Medizin und virtuelle Realität

Verhaltenstherapie 2.0

Menschen, die an Phobien wie Höhen-, Platz- oder Flugangst leiden oder beim Anblick von Spinnen in Panik geraten, müssen erhebliche Einbußen in puncto Lebensqualität hinnehmen. Jetzt rüstet die Verhaltenstherapie auf: Sie konfrontiert Betroffene in der virtuellen Realität mit ihren Ängsten.

Zahnärzte kennen das Problem: Ungefähr 60 Prozent ihrer Patienten haben leichte bis mittelgroße Angst vorm Zahnarztbesuch, 15 Prozent leiden an einer stark ausgeprägten Dentalphobie. Sie können das Geräusch des Bohrers oder den Anblick der Betäubungsspritze nicht ertragen – oft empfinden sie bereits den bloßen Gedanken daran als unerträglich. Insgesamt leidet etwa jeder zehnte Deutsche an einer Phobie.

Angststörungen können Psychotherapeuten mit Verhaltenstherapien behandeln. Die Betroffenen setzen sich in deren Verlauf aktiv mit der angstauslösenden Situation auseinander. In einem sogenannten Expositionsverfahren begeben sie sich – in Anwesenheit des Psychologen – in die phobische Situation und verbleiben darin. Das Ziel: Indem der Patient lernt, dass das befürchtete Horrorszenario ausbleibt, soll die Angst habituiert und nach und nach weniger werden. In den vergangenen Jahren hat die virtuelle Exposition an Bedeutung für die Verhaltenstherapie gewonnen.

Die Cyber-Session

Fans von Computerspielen oder Onlinecommunitys wie Second Life sind mit den virtuellen Welten des Cyberspace vertraut. Auch die Psychologie hat die computergenerierten 3D-Animationen für die Expositionstherapie entdeckt. In Deutschland erforschen einige Universitätskliniken die Behandlung von Angstpatienten in der virtuellen Realität. Ans Universitätsklinikum Münster können sich Menschen wenden, denen Spinnen, Höhe oder Autofahren Panik machen. Die Wissenschaftler vom Lehrstuhl biologische Psychologie, klinische Psychologie und Psychotherapie in Würzburg haben sich auf Spinnen- und Flugangst spezialisiert. Mediziner und ein hausinterner Informatiker haben zu diesem Zweck sogar eine spezielle Software namens CyberSession entwickelt.

Diplompsychologin Johanna Brütting konnte in Würzburg schon viel Erfahrung mit dem Programm sammeln. Sie erklärt: „Bei der Therapie in der virtuellen Realität werden die Patienten in einer sicheren Umgebung mit ihrer Angst konfrontiert. Das ermöglicht ihnen, alle eingeübten Sicherheitsstrategien aufzugeben und die Angst zuzulassen.“

Der Ablauf: Für die virtuelle Exposition werden die Patienten in einem Behandlungsstuhl platziert. Bei Patienten, die Angst vorm Fliegen oder Autofahren haben, ist der Sitz auf einer Bewegungsplattform montiert, um Situationen wie Turbulenzen oder Beschleunigung zu simulieren.

Die gefürchtete Situation – zum Beispiel beim Gang in den Keller auf Spinnen zu stoßen – kann auf zwei Arten dargestellt werden. Die kostengünstige Variante: Man setzt den Patienten vor einen Monitor, auf dem ein Kellerraum mit Spinnen zu sehen ist. Nachteil dabei ist allerdings die eingeschränkte Immersion: Zwar wird das Blickfeld vom Bildschirm beherrscht, in den Augenwinkeln können die Phobiker ihr Umfeld aber immer noch wahrnehmen. Das entschärft die Konfrontation und vermindert die Heilungschancen.

Besser ist die visuelle Darstellung über ein sogenanntes Head-Mounted Display (HMD). Patienten setzen das HMD wie eine Brille auf und sehen die am Computer erzeugten Bilder auf einem augennahen Bildschirm. Manche HMDs projizieren die Bilder auch direkt auf die Netzhaut. Dank der Befestigung am Kopf ist das visuelle Erlebnis des Trägers unabhängig von seinen Kopfbewegungen. So entsteht bei ihm das Gefühl, sich wirklich in der vom Computer erzeugten Bildlandschaft zu bewegen. Übrigens werden HMDs auch in der medizinischen Ausbildung eingesetzt. Chirurgen können mit ihrer Hilfe komplizierte Operationen einüben.

