Mit FCSM e. V. in Ecuador

Viel Kons, das erste maligne Karzinom und die Saraguro-Kultur

Hilfseinsätze überwältigen mit zahlreichen Eindrücken: die teilweise stark kariös zerstörten Gebisse, die andere Mundhygiene, das fremde Land und sein Gesundheitssystem. Die Zahnärztin Sümeyye Demir aus Düsseldorf – sie war mit der Hilfsorganisation FCSM in Guadalupe (Ecuador) – hat dazu während ihrer Reise binnen kürzester Zeit auch noch Spanisch gelernt.

Durch die Organisation FCSM e. V. wurde ich auf ein Projekt in Ecuador aufmerksam. Nach intensivem Informationsaustausch und guter Kooperation mit FCSM im Vorfeld und trotz meiner anfänglichen Angst, allein als junge Zahnärztin in ein weit entferntes, mir unbekanntes Land zu reisen, ging es am 24.05.2019 los: sechs Wochen Ecuador.

Dort habe ich fünf Tage die Woche in einem kleinen Krankenhaus in dem Dorf Guadalupe gearbeitet. In der Zeit wohnte ich in dem Haus, das den Volontären zur Verfügung gestellt wird. Neben mir arbeiteten in der Klinik noch ein US-amerikanischer Allgemeinarzt, eine deutsche Allgemeinärztin und ein deutscher Zahntechniker.

Zu Beginn war die Patientenkommunikation eine riesige Herausforderung für mich, denn die Patienten und das Klinikpersonal sprachen nur Spanisch, was ich nicht konnte. Anfangs unterhielt ich mich mit meiner Helferin auf Englisch, doch ihr Wortschatz war nicht so groß. Also musste ich Spanisch lernen! Vielleicht liegt es daran, dass ich als Kind zweisprachig erzogen wurde – meine Eltern kommen aus der Türkei, ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen – und in der Schule noch Latein, Englisch und Französisch gelernt habe. Vielleicht weil ich einfach sehr viel mit den Einheimischen kommuniziert habe – jedenfalls ging es leichter als gedacht. Das Klinikpersonal und ich selber waren überrascht, wie schnell ich mich fließend auf Spanisch unterhalten konnte. Das erleichterte mir die Arbeit in der Klinik enorm.

Zu meinen alltäglichen Arbeiten gehörten sowohl Extraktionen als auch konservierende Behandlungen wie Füllungen, Endodontie und prothetische Behandlungen in Form von Interimsprothesen. Vor meiner Reise hatte ich mich darauf eingestellt, fast ausschließlich Extraktionen durchzuführen, nun war ich erstaunt, dass dies nicht zutraf und zu meinen Hauptaufgaben auch konservierende Behandlungen gehörten.

In Ecuador sind zuckerhaltige Getränke sehr weit verbreitet, so dass zahlreiche Patienten viele kariös zerstörte Zähne aufwiesen. Gleichzeitig sah ich Patienten, die größtenteils Naturprodukte und Gemüse aus eigenem Anbau aßen und einwandfreie und gesunde Gebisse zeigten. Die Patientenklientel war also stark gemischt, bei den Erwachsenen wie bei den Kindern.

Die Compliance der Kinder war beeindruckend

Bei den Kinderbehandlungen machte ich die Erfahrung, dass die Kinder – beispielsweise vor einer Extraktion – trotz anfänglicher Angst sehr compliant waren und die Behandlung tapfer überstanden. Sie wurden von ihren Eltern auch sehr dazu ermutigt. Eine andere prägende Erfahrung hatte ich bei einem Patienten Anfang 20, der einen schlechten Allgemeinzustand und multiple kariöse Läsionen aufwies. Nach dem intraoralen Befund und der Inspektion der Mundschleimhaut zeigte sich eine einseitige hyperplastisch rötliche Mundschleimhautveränderung im Rachen- und Tonsillenbereich. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass diese über mehrere Monate gewachsen sei. Mit Verdacht auf ein malignes Karzinom überwies ich den Patienten in eine größere, spezialisierte Klinik mit der Bitte um eine Biopsie. Während meiner Assistenzzahnarztzeit in Deutschland hatte ich zwar auch verschiedene Mundschleimhautveränderungen zu Gesicht bekommen, jedoch keine mit dem dringenden Verdacht auf ein malignes Karzinom. Das sah ich in Ecuador zum ersten Mal.

