Diese Milchzähne werden gerettet!
Über Jahre hinweg unterstützte ich ein World-Vision-Projekt in Kambodscha und stand in regelmäßigem Kontakt zu meinem Patenkind vor Ort. Doch ich wollte nicht nur finanziell helfen, sondern auch meine Fähigkeiten irgendwann direkt vor Ort einbringen. So kam ich zu der Organisation „Mini Molars – Free Dental Care for Children“ in Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas.
Mit ihren goldglänzenden Tempeln, hupenden Tuk-Tuks und Straßencafés ist die Metropole im Wandel. Doch trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs lebt fast ein Fünftel der kambodschanischen Bevölkerung noch immer unterhalb der Armutsgrenze. Der Fortschritt ist ungleich verteilt.
Zahnschmerzen werden ausgehalten
Das zeigt sich besonders deutlich im Gesundheitswesen, vor allem in der zahnmedizinischen Versorgung. Auf 100.000 Einwohner kommen gerade einmal rund zehn Zahnärzte, viele davon in privaten Kliniken, die sich nur Wohlhabendere leisten können. Für den Großteil der Bevölkerung bedeutet das: Zahnschmerzen werden ausgehalten, bis es nicht mehr geht.
Mit vielen nützlichen Spenden im Gepäck – von Komposit über Zahnbürsten bis hin zu Zahnpasta und Zahnseide – reiste ich Ende 2025 für zwei Wochen Freiwilligenarbeit an. Die Mini-Molars-Klinik liegt tatsächlich auf einem Tempelgrundstück. Das Projekt existiert schon seit mehreren Jahren und besteht mittlerweile aus vielen einheimischen Helfern, wie Studenten, einem Zahnarzt und einem Manager. Mony ist zahnmedizinischer Fachangestellter und wurde mir für meinen Einsatz fest zugeteilt. Er zeigte mir die Räumlichkeiten und erläuterte die Abläufe, denn hier laufen Behandlungen nicht so wie bei uns in Deutschland.
Strahlenschutz? Fehlanzeige!
Kaum angekommen, starteten wir direkt mit einer Wurzelkanalbehandlung – einer der häufigsten Eingriffe neben Extraktionen. Als ich die Turbine ansetzen wollte, erschrak ich über ihre Geschwindigkeit. Sie fraß sich durch die Zahnhartsubstanz, als wäre diese aus Butter. Nachdem wir gemeinsam versucht hatten, die Turbine auf annähernd normale Geschwindigkeit zu bringen, gaben wir schließlich auf. Kompromisse einzugehen und Prioritäten zu setzen, daran musste ich mich zügig gewöhnen.
Ich war sehr dankbar dafür, dass die Klinik über ein Röntgengerät verfügt. Allerdings war ich schockiert, wie schnell zu diesem „kleinen Fotoapparat“ gegriffen wurde. Hier röntgen die Helfer auch ohne zahnärztliche Genehmigung. Selbst in eindeutigeren Fällen, vor allem bei Kindern, wurde rücksichtslos geröntgt.
Vorsichtig erklärte ich meinen Kollegen, dass in Zukunft ein sensiblerer Umgang notwendig sei. Vor allem, da in einem offenen Behandlungsraum mit drei Zahnarztstühlen geröntgt wird. Strahlenschutz? Unsere deutsche Strahlenschutzbehörde würde wahrscheinlich einen Herzinfarkt bekommen! Ich habe mich bereits mit dem Manager über diesen gesundheitsgefährdenden Zustand unterhalten. Er denkt darüber nach, einen speziellen Röntgenraum anbauen zu lassen.
Doch auch das gehört zur Freiwilligenarbeit: die Schulung des Personals vor Ort, damit die positive Veränderung auch nach der Heimkehr erhalten bleibt. Es war ein schönes Gefühl, zu merken, wie dankbar die Verbesserungsvorschläge aufgenommen wurden.
In der Klinik habe ich direkt gemerkt, wie stark die Qualität der eigenen Arbeit von der Qualität und Quantität der verfügbaren Materialien abhängt. Die Ausstattung ist minimalistisch, erfüllt ihren Zweck aber sehr gut. Noch nie zuvor durfte ich so viele verschiedene Matrizensysteme an einem Tag ausprobieren, denn die Spenden ergaben eine kunterbunte Mischung. Teilweise musste ich sehr kreativ werden, um hochkomplexe restaurative Fälle zu lösen. In Deutschland hätten wir in solchen Fällen eine Krone oder eine andere prothetische Versorgung geplant. Manche Patienten liefen mit „Kronen” herum, die in Wahrheit nur Provisorien waren.
