Werkstoffkunde für Zahnärzte

Werkstoffkundliche Grundlagen für eine erfolgreiche Befestigung

Martin Rosentritt
,
Anja Liebermann
,
Annett Kieschnick
,
Bogna Stawarczyk
Das Angebot an Materialien für festsitzenden Zahnersatz ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Um die Übersicht über die vielfältigen Materialoptionen zu behalten, wird fundiertes Wissen über Materialeigenschaften, Indikationsoptionen sowie über mechanische und chemische Vorbehandlungen von Zahnhartsubstanz und Restaurationsinnenfläche immer wichtiger. Im folgenden Beitrag werden werkstoffkundliche und klinische Aspekte der Befestigung von festsitzendem Zahnersatz erörtert.

In der vergangenen Dekade hat sich das Spektrum der für festsitzenden Zahnersatz zur Verfügung stehenden Materialien stark erweitert – allerdings ohne dass sich damit ein neuer Goldstandard hätte etablieren können. Die heutige Situation ist eher gekennzeichnet von einer immer ausgedehnteren Vielfalt an Materialien, wobei für jede Neuentwicklung naturgemäß Langzeitdaten erst ermittelt werden müssen. Neben den traditionellen Legierungen gibt es heute vor allem zahnfarbene Alternativen auf Silikatkeramik-, Kunststoff- oder Zirkonoxidbasis am Markt. Viele dieser Materialien können neben der konventionellen Herstellung vom Zahntechniker auch über digitale CAD/CAM-Technologien verarbeitet werden.

Unabhängig von der Vielfalt des Angebots sind die grundlegenden Anforderungen an ein Zahnersatz-Material unverändert geblieben: Nach wie vor soll Zahnersatz funktionell stabil, biokompatibel sowie langlebig sein und den gestiegenen ästhetischen Ansprüchen genügen. Das Behandlungsergebnis hängt nicht nur vom Material selbst, sondern in erheblichem Maß von der richtigen Indikationsstellung und der optimalen Verarbeitung über den gesamten Prozess der Behandlung hinweg von der Präparation bis zur Eingliederung ab [Ernst, 2010]. Zum klinischen Erfolg tragen zum Beispiel die Form der Präparation, die Art der verwendeten Materialien, die Reinigung und Konditionierung der Restauration und das verwendete Befestigungsmaterial bei [Rosentritt, 2017b; Rosentritt et al., 2016]. Werkstoffkundliche Informationen stellen dabei die Basis für die klinisch erfolgreiche Befestigung dar. Die Anforderungen an ein Befestigungsmaterial sind im Allgemeinen klar definiert und umfassen

  • die Sicherung der Stabilität und Lagesicherung bei funktionellen Belastungen,

  • die homogene Kraftverteilung und -weiterleitung,

  • die Versiegelung der Zahnhartsubstanz,

  • die chemische Beständigkeit gegen das orale Milieu,

  • die Biokompatibilität und Gewebeverträglichkeit.

Für den Anwender wichtige Voraussetzungen für die Wahl des Befestigungsmaterials sind eine sichere Handhabung, die wirtschaftliche, schnelle und möglichst einfache Verarbeitung sowie die Möglichkeit, Überschüsse rückstandslos zu entfernen.

Art der Befestigung

Bei der Befestigung wird je nach Behandlungsziel und Material zwischen einer provisorischen (temporär, einfach und rückstandlos lösbar) und einer definitiven (permanent, unlösbar) Befestigung unterschieden. Eine definitive Befestigung kann darüber hinaus entweder mit Zementen oder mit Befestigungskompositen vorgenommen werden. Die Befestigungskomposite muss man zwingend differenzieren in Materialien mit und ohne Konditionierung der Zahnhartsubstanz (adhäsive Befestigung / selbstadhäsive oder selbstätzende Befestigung).

Im Gegensatz zu adhäsiven Befestigungskompositen gehen dentale Zemente keine oder nur eine sehr geringe chemische Verbindung zum Zahn ein (Tabelle 1).

