So sind mündliche Tests fair, transparent und praxisnah
Wie lassen sich mündliche Prüfungen fair, vergleichbar und kompetenzorientiert gestalten – und gleichzeitig den didaktischen Ansprüchen an die zahnmedizinische Lehre im klinischen Alltag gerecht werden? Dieser komplexen Frage widmet sich das prämierte Projekt der Arbeitsgruppe SMP in der Zahnmedizin. SMP steht für „strukturierte mündliche Prüfung”.
Das fünfköpfige Projektteam setzt sich aus Dozentinnen und Dozenten der medizinischen Hochschulen in Freiburg, Mainz, Heidelberg und Homburg/Saar zusammen. Um über die unterschiedlichen Standorte hinweg effizient kooperieren zu können, hat sich die Arbeitsgruppe unter dem Dach des gemeinnützigen Instituts für Kommunikations- und Prüfungsforschung mit Sitz in Heidelberg angesiedelt.
Initiiert und geleitet wird die Arbeitsgruppe von Jun.-Prof. Dr. Anna-Lena Hillebrecht, an der Klinik für Zahnärztliche Prothetik des Universitätsklinikums Freiburg. „Unser Team hat sich im Rahmen des Masterstudiengangs ‚Medical Education‘ kennengelernt und festgestellt, dass die Gestaltung mündlicher Prüfungen für uns alle mit den gleichen Herausforderungen einhergeht“, berichtet die Zahnmedizinerin. „Es ist schwierig, sie so zu gestalten, dass sie fachlich fundiert, fair und rechtssicher sind und valide erfassen, ob Prüflinge über das erforderliche Wissen beziehungsweise die relevanten Kompetenzen verfügen.“
SMPs sind laut Hillebrecht in der Entwicklung relativ aufwendig, ermöglichen durch höhere Strukturierung mehr Fairness und eine gezieltere Prüfung an relevanten Kompetenzen. Genau an diesem Punkt setzten die Mitglieder der Arbeitsgruppe an. Sie tauschten Erfahrungen aus und bündelten den Entwicklungsaufwand für die Prüfungen.
Eine Kombination aus vielen Kompetenzen
Auf diese Weise soll nach und nach ein übertragbarer Fragen-Pool entstehen, auf den die kooperierenden Hochschulen regelmäßig – für alle drei staatlichen Prüfungen der Zahnmedizin (Z1 bis Z3) – digital zugreifen können. Die Plattform ermöglicht außerdem strukturierte Reviewprozesse, um die Qualität, die Vergleichbarkeit und die Validität der Prüfungen kontinuierlich zu verbessern.
Für die SMP-Plattform nutzt die Arbeitsgruppe die digitale Infrastruktur des Umbrella Consortiums for Assessment Networks (UCAN). Das UCAN ist der weltweit größte Verbund von Prüfungsverantwortlichen und wird getragen vom gemeinnützigen Institut für Kommunikations- und Prüfungsforschung. „Über UCAN können wir SMP gemeinsam entwickeln, speichern und austauschen“, erklärt Hillebrecht. Der so entstandene Pool sei vergleichbar mit gängigen Item-Banken für Multiple-Choice-Fragen.
Während das Multiple-Choice-Verfahren jedoch primär Faktenwissen abfrage, ermöglichten SMP es, das klinische Denken und die Entscheidungskompetenz der Studierenden zu überprüfen. „In einer Zeit, in der wir zunehmend ältere, multimorbide Patientinnen und Patienten zahnmedizinisch behandeln, wird genau diese Kompetenz immer wichtiger“, sagt Hillebrecht.
Ein wichtiger Unterschied zu klassischen mündlichen Prüfungen liege zudem in der Bewertung. Diese erfolge nicht mehr frei, sondern entlang klar definierter Kriterien und eines vorab definierten Bewertungsbogens inklusive Musterlösung. „So wird transparent, was eine gute, ausreichende oder nicht ausreichende Leistung ausmacht“, betont die Dozentin. Die digitale Plattform bietet aus ihrer Sicht einen weiteren Mehrwert: Prüfungen können im Vorfeld gezielt zusammengestellt und Überschneidungen – oder Lücken – im zu prüfenden Stoff vermieden werden.
Für eine bessere Lehre
Die Medizinische Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg und das Institut für Kommunikations- und Prüfungsforschung gGmbH (IKPF) würdigen mit dem Hans-Günther-Sonntag-Preis den im Jahr 2024 verstorbenen ehemaligen Dekan der Fakultät und Mikrobiologen Hans-Günther Sonntag. Ein Fokus seiner Arbeit lag auf der Förderung und Weiterentwicklung der medizinischen Ausbildung. Im Jahr 2001 führte er das Heidelberger Curriculum Medicinale (HeiCuMed) ein, das die medizinische Ausbildung in Heidelberg grundlegend modernisierte, unter anderem durch die Einführung kompetenz- und patientenorientierter Prüfungen. Sonntag war zudem am Aufbau des überregionalen „Umbrella Consortium for Assessment Networks“ (UCAN-Prüfungsverbund), einem internationalen Verbund von Prüfungsverantwortlichen, beteiligt.
Der mit insgesamt 10.000 Euro dotierte Hans-Günther-Sonntag-Preis wurde 2026 zum ersten Mal verliehen. Er ging zu gleichen Teilen an die AG SMP in der Zahnmedizin sowie an ein Projekt zu kompetenzorientierten Prüfungen in der gynäkologischen Beckenuntersuchung am Universitätsklinikum Jena.
Als Schlüssel zum Erfolg bezeichnet Hillebrecht die unterschiedlichen fachlichen und didaktischen Hintergründe, die innerhalb des Teams zusammenkommen: „Wir bringen Erfahrungen aus unterschiedlichen Abschnitten der zahnärztlichen Ausbildung mit. Gerade die Kombination aus klinischer Erfahrung, didaktischer Reflexion und kollegialem Review macht die Qualität der entwickelten strukturierten mündlichen Prüfungen aus.“
Zum Team gehören neben Hillebrecht Dr. Sarah Rampf, MME, Zahnärztin und Lehrkoordinatorin an der Poliklinik für Zahnerhaltungskunde des Universitätsklinikums Heidelberg, Prof. Dr. Stefan Rupf, MME, Professor für Synoptische Zahnmedizin an der Universität des Saarlandes, Zahnärztin und Medizindidaktikerin Dr. Lisa Morlock von der Poliklinik für Parodontologie und Zahnerhaltung der Universitätsmedizin Mainz, und Alina Gruseck, Expertin für Mediendidaktik und E-Learning am Department für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde des Universitätsklinikums Freiburg.
Pläne für die Zukunft
Für das Projektteam ist die Arbeit mit dem Hans-Günther-Sonntag-Preis allerdings noch längst nicht beendet. Hillebrecht: „Wir wollen das Netzwerk ausbauen, weitere Standorte einbinden und die Datenbank für Prüfungsfälle erweitern. Parallel dazu treiben wir die wissenschaftliche Evaluation voran.“ Die 5.000 Euro Preisgeld werden die fünf Preisträgerinnen und -träger in die digitale Weiterentwicklung des Projekts stecken. Außerdem sollen damit Schulungsangebote für Prüfende entstehen.
Wer Interesse an der Mitarbeit in der AG SMP hat, kann sich via E-Mail an anna-lena.hillebrecht@uniklinik-freiburg.de wenden.