Besuch der virtuellen Welt

„Bei der Behandlung von Ängsten ist es individuell anders, wie lange eine Therapie dauert“, sagt Brütting. Die Konfrontation mit der Angst in der virtuellen Realität ist auch nur ein Teil der Behandlung. Im Vorfeld muss in Gesprächen zwischen Psychologe und Patient geklärt werden, wovor genau er Angst hat. „Bei Spinnenphobikern gibt es viele Varianten. Manche haben Angst vor Vogelspinnen, weil sie so groß und haarig sind. Andere fürchten sich vor Weberknechten, weil sie lange dünne Beine haben“, erläutert die Psychologin. Außerdem spiele es eine Rolle, wo im Raum sich die Spinne befindet. „Für viele ist es schlimmer, wenn die Spinne an der Decke sitzt, denn von dort kann sie zusätzlich zu allem anderen herunterfallen.“

Auch bei Flugphobikern gilt es laut Brütting, im Vorfeld herauszufinden, was genau die Angst auslöst: „Passiert es beim Starten/Landen oder bei Turbulenzen? Ist es die Angst vor einem möglichen Absturz oder vor dem Kontrollverlust?“ Um das Krankheitsbild richtig zu erkennen, erhalten Patienten vor der Therapie einen Diagnostikfragebogen. „Finden Sie Ihre Flugangst übertrieben stark?“ oder „Leiden Sie häufig unter starken Sorgen, zum Beispiel über familiäre, berufliche oder finanzielle Angelegenheiten?“ sind Fragen, die dort geklärt werden. Außerdem werden Angaben zur sozialen Situation erhoben, zum Beispiel ob die Patienten in einer Beziehung leben, wo sie wohnen oder welchen Beruf sie ausüben.

Vorgespräche und Auswertung der Fragebögen bilden die Basis für den Therapieplan und den Ausflug in die virtuelle Welt. Den Angaben zu ihrer Angst entsprechend – zum Beispiel Panik beim Start des Flugzeugs – kann der behandelnde Psychologe das animierte Schreckensszenario passgenau programmieren. So wird der Flugphobiker via Cybertrip in ein startendes Flugzeug versetzt. Parallel erfassen Elektroden physiologische Daten wie Herzrate, Schreckreflex und Hautleitfähigkeit.

Lebenslanges Lernen

Die Compliance der Patienten beschreibt Brütting als gut. „Natürlich ist es erst einmal ungewohnt für sie, die Geräte anzulegen. Viele fühlen sich auch unwohl, weil sie wissen, dass sie gleich mit dem konfrontiert werden, wovor sie am meisten Angst haben auf der Welt.“ Panikausbrüche in der Art, dass sich Patienten das HMD vom Kopf reißen, hat die Würzburger Psychologin noch nicht erlebt. „Ich bespreche im Vorfeld ausführlich mit meinen Patienten, warum sie die Angst aushalten müssen.“

Bei manchen Patienten kann es allerdings zu „Cybersickness“ kommen, einer mit der Kinetose vergleichbaren Krankheit. Sie tritt auf, weil in der virtuellen Realität Bewegungen zu sehen sind, die der Körper in Wirklichkeit nicht mitmacht. Cybersickness äußert sich in Form von Schwindelgefühlen und Übelkeit – die Angst vor der Exposition spielt hier als Auslöser keine Rolle.

Der Vorteil des virtuellen Expositionsverfahrens: Die Hemmschwelle, sich in die angstbesetzte Situation zu begeben, ist geringer, der Reiz, der durch die 3D-Simulation ausgelöst wird, reicht jedoch aus, um die Phobie anzusprechen. Aber nicht alle Patienten können sich auf die virtuelle Realität einlassen. „Manche Menschen können nicht ausblenden, dass das, was sie sehen, virtuell ist. Bei ihnen wird keine Angst freigesetzt“, erklärt Brütting. Das treffe auf circa ein Sechstel der von ihr behandelten Patienten zu. In solchen Fällen empfehle es sich, nach ausreichender Vorbereitung in der Realität zu üben, zum Beispiel mit echten Spinnen. Flugphobikern rät Brütting, die Therapie ein bis zwei Wochen vor einer Flugreise zu machen, damit die eingeübten Strategien zeitnah umgesetzt werden können. In Würzburg wird die Flugangsttherapie als eintägiges Blockseminar angeboten. Kosten: maximal 300 Euro.

Die Behandlung von Phobien im Cyberspace ist innovativ, aber kein Wunderheilmittel. Das betont auch Brütting: „Die Therapie in der virtuellen Realität spricht sehr viele Patienten an, kann viel bewirken. Allerdings heißt das nicht, dass sie danach in der Realität nie wieder Angst empfinden. Die virtuelle Exposition ist der Anfang einer meist erfolgreichen Bewältigung der Phobie. Danach müssen die Patienten aber dran bleiben und weiter üben, eine Rückkehr der Angst ist leider immer möglich.“

Susanne TheisenFreie Journalistin in KölnSusanneTheisen@gmx.net

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