Präparation

Wird minimalinvasiv oder defektorientiert präpariert, muss unbedingt mit adhäsiven Befestigungssystemen gearbeitet werden [Hajtó, 2010]. Im Zweifelsfall gilt, dass eine retentive Präparation die Haftung für alle Befestigungsarten verbessert und daher klinisch zu bevorzugen ist. Die Zementierung benötigt zwingend eine retentive Präparation mit einer Stumpfhöhe von mehr als vier Millimetern und einem Konvergenzwinkel von etwa 10 Grad (Abbildung 1). Passgenauigkeiten und Rauheiten sind für den Verbund und die Haftung entscheidend, denn die Restauration wird mit der Zahnhartsubstanz beziehungsweise dem Abutment verkeilt. Werden größere Restaurationen befestigt, gelten die Präparationsrichtlinien für alle beteiligten Pfeilerzähne oder Abutments. Auch für selbstadhäsive Befestigungskomposite ist einer retentiven Präparation der Vorzug zu geben. Lediglich bei der Verwendung von Adhäsivsystemen kann minimalinvasiv präpariert oder je nach Einzelfall auch auf eine Präparation verzichtet werden. Grundsätzlich gilt, dass die Präparation immer an das angewendete Material angepasst sein muss.

Bearbeitung

Eine Bearbeitung der Oberfläche bewirkt grundsätzlich die Aufrauung der Materialoberflächen und erzeugt durch ein mikroretentives Muster die Vergrößerung der zu verbindenden Oberflächen. Zusätzlich wird das Material gereinigt – so fließen Primer, Bonder oder Befestigungsmaterial leichter an der Oberfläche an. Dadurch wird eine homogene und gleichmäßige Schichtstärke des Materials erzielt und der Verbund der Oberflächen optimiert. Um diese Ziele zu erreichen, reicht bereits eine schonende Bearbeitung der Oberflächen durch Strahlen, Schleifen oder Ätzen aus. Spröde Werkstoffe wie Keramiken sollten jedoch möglichst nicht gestrahlt werden, da nicht selten durch das Strahlen Risse in der Restauration entstehen, die zu einer vorzeitigen Fraktur führen können.

Für dentale Glaskeramiken gilt, dass diese mit Flusssäure (HF) geätzt werden können und dadurch ein ausreichendes Ätzmuster erzielt wird. Zirkonoxide oder Komposite, die keine Glasphase enthalten, können nicht mit HF-Verfahren geätzt werden. Komposite, die nicht auf einer keramischen Basis aufgebaut sind, aber trotzdem im Namen den Begriff „Keramik“ führen, können leicht mit den dentalen Keramiken verwechselt werden. Somit besteht ein Risiko, diese polymerbasierten Materialien unzureichend oder gar schädigend zu behandeln. Die Herstellerangaben sollten unbedingt berücksichtigt werden, denn die Ätzzeiten variieren je nach Glasanteil der Materialien zwischen 20 und 60 Sekunden. (Hinweis: Einige Komposite enthalten allerdings einen hohen Anteil an Glasfüllern und können daher theoretisch, mit einem gewissen Risiko die Struktur zu beschädigen, auch mit HF geätzt werden [Stawarczyk et al., 2018].)

Kann ein Werkstoff nicht geätzt werden, ist die zahnmedizinische Option, die Oberfläche durch Strahlen aufzurauen. Werden Oberflächen gestrahlt, ist bei zahnfarbenen spröden Werkstoffen meist ein vorsichtiges Strahlen mit kleinem Strahlgut (< 50 µm) und niedrigem Druck (< 2 bar) indiziert.

Zudem sollte man berücksichtigen, dass jede Form der Bearbeitung ein Risiko der unkontrollierten und dauerhaften Beschädigung der Restauration zur Folge haben kann (Abbildung 2). Grobe Instrumente beschleunigen und verstärken den Materialabtrag, bewirken dabei allerdings auch größere Schäden am Material.

Schäden durch zu grobes Strahlen oder durch das Verwenden von Diamanten > 80 µm sind in der Regel mit einer Politur nicht oder nur eingeschränkt ausgleichbar. Vorhandene Schäden wie zum Beispiel Risse können beim Einsetzen oder Kauen zum spontanen Bruch der Restauration führen oder für ein mittel- oder langfristiges, scheinbar grundloses Versagen verantwortlich sein. Die Feuchtigkeit der Mundhöhle unterstützt dieses (unterkritische) Risswachstum und damit das langfristige Versagen. Legierungen reagieren im Vergleich zu spröden Werkstoffen wie Keramiken oder Komposite auf Risse nicht empfindlich. Sie können in der Regel mit einer Strahlgutgröße von 50 bis 110 µm und mit einem Druck von bis zu 2 bar gestrahlt werden. Für Thermoplaste (zum Beispiel PAEK oder PC) wird ein Strahldruck von > 2 bar empfohlen, wobei die Strahlgutgröße nur eine untergeordnete Rolle spielt (Tabelle 2) [Stawarczyk, 2017].

