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Interview mit Dr. Katrin Schaller zu Rauchen und Mundgesundheit

„Deutschland fehlt ein klares politisches Bekenntnis zur Tabakprävention“

Allein in Deutschland sterben jedes Jahr etwa 131.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Wie Zahnärztinnen und Zahnärzte ihre Patienten erfolgreich zum Aufhören motivieren können und wieso auch die Tabakindustrie Fortbildungen zum Rauchstopp anbietet, erklärt uns Dr. Katrin Schaller. Sie ist Mitarbeiterin der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) hat gemeinsam mit der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) Informationsmaterialien für Zahnarztpraxen erarbeitet. Weshalb ist das Thema Rauchen und Mundgesundheit so wichtig?

Dr. Katrin Schaller: Rauchen schadet der Mundgesundheit in vielfältiger Weise. Dies betrifft vor allem Mundhöhlenkrebs, Parodontitis und eine schlechte Wundheilung. Das zahnärztliche Team kann eine wichtige Rolle bei der Initiierung und Umsetzung eines Rauchstopps spielen. Zahnarztpraxen werden von den meisten Patienten regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen aufgesucht. Bei dieser Gelegenheit können Zahnärzte und Zahnärztinnen rauchende Patienten und Patientinnen auf ihr Rauchverhalten ansprechen und auf die durch das Rauchen verursachten Schäden hinweisen. Die anschauliche Demonstration der Schäden kann unmittelbar zu einem Rauchstopp motivieren. Das ganze zahnärztliche Team sollte auf die Vorteile hinweisen und betonen, dass es die Chance für einen langfristig erfolgreichen Rauchstopp deutlich erhöht, wenn man dabei evidenzbasierte Unterstützung in Anspruch nimmt.

Was steckt dahinter, wenn Philip Morris International (PMI) das Ende der Zigarette ankündigt und massiv in „Alternativprodukte“ investiert? Ist die Zeit der Zigarette jetzt vorbei?

PMI stellt zwar mit den „Alternativprodukten“ gegenüber der Öffentlichkeit die Schadensverringerung in den Vordergrund, aber das Ziel der Hersteller ist nicht in erster Linie die Verringerung von Gesundheitsschäden, sondern der Erhalt ihrer Gewinne. Die Hersteller sind von kommerziellen Interessen geleitet und getrieben von einem Umfeld, in dem Rauchen an gesellschaftlicher Akzeptanz verliert und der Verkauf von Tabakprodukten durch regulatorische Maßnahmen erschwert wird. Ziel der Unternehmen ist in erster Linie, mit den „Alternativprodukten“ den Gesamtabsatz zu erhöhen. Die Zeit der Zigarette ist noch lange nicht vorbei – das sagen die Hersteller selbst: Sie formulieren ganz klar, dass die Einnahmen durch klassische Zigaretten (ohne Angabe eines Zeitrahmens) essenzieller Teil ihres Geschäftsmodells sind.

Stimmen denn die Marketing-Slogans zur Schadensverringerung überhaupt. Was ist hier Stand der Forschung?

Die aktuelle Studienlage lässt keine verlässliche Aussage zu den Auswirkungen des Gebrauchs von E-Zigaretten oder Tabakerhitzern auf die Mundgesundheit zu. Die vorhandenen Studien deuten darauf hin, dass der Gebrauch dieser Produkte die Mundgesundheit negativ beeinflussen könnte, allerdings in deutlich geringerem Ausmaß als das Rauchen.

Was empfehlen Sie im Umgang mit Patienten, die diese Nikotinprodukte nutzen?

Die klare Empfehlung für eine gute Mundgesundheit ist: weder rauchen noch sogenannte Alternativprodukte verwenden. Rauchenden Menschen, die auf E-Zigaretten oder Tabakerhitzer umsteigen möchten, sollte das zahnärztliche Team empfehlen, vollständig umzusteigen und komplett mit dem Rauchen aufzuhören. Und Menschen, die schon E-Zigaretten oder Tabakerhitzer verwenden, sollte das Team raten, langfristig jeglichen Gebrauch einzustellen. Für einen Rauchstopp sollte zur Unterstützung eine leitliniengerechte Tabakentwöhnungstherapie empfohlen werden.

