Wechselnde Konsummuster verschleiern die Wirkung
Trotz der seit Jahrzehnten bekannten gesundheitsbezogenen Risiken ist das Rauchen von Tabakprodukten unter Erwachsenen in Deutschland mit einer Quote von etwa 30 Prozent nach wie vor weit verbreitet [Wolters, I. et al., 2024]. Ein Teil der sogenannten neueren Produkte, wie elektronische Zigaretten (E-Zigaretten) und Tabakerhitzer, wird derzeit von der Tabak- und Nikotinindustrie auch für Zwecke der Tabakentwöhnung, vermarktet.
Das dafür genutzte Argument ist das der Schadensreduzierung. Ungeachtet dessen werden, nicht zuletzt wegen der Aromenvielfalt der E-Zigaretten, insbesondere Heranwachsende und auch jene, die das Rauchen herkömmlicher Tabakprodukte für sich nicht in Betracht ziehen, angesprochen. E-Zigaretten stellen somit weitere Einstiegsmöglichkeiten in die Nikotinabhängigkeit.
Eine unabhängige wissenschaftliche Forschung zu den gesundheitsbezogenen Risiken dieser Produkte, auch für die Mundgesundheit, gestaltet sich als schwierig: Zum einen unterliegt der Markt für diese heterogene Produktpalette einer rasanten Entwicklung. Zum anderen erschweren die über die Lebenszeit hinweg wechselnden Konsummuster die Ableitung der potenziell schädigenden Wirkungen für konkret eine einzelne Produktgruppe, wie etwa E-Zigaretten oder Tabakerhitzer.
Die Produktvielfalt impliziert darüber hinaus höhere Anforderungen für die zahnmedizinische Versorgung: Bei der Anamnese und auch bei Folgebehandlungen sollten Konsummuster differenzierter als bislang und gegebenenfalls auch regelmäßiger erfragt werden. Dies erfordert vermutlich mehr Zeit, ist aber notwendig, da sich ein Großteil der Konsumierenden von E-Zigaretten mit der Frage „Rauchen Sie?“ gar nicht angesprochen fühlt.
Noch einmal anders verhält es sich bei rauchlosen beziehungsweise Aerosol-freien Produkten wie den Nikotinbeuteln, die bislang in Deutschland nicht verkehrsfähig sind, aber bereits, gerade bei Jugendlichen, weit verbreitet sind [Hanewinkel R. et al., 2024]. Auch Beratungsgespräche mit Patientinnen und Patienten im Hinblick auf Tabak- und Nikotinabstinenz werden vermutlich, nicht zuletzt wegen des Umfangs der aktuell verfügbaren Produkte, künftig herausfordernder.
Schädigungspotenzial für die Mundgesundheit
Die Mundhöhle stellt die primäre Eintrittspforte für die Gesamtheit der Tabak- und Nikotinprodukte dar. Sie ist demzufolge den beim Konsum dieser Produkte potenziell freigesetzten Schadstoffen unmittelbar ausgesetzt. Für klassische Tabakprodukte (wie Zigaretten, Pfeifen und Zigarillos) sind die Risiken für die Mundgesundheit bekannt. Das Risiko für orale Erkrankungen wie Parodontitis und Karies sowie auch Zahnverlust ist bei Rauchenden verglichen mit Nichtrauchenden deutlich erhöht [Krause L. et al., 2025].
Für die neueren Nikotin- und Tabakprodukte, wie E-Zigaretten und Tabakerhitzer, sind die Erkenntnisse im Hinblick auf die Mundgesundheit dagegen noch begrenzt. Es fehlt an hochwertigen Längsschnittstudien, um kausale Wirkungen zu beschreiben.