Empfehlungen für die Oberflächenbearbeitung (unbedingt Herstellerangaben berücksichtigen)

Material

Bearbeitung

Glaskeramik

HF-Ätzen 20–60s

PICN

HF-Ätzen 60s

Kunststoffe (PMMA/Komposit), Zirkon oxide

Korundstrahlen 0,5–1bar; 30–110μm

PAEK/PC

Korundstrahlen < 2bar; 50–110μm

Legierung

Korundstrahlen < 2bar; 50–250μm

Zahnhartsubstanz

Ätzen mit Phosphorsäure (ca. 37%)

Tabelle 2, Quelle: Martin Rosentritt

Reinigung

Bei der Einprobe (Try-in, Fit-Check) der Restauration sollten silikon- oder ölhaltige Stoffe wie zum Beispiel Vaseline, Silikonöl oder dünnfließendes Silikon vermieden werden, da sie nach der Einprobe nur eingeschränkt oder gar nicht vom Zahn und von der Restauration entfernt werden können. Auch temporäre Zemente sind nicht immer einfach und vollständig zu entfernen [Behr et al., 2014]. Für die Einprobe sind wasserlösliche Stoffe auf Glyceringel- oder Hydrogelbasis zu bevorzugen, die sich leicht mit Wasser entfernen lassen. Ist die Oberfläche von Zahn oder Restauration mit Speichel oder Blut kontaminiert, reicht Wasser zur Reinigung oft nicht aus.

Werden Säuren oder Basen verwendet, müssen diese komplett entfernt werden. Verbliebene Reste von Basen können zum Beispiel die Wirkung von Haftmonomeren neutralisieren. Und Säurereste können das basische Amin des chemischen Reaktionssystems blockieren.

Alkohol als Lösungsmittel kann die Adhäsivsysteme angreifen und damit deren Reaktion beeinträchtigen. Wird Alkohol zur Zahnreinigung verwendet, so kann er in die Dentintubuli eindringen und die Zahnhartsubstanz dehydrieren. Einige Reinigungsoptionen wie H2O2, NaCl, CHX mit Phenolen können unter Umständen eine Neutralisation der Haftmonomere bewirken oder dadurch die Polymerisation der Adhäsivsystems beeinträchtigen [Erkut et al., 2014; Di Hipolito et al., 2012]. Da Feuchtigkeit das Risswachstum in dentalen Keramiken und Polymeren unterstützen kann, kann die Reinigung mit einem Dampfstrahler zu einer weiteren Schädigung führen.

Dentale Glaskeramiken können am leichtesten mit 37-prozentiger Phosphorsäure und daran anschließend im Ultraschallbad mit einem Alkohol-Wasser-Gemisch gereinigt werden. Zirkonoxide sollten dagegen nicht mit Phosphorsäure gereinigt werden, da diese die Verbindungstellen zur Zirkonoxid-Oberfläche belegt, die von den phosphorsauren Methacrylaten (zum Beispiel MDP) zur späteren adhäsiven Haftung benötigt werden [Behr, 2017].

Dentale Keramiken und Zirkonoxide können auch gut und effektiv mit speziellen Reinigungsmitteln gesäubert werden. Legierungen sind leicht mit Alkohol zu reinigen, während polymerbasierte Restaurationen, Restaurationen aus polymerinfiltrierter Keramik beim Kontakt mit alkoholischen Lösungen an der Oberfläche an- beziehungsweise aufgelöst werden können. Diese Werkstoffe sollten zur Desinfektion nur kurz in Alkohol geschwenkt werden und können anschließend mit Wasser im Ultraschallbad – eventuell mit etwas Alkohol versetzt – gereinigt werden (Tabelle 3).

mögliche Reinigungsoptionen (unbedingt Herstellerangaben berücksichtigen)

Material

Bearbeitung

Glaskeramik

Ultraschallbad (Wasser mit Alkohol); Phosphorsäure; Spezialreiniger (Achtung! Bei Konditionierung mit Silanmethacrylaten ist keine weitere Reinigung erlaub)

Kunststoffe (PMMA/ - Komposit/PAEK), PICN

evtl. kurz in Alkohol, danach Ultraschallbad

Zirkonoxide

Ultraschallbad (Wasser mit Alkohol); Spezialreiniger

Legierung

Alkohol; Ultraschallbad (Wasser mit Alkohol)

Tabelle 3, Quelle: Martin Rosentritt

Konditionierung

Restaurationen müssen vor einer Zementierung meist nicht, vor einer adhäsiven Befestigung aber immer konditioniert werden, um den Haftverbund zwischen Befestigungsmaterial und Restauration zu gewährleisten.