Drei Stunden durchs Gebirge zu Klinik

Die zahnmedizinischen Materialien und Instrumente wurden größtenteils von den Volontären aus Deutschland mitgebracht, sodass eine qualitativ angemessene Behandlung durchgeführt werden konnte, auch analoges Röntgen war möglich. Um acht Uhr morgens meldeten sich die Patienten in der Klinik an, woraufhin eine Reihenfolge festgelegt wurde. Eine Terminvergabe, wie wir sie kennen, gab es nicht – aus mehreren Gründen: einerseits, weil die Patienten Pünktlichkeit oft nicht garantieren können, was ab und zu am langen und erschwerlichen Weg zur Klinik liegt, teilweise drei Stunden durch neblige Gebirge, oder daran, dass die Busse nicht pünktlich fahren. Da bekommt Pünktlichkeit automatisch einen anderen Stellenwert. Andererseits weil man nicht voraussagen kann, welche zahnmedizinische Behandlung beim jeweiligen Patienten durchgeführt werden muss. Erst nach der intraoralen Befunderhebung wurde deutlich, ob eine umfangreiche Behandlung oder eine weniger umfangreiche notwendig ist. So kam es vor, dass einige Patienten eine lange Wartezeit in Kauf nehmen mussten.

Trotz dieser langen Wartezeit hatten die Patienten stets ein Lächeln im Gesicht. Ich spürte ihre Herzlichkeit und Dankbarkeit, die sie auch mit kleinen Geschenken zeigten. Herzerwärmend! Die Arbeitsatmosphäre insgesamt war sehr angenehm – und untermalt von den Gesängen der ecuadorianischen zahnmedizinischen Fachangestellten.

Bereichernd waren auch die Kontakte zu anderen Ärzten und zur Bevölkerung vor Ort. Ich lernte viele verschiedene Menschen kennen, so reiste für zwei Wochen eine Gruppe von Augenärzten aus den USA an, um unter anderem Katarakt-Operationen durchzuführen. Mit ihnen verbrachte ich viel Zeit, wir saßen abends auf dem Balkon oder spielten ein wenig mit der hauseigenen Gitarre. Zusammen besuchten wir die nächstgelegene Stadt Zamora, organisierten Ausflüge zu Wasserfällen und gingen durch den Regenwald wandern.

Nach ihrer Abreise unternahm ich viel mit Ecuadorianern vor Ort und wurde herzlichst aufgenommen. Mir wurde die wunderschöne Natur- und Tierwelt Ecuadors gezeigt und ich bemerkte, wie naturgebunden meine ecuadorianischen Freunde sind. An Wochenenden wurde ich auf traditionelle indigene Feste eingeladen, wo ich die Saraguro-Kultur näher kennenlernen durfte. Auch bei alltäglichen Dingen, wie gemeinsam Fußball zu spielen oder andere Freunde zu besuchen, wurde ich eingebunden. So bekam ich einen sehr guten Einblick in das Leben und den Alltag der ecuadorianischen Menschen – und wurde ein Teil dieser. Ihre Gastfreundlichkeit und stets positive Lebenseinstellung begeisterten mich sehr.

Fazit: Ich möchte jedem Zahnarzt, zahnmedizinischen Fachangestellten oder Zahntechniker ans Herz legen, ebenso ein Volontariat in einem Entwicklungsland zu absolvieren. Meine Zeit in Ecuador gehört zu den einprägsamsten und wertvollsten Erfahrungen in meinem Leben.

Sümeyye Demir40477 Düsseldorf

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