Bekannt ist für E-Zigaretten, dass das beim Verdampfen entstehende Aerosol kanzerogene Substanzen (beispielsweise Formaldehyd und Acetaldehyd) sowie auch metallische Elemente (zum Beispiel Chrom, Kupfer und Blei) enthält [Ford PJ et al., 2024; Salazar MR et al., 2025]. Die Aerosole beeinträchtigen die Interaktion zwischen Wirt und Bakterien in der Mundhöhle und stehen im Verdacht an der Entstehung von Parodontitis und Karies beteiligt zu sein [Salazar MR et al., 2025]. Mit dem Konsum von E-Zigaretten assoziiert sind auch die Entstehung proinflammatorischer Zytokine, eine verzögerte Fibroblastenmigration, DNA-Schäden und Zelltod [Ganapathy V. et al., 2025].
Die Nutzung von Tabakerhitzern geht mit einer Verringerung der Sekretion von unstimuliertem Speichel einher sowie mit geringeren Konzentrationen von entzündungshemmendem Lactoferrin und Lysozymen [Mori Y. et al., 2022]. Das orale Mikrobiom bei Konsumierenden von Zigaretten sowie rauchlosem Tabak weist zudem eine höhere bakterielle Diversität auf, verglichen mit dem von Nicht-Konsumierenden [Chattopadhyay S. et al., 2024].
Da Tabakerhitzer Nikotin enthalten, von dem bekannt ist, dass es die Durchblutung des Zahnfleisches vermindert, sind vermutlich bei Konsumierenden dieser Produkte, Abwehr und Heilungsprozesse, analog zur Wirkung von Tabakzigaretten, ebenfalls beeinträchtigt. Das Tabakerhitzeraerosol enthält zudem kanzerogene Stoffe (zum Beispiel Formaldehyd und Acrolein) und weitere gesundheitsschädigende Verbindungen (etwa Chlor-1,2-3, Propandiol und Furfural) [BfR, 2017].
Zu den Auswirkungen von Nikotinbeuteln auf die Mundgesundheit ist bislang wenig bekannt. In Laborstudien mit oralen Zellen wurde beobachtet, dass der Nikotingehalt in den Beuteln zytotoxische Nikotinspiegel im Speichel verursachen könnte [Jackson M. et al., 2023]. Als gesichert gelten Veränderungen der Mundschleimhaut, die – abhängig von Häufigkeit und der Dauer der Nutzung der Nikotinbeutel – zum Auftreten von Schleimhautveränderungen und Gingivarezessionen führen können sowie die Beobachtung vermehrter Mundtrockenheit und wunder Bereiche in Mund und Rachen [Rungraungrayabkul D. et al., 2024].
Wichtig sind jetzt Maßnahmen zur Verhältnisprävention
Während immer neue Produkte der Tabak- und Nikotinindustrie auf den Markt gelangen, mangelt es in Deutschland an einer politischen und vor allem Legislatur-übergreifenden Agenda, um den Konsum zu reduzieren. Notwendig ist, den aktuellen Fokus auf individuelle Maßnahmen der Verhaltensprävention, die zweifelsohne bedeutsam sind, in Richtung Ausbau und Stärkung struktureller Maßnahmen der Verhältnisprävention zu verschieben. Diese tragen nachweislich dazu bei, den Tabak- und Nikotinkonsum zu denormalisieren.
Länder wie die Niederlande beschreiten diesen Weg erfolgreich seit zehn Jahren und verzeichnen sinkende Konsumzahlen in allen Sozialstatusgruppen [van Aerde M. et al., 2024]. Die Veränderung der sozialen Norm trägt dazu bei, dass der/die Einzelne seine individuelle Norm „zu rauchen“, in Relation zu der sich verändernden Norm betrachtet und auch die Entscheidung für eine Verhaltensänderung neu justiert. Auf die Agenda gehören folgende Maßnahmen und ein Zeitplan für deren Umsetzung:
eine jährlich deutliche Erhöhung der Steuer auf alle Tabak- und Nikotinprodukte,
der umfassende Schutz vor Passivinhalation für alle,
regelmäßige Aufklärungskampagnen zu Risiken von Tabak– und neuen Nikotinprodukten,
ein konsequentes Verbot von Sponsoring und Marketing für Tabak- und Nikotinprodukte, insbesondere in Online-Medien,
Einheitsverpackungen für alle Tabak- und Nikotinprodukte sowie
das Verbot von Aromastoffen in E-Zigaretten.



169
169