Konditionierungssysteme werden oft als Adhäsivsysteme (engl. „Adhesive“ – „Klebstoff, Haftvermittler“), Bonder (engl. „Bond“ oder „Bonding“ – „Kleber“) oder Primer („Grundierung“) bezeichnet (Abbildung 3). Die Systeme können durch Licht oder chemisch aktiviert werden. Um lichthärtende Systeme zusätzlich chemisch zu aktivieren (zum Beispiel bei wenig transluzenten Restaurationen), müssen entsprechende chemische Aktivatoren (zum Beispiel „dark curing activiator“) beigemischt werden. Primer gehen einen chemischen Verbund einerseits zur entsprechenden Materialoberfläche ein (und sind daher immer materialspezifisch auszuwählen: Dentinprimer, Zirkonoxidprimer, Metallprimer, Dentinprimer ...) und ermöglichen auf der anderen Seite eine Anbindung zum Befestigungskomposit.

Wichtig ist, dass die Konditionierung von Oberflächen immer erst nach der Reinigung und zeitnah vor der Befestigung erfolgt.

Die Konditionierung von dentalen Glaskeramiken wird mit Silanen vorgenommen. Auch polymerbasierte Werkstoffe mit einem Anteil an silikatischen Füllstoffen können so aktiviert werden. Oxidkeramiken können über eine Konditionierung mit Phosphorsäure-haltigen Monomeren (zum Beispiel MDP) befestigt werden. Zur Konditionierung von Legierungen und Titan eignen sich Schwefelsäure-, Silan- oder Phosphorsäure-Basis-Systeme, während für polymerbasierte CAD/CAM-Werkstoffe Adhäsivsysteme auf MMA-Basis einzusetzen sind.

Gute Haftwerte werden für Komposite, Oxidkeramiken und Legierungen auch über das tribochemische Verfahren (zum Beispiel Rocatec oder CoJet) erzielt. Zur Behandlung der Restaurationsoberflächen werden Universaladhäsive angeboten, die verschiedene Adhäsivoptionen (Silan, MDP, Schwefelsäure) gleichzeitig enthalten (Multi-Adhäsive). Auch können Ätzen und Primen verknüpft werden (zum Beispiel Etch&Prime) oder Primer und Bonder (zum Beispiel Prime&Bond).

Empfehlenswert ist, immer im entsprechenden Herstellersystem zu arbeiten, da die verschiedenen Komponenten des Befestigungssystems eines Herstellers sich gegenseitig in der Reaktion unterstützen können.

Befestigungsmaterial

Unterschieden werden Befestigungssysteme nach ihrer chemischen Reaktion: Säure-Base-Reaktion (Zemente wie Glasionomerzement oder Phosphatzement), Chelat-Reaktion (Phenolate wie Zinkoxideugenol) oder Polymerisation (Befestigungskomposite, unterteilt in adhäsive oder selbstadhäsive Systeme) sowie Kombinationen aus Säure-Base-Reaktion und Polymerisation (Compomere oder kunststoffmodifizierte Glasionomere) (Abbildung 4).

Neben der Art der Präparation spielt der Verbleib oder die Entfernung der Schmierschicht auf dem Zahn eine wesentliche Rolle. Während bei einer Zementierung oder einer selbstätzenden Befestigung die Schmierschicht am Zahn verbleiben muss, wird nur bei einer rein adhäsiven Befestigung die Schmierschicht aktiv mit Säure oder entsprechenden Kombinationspräparaten entfernt (Abbildung 5). Im Gegensatz dazu ätzt ein selbstadhäsives oder selbstätzendes Befestigungskomposit die Schmierschicht an und infiltriert diese so, dass über eine Hybrid- oder Infiltrationsschicht ein ausreichender Verbund entsteht. Abhängig von der Art der Befestigung ist der Aufwand unterschiedlich hoch. Zudem ergeben sich verschiedene Verbundfestigkeiten zur Zahnhartsubstanz.

