So managt Greifswald den integrierten Kurs interdisziplinär
Nach über 60 Jahren wurde die Approbationsordnung Zahnmedizin (AOZ) endlich reformiert und im Jahr 2021 gestartet. Somit begann im Oktober 2025 an den deutschen Universitäten die erstmalige Implementierung des fünften und damit letzten Studienjahres.
Neben der Eingliederung von klinisch-zahnmedizinischen Inhalten in die Vorklinik sowie der Etablierung von bundeseinheitlichen schriftlichen Prüfungen der Querschnittsbereiche – zum Beispiel der Gesundheitswissenschaften oder zum Thema Schmerz – besteht der wesentliche Punkt in der verpflichtenden Einführung integrierter klinischer Kurse und damit einer synoptischen Patientenbehandlung. Einige Universitäten hatten dieses Konzept zwar schon seit Jahren umgesetzt, haben aber jetzt, wie etwa die Universität Greifswald, die Chance genutzt, das integrierte Konzept noch einmal deutlich, über den Rahmen der neuen AOZ hinausgehend zu erweitern.
Je zwei Studierende werden einer „Praxis“ zugeteilt
Laut AOZ ist der integrierte Kurs primär für eine patientenzentrierte, gemeinsame Behandlung der Fächergruppe Zahnerhaltung und Prothetik vorgesehen, doch oft werden dabei auch chirurgische Maßnahmen oder sogar die Erwachsenen-Kieferorthopädie für einen synoptischen Behandlungsplan notwendig. Daher liegt es nahe, dass beide Fachdisziplinen in den integrierten Kurs eingegliedert werden.
Im Greifswalder Modell geht der integrierte Kurs über zwei Jahre. Jedes Team aus zwei Studierenden bekommt jeweils eine eigene Behandlungseinheit – quasi eine eigene, kleine Praxis mit Patientenstamm – zugeteilt, zu der die jeweiligen Fachdisziplinen kommen, um einen komplexen Behandlungsplan zu erstellen und dann gemeinsam umzusetzen.
Das Modell führt nicht nur zu einem großen Zusammenhalt innerhalb der Zahnklinik, sondern schon seit vielen Jahren zu führenden Plätzen für Greifswald im CHE-Ranking. Die Vorzüge liegen in einer sehr intensiven Patientenbindung, weil nicht mit jedem Kurshalbjahr und nach Fachbehandlungen gewechselt wird, sondern dieselben Studierenden die gesamte Behandlung durchführen. Dies verbessert das Verständnis für die aufeinander aufbauenden Behandlungsmaßnahmen wie Senkung der Kariesaktivität, Parodontaltherapie und chirurgische beziehungsweise endodontische Maßnahmen im Zuge oraler Rehabilitationen. Komplexe, fachübergreifende Therapien wie Implantatversorgungen, Autotransplantationen oder Erwachsenen-Kieferorthopädie lassen sich nur gemeinsam umsetzen und den Studierenden zusammenhängend vermitteln.
Die größte Veränderung beziehungsweise Herausforderung stellen die künftigen praktischen Examina in der Kinderzahnheilkunde und Kieferorthopädie dar. Sie erfordern eine zeitgerechte klinische Vorbereitung und den Aufbau eines entsprechenden Patientenstamms, was jetzt in Greifswald erstmalig in einem gemeinsamen integrierten Kurs aller Fächer stattfindet.
Die praktischen Examina sind die größte Herausforderung!
Zentrale Elemente im Rahmen der Kinderzahnheilkunde sind die Überwachung des Wachstums, der Entwicklung der Dentition und der orofazialen Funktion, die Kontrolle und Reduktion der Kariesaktivität sowie therapeutische Leistungen von der Inaktivierung kariöser Läsionen über die Milchzahnedodontie beziehungsweise -restauration bis zur Extraktion und dem Lückenhalter. Dieser spezielle Anteil der KFO-Kinderbehandlung erfolgt im wöchentlichen Wechsel für die Kursgruppen, um alle Examenskandidaten auf die Abschlussprüfungen vorbereiten zu können.
Bei den kieferorthopädischen Leistungen stehen die Diagnostik von Fehlfunktionen, Habits und Entwicklungsabweichungen in der Milchgebiss- und in den Wechselgebissphasen mit präventiv orientierten Therapien (Frühbehandlungen) sowie die professionelle Zahnreinigung bei festsitzenden Behandlungsgeräten im Vordergrund. Aber auch Kombinationstherapien aus Extraktionen, Platzanalysen und die Eingliederung von Lückenhaltern werden im Behandlungsteam eingeübt (Abbildung 2). Komplexe, kieferorthopädische Therapien mit Multibracketapparaturen oder Alignern bleiben dagegen weitgehend der Fachzahnarztausbildung vorbehalten, werden aber am Patienten demonstriert.
Aligner-Therapien werden auch am Patienten demonstriert
Um den diagnostischen Blick und die Vorstellung für das richtige Zeitfenster für die zukünftigen Überweiser zu trainieren, werden allerdings auch Erstaufnahmen und Anfangsdiagnostiken von regulären kieferorthopädischen Behandlungsfällen studentisch begleitet. Konsequent wird dabei die in Greifswald etablierte Strategie der Digitalisierung vom Intraoralscan bis zur computergestützten Analyse und Planung fortgeführt.

Neben der Etablierung der Kieferorthopädie-Kindersäule wurde der integrierte Kurs um das zunehmend wichtiger werdende Gebiet der Seniorenzahnmedizin erweitert. Ergänzend zur ambulanten Versorgung im Zahnarztstuhl ist der Besuch von Pflegeeinrichtungen unter der Anleitung eines geschulten Kollegen ein zusätzliches Element in der Betreuung von Senioren. Damit erfolgt für die Kinder-, Erwachsenen- und Seniorenbehandlung eine sehr praxisnahe und fachübergreifende Ausbildung, die alle Aspekte eines umfänglich ausgebildeten Generalisten schon im Studium über zwei Jahre kontinuierlich trainiert.
Die seit 30 Jahren bestehenden Erfahrungen mit dem integrierten Modell in Greifswald zeigen sowohl die Machbarkeit als auch die hohe Zufriedenheit der Patienten durch eine kontinuierliche Betreuung durch die Kursassistenten, die über beide Jahre dieselbe Gruppe ununterbrochen anleiten. Und die CHE-Rankings belegen die Wertschätzung durch die Studierenden.