Die Patienten diktieren den Behandlungsplan
Prophylaxe spielt hier leider keine große Rolle, denn die meisten Patienten kommen erst, wenn der Schmerz unerträglich wird. Zudem diktieren die Patienten den Behandlungsplan und nicht der Zahnarzt. „Der Patient hätte gerne eine Füllung“, übersetzte mir mein Behandlungsassistent Mony. Dass noch viele weitere Zähne Behandlungsbedarf aufwiesen, war dem Patienten nach der Aufklärung relativ egal. Er wollte nur den schmerzenden Zahn behandelt haben.
Nicht selten kommen dadurch Frust und das Gefühl der Hilflosigkeit auf. Kontrollen oder Behandlungspläne mit Folgeterminen gibt es hier im Regelfall nicht, auch wenn mir einige kariöse Zähne und Abszesse sofort ins Auge sprangen.
Herzzerreißend ist, dass dies bei Kindern noch stärker der Fall ist. Hier besteht ein großer Mangel an Aufklärung, Prophylaxe und Kontrollen. Die Kinder, die ich behandeln durfte, kamen alle aufgrund starker Zahnschmerzen. Ich hatte Füllungen erhofft, musste aber schnell feststellen, dass ich mich glücklich schätzen konnte, wenn es „nur“ eine Trepanation geworden war und nicht direkt eine Extraktion.
Oft entschied ich mich trotz verwirrter Blicke für eine Füllung, obwohl mir bereits die Zange gereicht worden war. „No, I will do a filling.“ musste ich mehrmals fest entschlossen erklären. „But it’s just a baby tooth!“ Und ich wurde angeguckt, als wäre ich verrückt. Das war eine Konversation, die ich am Anfang öfter hatte, doch meine Assistenz merkte schnell, dass Widerstand zwecklos war: Diese Milchzähne werden gerettet!
Diesen Patienten werde ich niemals vergessen
Natürlich habe ich auch Kinder gesehen, bei denen wir in Deutschland längst von Kindesmisshandlung sprechen würden. Sie hatten keinen einzigen Zahn, der nicht von Karies oder massivem Zahnstein befallen war.
Einen Patienten werde ich niemals vergessen: Er war nur fünf Jahre alt und hatte bereits an drei seiner Zähne Abszesse, die meisten Milchzähne waren durch Karies schon bis auf das Zahnfleischniveau zerstört. Der Mann, der ihn begleitet hatte, war offenbar nicht sein Vater und kannte das Kind nur oberflächlich. Mit ihm über die Ernsthaftigkeit des Falles und die Bedeutung von Mundhygiene zu sprechen, war leider nicht zielführend.

Einerseits hatte ich das Gefühl, den Menschen geholfen zu haben. Andererseits blieb jedes Mal ein kleiner Schmerz zurück, denn ich wusste, dass es besser geht: mit besserer Ausstattung, mehr finanziellen Mitteln, besserer Aufklärung und höherer Akzeptanz. Trotzdem verbeugte sich jeder Patient nach der erfolgreichen Behandlung schüchtern und flüsterte ein leises „Arkoun“ (Danke).
Bevor die Patienten flüchten konnten, drückte ich jedem eine Zahnbürste, Zahnpasta und Zahnseide in die Hand. Unsere kleinen Helden bekamen jedes Mal ein kleines Geschenk, das ihre Augen funkeln ließ. Dann rief meine Assistenz den Patienten noch schnell ein paar Mundhygieneinstruktionen in Khmer hinterher, bevor sie endgültig aus dem Behandlungsraum verschwanden. Ob und wann das Team von Mini Molars diese Patienten wiedersehen wird, bleibt ungewiss.
Nicht jede Spende ist gleichwertig
Nicht jede Spende oder Hilfe ist gleichwertig oder wird benötigt. Das hat mir klargemacht, wie wichtig eine effektive Kommunikation diesbezüglich ist. Ich habe auch gemerkt, wie aufmerksam und dankbar das Team war, wenn ich mein Wissen teilte oder neue Techniken zeigte. Das hat mir Mut gemacht, dass in Zukunft vielleicht auch komplexere Fälle behandelt werden und seltener zur Zange gegriffen wird. Denn natürlich ist es für das Team manchmal einfacher, stark zerstörte Zähne zu ziehen. Ich hoffe jedoch, dass ich die Bedeutung des Zahnerhalts vermitteln konnte.
Ich bin überzeugt, dass eine finanzielle Unterstützung sowie die Vermittlung von Wissen an die einheimischen Hilfskräfte in diesem Projekt am sinnvollsten sind. Ich wünsche mir, dass Kolleginnen und Kollegen den Mut finden, sich auf ein solches Abenteuer einzulassen. Ein solcher Einsatz ist nicht nur fachlich bereichernd, weil man an die Grenzen seiner Fähigkeiten geht. Er erinnert uns auch daran, warum wir diesen Beruf gewählt haben: um Menschen zu helfen – ganz egal, wo sie leben.