Man unterscheidet licht-, chemisch oder dualhärtende Befestigungssysteme. Lichthärtende Systeme sollten nur für lichtdurchlässige Restaurationen verwendet werden [Ferracane et al., 2014]. Allerdings gilt, dass zum Beispiel bereits bei einer 1 mm dicken dentalen Glaskeramik die Lichtintensität um circa 50 Prozent reduziert sein kann und damit auch die zur Polymerisation benötigte Lichtleistung deutlich verringert ist. Polymerisationslampen müssen eine ausreichende Lichtleistung besitzen und auf die Befestigungswerkstoffe (chemische Reaktionssysteme können variieren!) abgestimmt sein [Ilie und Luca, 2018; Ilie, 2017]. Daher sind dualhärtende oder chemisch härtende Systeme in vielen Anwendungen das Mittel der Wahl [Behr et al., 2017]. Die Reduktion der Transmission sollte man auch bei opaken Befestigungsmaterialien berücksichtigen [Ferracane et al., 2014].

Abweichungen bei der Dosierung der Befestigungsmaterialien ermöglichen zwar die Anpassung von Verarbeitungseigenschaften und erleichtern damit in manchen Punkten die klinische Arbeit, führen aber oft zu deutlichen Verlusten (bis zu 80 Prozent!) in den gewünschten Eigenschaften Härte und Festigkeit [Hahnel et al., 2010; Loher et al., 2009]. Daher sind Dosiersysteme, trotz hohem Anteil an zu verwerfendem Material, zu empfehlen und können in Kombination mit Applikationshilfen (Spitzen, Applikationstipps, Abbildung 6) das Auf- und Einbringen der Befestigungsmaterialien erleichtern. Dadurch werden zum Beispiel größere Lufteinschlüsse und Materialanhäufungen reduziert, was die Qualität der Befestigungsfuge verbessert.

Passung und Schichtstärken

Vergleicht man die möglichen Schichtstärken der einzelnen Befestigungskomposite und Zemente, ist eine entsprechende Fertigung des Zahnersatzes wichtig. Die Größenordnung der Schichtstärken variiert über alle Befestigungsmaterialien hinweg zwischen etwa 10 µm und 100 µm. Überoptimierte Passungen können bei einigen Befestigungswerkstoffen bewirken, dass die Materialien die Fugen nicht gänzlich ausfüllen oder nicht optimal reagieren. Werden die Schichten zu dick, kann die Schrumpfung des Befestigungskomposits die Haftung und die Qualität der Befestigung reduzieren oder bei Zementen kann die Fuge leichter ausgewaschen und abradiert werden [Rosentritt, 2017a]. Hier ist Fingerspitzengefühl insbesondere aufseiten der Zahntechnik gefragt.

Restaurationsmaterial

Zusätzlich zu den Legierungen (EM, NEM, Titan) und neueren dentalen Glaskeramiken (zum Beispiel Zirkonoxid-verstärkte Lithiumsilikat-, Lithiumaluminasilikat- und Lithiumdisilikatkeramik) haben sich weitere Werkstoffe wie verschiedene Zirkonoxidkeramiken und polymerbasierte Materialien (Komposite, PICN, PAEK) auf dem Dentalmarkt etabliert [Rosentritt et al., 2019; Rosentritt et al., 2018a; Rosentritt et al., 2018b; Meyer et al., 2014]. Welche Befestigung gewählt werden kann, hängt stark von den Eigenschaften der verwendeten Materialien ab. Materialien mit einer Biegefestigkeit > 350 MPa sind in der Regel stabil genug für eine provisorische Befestigung oder Zementierung.

Diese aus werkstoffkundlicher Expertise und klinischen Beobachtungen abgeleitete empirische Grenze soll sicherstellen, dass zementierte Versorgungen unter der Kaubelastung nicht frakturieren oder sich verformen. Schwächere Materialien erreichen erst durch eine adhäsive Befestigung ausreichende Festigkeiten.

