztlichen Versorgung längst die Zukunft begonnen hat, befindet sich die Honorierung in der Zeit des Mittelalters.“ Deshalb breche der Zahnärztetag 2008 bewusst mit den Traditionen. Dieckhoff: „Wir reden dieses Jahr auch über betriebswirtschaftliche Zwänge, nicht nur über wissenschaftliche Therapien!“

Bollwerk gegen Regelunfug

Nach dem Reform-Pfusch herrsche nun Stillstand in der Gesundheitspolitik. Vor diesem Hintergrund erscheine die größte Fortbildung der Region immer mehr als Bollwerk gegen widersinnige Regelmentierungen. „Unsere Patienten – und auf die kommt es uns an – verstehen diese Regelwerke längst nicht mehr“, führte Dieckhoff aus. „Sie interessieren sich in erster Linie für die zahnmedizinische Versorgung und dafür, dass diese auf dem neuesten Stand erfolgt.“ Politische Auseinandersetzungen seien glücklicherweise kurzlebiger Natur. „Was sich langfristig hält, sind wissenschaftliche Behandlungskonzepte.“

Dass der Zahnarzt gerade beim Patienten mit Restgebiss auf lange Sicht erhöhte Risiken bei der Versorgung berücksichtigen muss, betonte Tagungspräsident Prof. Dr. Reiner Biffar. Neben der Gefahr von Zahnverlust spielten aber auch strategische Überlegungen eine große Rolle. Gerade für diese Patienten sei es wichtig, dass die Versorgung möglichst lange Zeiträume abdeckt und sie im Ergebnis eine hohe mundbezogene Lebensqualität genießen. Gleichzeitig kosteten prothetische Maßnahmen Geld und könnten deshalb schnell Streitpunkt sein. Biffar: „Weil der Zahnarzt immer stärker haushalten muss, um mit seinem Team über die Runden zu kommen, ist betriebswirtschaftliches Denken gefragt.“ Die Referenten diskutierten daher Therapien bei Patienten mit Zahnverlust – und erörterten in dem Zusammenhang auch abrechnungsrelevante Fragen. Dargelegt wurde dabei etwa die Versorgung von verkürzten Seitenzahnreihen, prothetische Strategien, das Problem von Implantaten im Restgebiss und die Notwendigkeit von Funktionsdiagnostik und -therapie.

Den Blick aufs große Ganze wagte Festredner Prof. Dr. Kurt H. Biedenkopf. Ob es um den demografischen Wandel, die Klimaveränderung oder die Globalisierung gehe: Insgesamt werde in Deutschland wenig diskutiert, dass die Umbrüche längst ihre Wirkung zeigen. „Das Denken hierzulande ist vergangenheitsbehaftet“, verdeutlichte Sachsens ehemaliger Ministerpräsident. Letztlich werde die Gesellschaft von der Gegenwart überrollt, obwohl der Politik eigentlich die Funktion zukommt, diese zu gestalten.

Aber nicht nur gesamtgesellschaftlich, speziell im Gesundheitswesen stehe ein Paradigmenwechsel bevor. Die Frage der sozialen Gerechtigkeit fokussiere sich nämlich zunehmend auf eine Frage der Verteilung. Diese Probleme könnten auch im Gesundheitswesen nicht mehr durch reine Vermehrung gelöst werden. Nein, stattdessen müsse man mit begrenzten Ressourcen künftig intelligenter umgehen. „Die Sozialsysteme sind damals nicht mit dem Anspruch einer umfassenden Bürgerversicherung aufgebaut worden“, stellte Biedenkopf klar. „Jetzt gilt es, unser Land so zu organisieren, dass die große Mehrheit der Menschen nicht reine Empfänger staatlicher Leistungen sind.“

Ganzheitlich denken

Neu positionieren müsse sich auch die Medizin. Hier sei insbesondere ein intensiveres Zusammenwirken der Disziplinen geboten. Nur dann könne man den Patienten ganzheitlich und nach dem neuesten Stand behandeln. Eine Forderung, die Dieckhoff und dem als Gast anwesenden BZÄK-Präsidenten Dr. Dr. Jürgen Weitkamp aus dem Herzen sprach: Sie dringen seit langem darauf, Allgemeinmedizin und Zahnmedizin enger zu verzahnen.

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