Editorial

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

wenn es stimmt, dass Politiker Zahlen in gleicher Weise nutzen wie Betrunkene Straßenlaternen – als Halt, nicht zur Erleuchtung – dann stehen Deutschland harte Zeiten bevor: die aktuellen Defizite gesetzlicher Krankenkassen beziffert fast jeder Schätzer anders. Aber nicht nur in diesen „Details“, nein insgesamt verstärken die Gutachter unterschiedlicher Provenienz den Eindruck, dass längst nicht mehr nur die Betrunkenen, sondern auch schon die Laternen schwanken. Vielleicht empfindet es mancher Politiker da eher als Glück, dass Deutschlands Bürokratie inzwischen einen ganzen Wald voller Laternen anbietet: Auf diese Weise schwingt sich der sozialisierte Parlamentarier erfolgreich von einer Laterne zur Nächsten.

Was auf den ersten Blick so unterhaltsam wirkt, beschreibt einen Missstand, der dringend abgestellt gehört. Ein Gesundheitswesen, das selbst von seinen ausgewiesenen Fachleuten in den ihm zugrunde liegenden Fakten zunehmend unterschiedlich eingeschätzt wird, zeugt nicht von Durchschaubarkeit, Gradlinigkeit oder gar Praktikabilität. Wo Milliarden-Löcher tagtäglich neu beziffert werden können, wo Hunderte von SGB V-Paragrafen und Tausende von Verordnungen ein Umfeld schaffen, das so zerklüftet wirkt, dass für den sogenannten Blick über den Tellerrand der Mut schwindet, da wird Bürokratieabbau zur Verpflichtung.

Und da Chronisten wie auch Bundesregierung momentan die Überzeugung teilen, dass die Doppel-Nuller-Jahre des dritten Jahrtausends ab jetzt Vergangenheit sind, können diejenigen, die im Gesundheitswesen auf Begriffe wie Verlässlichkeit, Nachhaltigkeit, Transparenz und Qualität bauen, diese Besserung zu Recht einfordern.

Der Koalitionsvertrag wie auch die derzeitigen Interpretationen der Regierungspolitiker versprechen – auch wenn vieles schon wieder im Vorfeld zerredet wird – für dieses Jahr Einiges an Bewegung.

Da schwingt also so etwas wie Entschlossenheit mit, die labilen Laternen links liegen zu lassen und einen anderen, geraden Kurs auszutesten. Vielleicht bringt das voran, vielleicht hilft schon die Erkenntnis, dass man auf das Übermaß absichernder Laternen gar nicht angewiesen ist: Mut zur Entscheidung kann auch voranbringen. Hier wird eine von gesellschaftlichem Augenmaß geprägte, verständige Beratung durch beruflichen Sachverstand unterstützen.

Gelingt das überzeugend, dürfte auch mancher Politiker dafür dankbar sein. Auf Dauer macht es nämlich wenig Spaß, sich an instabilen Laternen festzuhalten.

Mit freundlichem Gruß

Egbert Maibach-Nagelzm-Chefredakteur

Melden Sie sich hier zum zm-Newsletter des Magazins an

Die aktuellen Nachrichten direkt in Ihren Posteingang

zm Heft-Newsletter


Sie interessieren sich für einen unserer anderen Newsletter?
Hier geht zu den Anmeldungen zm Online-Newsletter und zm starter-Newsletter.