Versäuberung

Auf eine optimale Versäuberung sollte geachtet werden, da sich diese positiv auf die Langlebigkeit der Restauration und die Vermeidung einer Zementitis auswirken kann. Prinzipiell bestehen zwei Optionen:

Option 1:

Überschüssiges Befestigungsmaterial wird nach einer kurzen Abbindephase (zwei Sekunden Lichthärtung, bei chemischer Härtung 2 bis 3 min, je nach Befestigungsmaterial) abgesprengt. Bei lichthärtenden Systemen erfolgt im Anschluss die weitere Lichtpolymerisation. Bei Befestigungskompositen sollte Sauerstoffinhibitionsgel zum Vermeiden einer Sauerstoffinhibitionsschicht aufgetragen werden. Eine vollständige Reaktion des Befestigungsmaterials im Fugenbereich kann somit gewährleistet werden. Es ist darauf zu achten, dass stark polymerisiertes Material nicht aus der Fuge herausgebrochen wird.

Option 2:

Hier wird vor der Polymerisation mit einem Pellet überschüssiges Befestigungsmaterial entfernt und die Fuge versäubert. Hier ist darauf zu achten, dass das weiche Befestigungsmaterial nicht aus der Fuge gewischt wird. Im Anschluss sollte Sauerstoffinhibitionsgel aufgetragen werden. Bei autopolymerisierenden oder dualhärtenden Materialien kann die Härtung abgewartet werden. Bei licht- und dualhärtenden Materialien sollte die Polymerisation zusätzlich mittels Polymerisationslampe erfolgen. Nach dem Versäubern und dem vollständigen Aushärten des Befestigungsmaterials erfolgt die Politur – zum Beispiel mit Aluminiumoxid-beschichteten Scheiben/Polieraufsätzen. Falls möglich sollte senkrecht zur Fuge poliert werden, damit das Befestigungsmaterial nicht aus der Fuge poliert wird. Reste des Befestigungsmaterials müssen gründlich entfernt werden, da sie Entzündungen des marginalen Parodonts hervorrufen können [Preis et al., 2015].

Wiederbefestigung

Jede Restauration kann dezementieren oder bei adhäsiver Befestigung debonden. Bleibt die Restauration intakt, kann sie – abhängig davon, welche Befestigungsart gewählt wurde und welche Art der Wiederbefestigung vorgenommen werden soll – nach erneuter Reinigung, Aufrauung und Vorbehandlung der Material- und Zahn- oder Abutmentoberflächen wieder befestigt werden. Um ein erneutes Lösen der Restauration zu vermeiden, sollten die Fehlerquellen vorab analysiert und behoben werden. Eine alternative Befestigung oder eine Variation der Präparation sollte erwogen werden [Stawarczyk et al., 2019].

Fazit

Die Befestigung von festsitzendem Zahnersatz ist vielschichtig und von verschiedensten Parametern und werkstoffkundlichen Größen gekennzeichnet. Langfristiger klinischer Erfolg kann nur auf Grundlage guter Kenntnisse der angewandten Materialien erzielt werden (Abbildung 7). Entscheidende Aspekte dabei:

  • Die Zementierung (und idealerweise auch die selbstadhäsive Befestigung) benötigen eine retentive Präparation. Bei adhäsiver Befestigung kann minimalinvasiv präpariert werden.

  • Ob eine Restauration zementiert oder adhäsiv befestigt werden darf, hängt von der Festigkeit der Restaurationsmaterialien ab. Grenzwert ist eine Biegefestigkeit von 350 MPa.

  • Oberflächen müssen immer materialspezifisch und restaurationsschonend aufgeraut werden (Ätzen, Strahlen).

  • Die unsachgemäße Einprobe und Reinigung reduziert den Haftverbund.

  • Oberflächen müssen zur adhäsiven Befestigung materialspezifisch konditioniert werden. Zur Zementierung ist meist keine Konditionierung nötig.

Weitere Informationen sind im digitalen Werkstoffkunde-Kompendium „Dentale Befestigungsmaterialien“ unter www.werkstoffkunde-kompendium.de verfügbar.

Prof. Dr. Dipl. Ing. (FH) Martin RosentrittUniversitätsklinikum Regensburg,Poliklinik für Zahn-ärztliche ProthetikFranz-Josef-Strauss-Allee 1193053 Regensburgmartin.rosentritt@ukr.dePD Dr. Anja Liebermann, MScKlinikum der Universität München,Poliklinik für Zahnärztliche ProthetikGoethestr. 7080336 MünchenAnnett KieschnickFreie FachjournalistinHelmholtzstr. 2710587 BerlinPD Dr. Dipl. Ing. (FH) Bogna Stawarczyk, MScKlinikum der Universität München,Poliklinik für Zahnärztliche ProthetikWissenschaftliche Leiterin WerkstoffkundeGoethestr. 7080336 München

 

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