„Huancarani bietet Zahnmedizin auf einem anspruchsvollen Niveau!“
Das zahnmedizinische Hilfsprojekt des Förderkreises Clinica Santa Maria (FCMS) in Huancarani liegt im Hochland von Bolivien nahe der Großstadt Cochabamba und wird dort ganzjährig betrieben. Die Praxis ist fest in die lokale Infrastruktur integriert und somit eine beständige Anlaufstelle. Ein Großteil der meist indigenen Patienten sind inzwischen Stammpatienten.
Für einen reibungslosen Übergang zwischen den wechselnden Teams ist eine gut organisierte Praxis von zentraler Bedeutung. So erfolgt die Dokumentation beispielsweise über ein EDV-System, das eine lückenlose Historie der Behandlungen sicherstellt. Dies ist ein entscheidender Faktor für die Kontinuität bei komplexen Sanierungen. Im Vergleich zum Praxisalltag in Deutschland ist der bürokratische Aufwand vor Ort minimal. Dadurch können wir uns vollständig auf die klinische Tätigkeit konzentrieren und haben mehr Ressourcen für die Patienten.
Die Qualität der Ausstattung hat mich überrascht
Ich habe das Projekt im Januar und Februar sechs Wochen lang vor Ort unterstützt. Von der instrumentellen und apparativen Ausstattung der Praxis mit zwei Behandlungsräumen war ich positiv überrascht. Für ein Entwicklungsprojekt in Lateinamerika ist dieses Niveau untypisch hoch, was eine qualitativ hochwertige Zahnheilkunde ermöglicht:
Diagnostik: Neben der analogen Röntgendiagnostik (Zahnfilme) vor Ort besteht die Möglichkeit für externe Orthopantomogramme (OPG) in hoher Qualität.
Endodontie: Die Verfügbarkeit maschineller Aufbereitungssysteme (Reciproc) inklusive Apex Locator erlaubt auch die Erhaltung von tief kariösen Zähnen, sofern diese keine apikale Aufhellung aufweisen.
konservierende Therapie: Die technische Ausstattung macht Trockenlegung und adhäsive Füllungstherapie nach europäischem Standard möglich.
Hygiene und Sterilisation: Der Sterilisationsprozess folgt strengen Protokollen. Die beiden Autoklaven betreut in der Regel der bolivianische Assistent.
Prothetik: War während meiner Zeit nicht möglich, da kein Zahntechniker verfügbar war. Es gibt aber ein Labor für Kunststoff Prothetik mit zwei Arbeitsplätzen. Wer einen Techniker kennt, der kann ihm das Projekt gern weiterempfehlen!
Das Behandlungsspektrum umfasst die gesamte Bandbreite der allgemeinen Zahnheilkunde. Die Pathologien reichen von frühkindlicher Karies über komplexe endodontische Fälle bis hin zu ausgeprägten Abrasionsgebissen bei älteren Patienten. Besonders herausfordernd ist die Diskrepanz zwischen dem theoretisch Möglichen und der mangelnden dentalen Awareness vieler Patienten. Viele Neupatienten suchen die Klinik erst bei akuten Schmerzereignissen auf. Das erfordert eine schnelle Triage zwischen Zahnerhalt und chirurgischer Intervention.
Die Putzanweisung war für mich essenziell
Ein Schwerpunkt meines Aufenthalts lag auf der Intensivierung der Individualprophylaxe (IP), insbesondere für Kinder. Ihnen fehlt oft elementares Wissen über die Mundhygiene sowie motorische Fähigkeiten.
Mein Vorgehen in der Kinderzahnheilkunde:
Anfärben und Motorik-Check: Visualisierung der Plaque und individuelle Putzunterweisung. Viele Kinder haben noch nie ihre Backenzähne geputzt. Mira-2-Ton macht diesen Zahnarztbesuch für die kleinen Patienten zu einem besonderen Erlebnis.
Präventive Maßnahmen: Fissurenversiegelung (IP5) an kariesfreien bleibenden Molaren und Fluoridierung zum Kennenlernen der Abläufe. Danach viel Lob für die gute Mitarbeit.
Minimalinvasive Therapie: Kleine Füllungen zur Gewöhnung an die Behandlungssituation unter Lokalanästhesie.
Chirurgische Intervention: Extraktionen bleibender Zähne galten als Ultima Ratio, mussten aber dennoch oft genug durchgeführt werden.
Während meines Besuchs in der benachbarten Grundschule wurde mir außerdem klar, dass die Instruktion zur korrekten Anwendung der Zahnbürste oft wichtiger ist als die rein kurative Tätigkeit. Ohne Beseitigung der Ursache (Biofilm-Management, nicht vorhandene Zahnputzmotorik) ist die Langzeitprognose selbst für hochwertige Restaurationen sehr gering und es bildet sich nach einer gelegten Füllung schnell Karies an weiteren Zähnen.
Das Projekt braucht Erfahrung und Engagement
Die fachliche Vorbereitung auf den Auslandseinsatz erfolgt durch ehrenamtliche Mitglieder des FCSM, die auch die Materialversorgung sicherstellen. Die Logistik vor Ort – von der Zollabwicklung der Materialpakete bis zur Bereitstellung der Arbeitsmaterialien – ist eingespielt.
Das Projekt ist auf eine Mischung aus Erfahrung und Engagement angewiesen. Während frisch approbierte Kollegen eine wertvolle Unterstützung im Bereich der Individualprophylaxe und bei unkomplizierten Füllungen leisten, erfordern die komplexen chirurgischen und endodontischen Fälle idealerweise eine Berufserfahrung von möglichst drei bis fünf Jahren. Auch ZMF, ZMP und DHs sind herzlich willkommen.
Neben zahnmedizinischen Fähigkeiten sind ein grundlegendes Verständnis der Gerätetechnik – beispielsweise für die Wartung von Turbinen – sowie fundierte Kenntnisse der spanischen Fachterminologie von großem Vorteil, um die Autarkie des Standorts zu wahren und eine adäquate Patientenführung zu gewährleisten.
Fazit
Huancarani bietet die Möglichkeit, Zahnmedizin unter herausfordernden Bedingungen auf einem fachlich anspruchsvollen Niveau auszuüben. Der Erfolg des Projekts basiert nicht nur auf der technischen Ausstattung, sondern maßgeblich auf der Kontinuität der Versorgung und dem Fokus auf präventive Strategien. Die hohe Dankbarkeit und Compliance der Patienten unterstreichen die Wertigkeit dieses Engagements.
Die Unterkunft ist zudem sensationell: Es gibt fünf Zimmer, zwei Wohnzimmer, eine Küche und zwei Bäder – und zweimal täglich Verpflegung an den Arbeitstagen durch eine eigene Köchin. An den Wochenenden kann man durch das Land reisen und Bolivien kennen (und lieben) lernen.
Es gibt noch freie Plätze für 2026: Bewerbungen nimmt Dr. Ekkehard Schlichtenhorst unter info@fcsm.org entgegen. Weitere Informationen: www.fcsm.org