Das WHO‑Tabakrahmenübereinkommen verpflichtet Staaten dazu, ihre Gesundheitspolitik vor dem Einfluss der Tabakindustrie zu schützen, weil deren Interessen im Widerspruch zum öffentlichen Gesundheitsinteresse stehen. Deutschland hat dieses Abkommen doch unterzeichnet …

… setzt es aber nur sehr zögerlich um. Im europäischen Vergleich belegt Deutschland in der Tabakprävention seit Jahrzehnten einen der letzten Plätze. Auch bei den Maßnahmen gegen die Lobbyarbeit der Tabakindustrie schneidet Deutschland schlecht ab. Es gibt hierzulande keinen Verhaltenskodex für an der Regierung beteiligte Personen zum Umgang mit der Tabakindustrie.

Die Tabakindustrie versucht durch Lobbyarbeit, persönliche Treffen, die Beteiligung an politischen Netzwerken, Einladungen zu Veranstaltungen oder die Unterstützung politischer Projekte Einfluss auf politische Entscheidungen und Gesetzgebungsprozesse zu nehmen. Das Lobbyregister zeigt, dass in Deutschland 43 Tabakunternehmen und Lobbygruppen, Agenturen oder Personen im Namen der Tabakindustrie oder verwandter Branchen aktiv sind. Im Jahr 2024 investierten diese Akteure etwa 6,5 bis 7,2 Millionen Euro in die Lobbyarbeit.

Insgesamt fehlt in Deutschland ein klares politisches Bekenntnis zur Tabakprävention. Wir brauchen eine verpflichtende Tabakpräventionsstrategie mit klar definierten Maßnahmen, die in einem vorgegebenen Zeitplan umgesetzt werden müssen. Eine Blaupause dafür liegt mit der „Strategie für ein tabakfreies Deutschland 2040“ vor, die von über 50 Gesundheitsorganisationen und zivilgesellschaftlichen Organisationen unterstützt wird.

Bestimmte Tabakkonzerne wenden sich gezielt an Zahnärzte, um E-Zigaretten und Tabakerhitzer als Alternative zum Rauchstopp zu bewerben. Die Hersteller bieten CME-Fortbildungen an und verfassen Beiträge in zahnmedizinischen Zeitschriften. Wie bewerten Sie dieses Vorgehen?

Es ist eine perfide Taktik der Tabakindustrie, zahnmedizinisches Personal unter dem Deckmantel einer Fortbildung zur Tabakentwöhnung für die Bewerbung ihrer Produkte zu rekrutieren. Bei den kostenlosen Fortbildungen zum Thema Rauchentwöhnung – für die CME-Punkte vergeben werden! – wie auch in Beiträgen in Fachzeitschriften stellen Vertretende der Tabakindustrie ganz klar das Prinzip der Schadensreduzierung durch ihre „alternativen“ Tabak- und Nikotinprodukte in den Vordergrund – letztlich sind dies Werbeveranstaltungen. Das zahnärztliche Team sollte bei Fortbildungen zur Tabakentwöhnung darauf achten, dass diese frei vom Einfluss der Tabakindustrie sind. Fortbildungen zur Tabak­entwöhnung, die der S3-Leitlinie zur Tabakentwöhnung entsprechen, bieten beispielsweise die Landeszahnärztekammern an.

Philip Morris International hat solche Fortbildungen auf der ganzen Welt – auch in Deutschland – unterstützt, um seine eigenen kommerziellen Interessen zu fördern. Wie kann eine Beteiligung der Tabakindustrie an solchen Fortbildungen ausgeschlossen werden?

Die zahnärztlichen Organisationen und die jeweiligen Fortbildungseinrichtungen sollten sich zu einem ethischen Kodex verpflichten, der von der Tabakindustrie und assoziierten Industrien durchgeführte oder beeinflusste Fortbildungen ablehnt.

Das Gespräch führten Dr. Sebastian Ziller und Claudia Kluckhuhn.

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