Pleomorphes Adenom in der Glandula sublingualis
Aufgrund einer progredienten Schwellung im Mundboden rechtsseitig wurde eine 56-jährige Frau in unserer Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie – Plastische Operationen vorstellig. Der Hauszahnarzt hatte sie überwiesen. Anamnestisch bestand die Schwellung seit einigen Wochen, hatte aber bislang nicht zu Schmerzen, Schluckstörungen, Mundöffnungsbehinderungen oder Bewegungseinschränkungen der Zunge geführt.
Neben einer medikamentös gut eingestellten arteriellen Hypertonie lagen keine Vorerkrankungen vor. Die klinische Untersuchung ergab eine derbe Schwellung des rechten Mundbodens, verschieblich, nicht adhärent zum Unterkieferknochen und ohne Hinweise auf eine akute Entzündung oder einen Abszessverhalt (Abbildung 1). Die Palpation des Halses ergab keinen Hinweis auf zervikale Raumforderungen oder vergrößerte Lymphknoten.
Zum Zeitpunkt der Erstvorstellung lag bereits eine am Tag zuvor extern angefertigte Magnetresonanztomografie vor. In der Bildgebung zeigte sich eine ovale, gut abgrenzbare Raumforderung mit überwiegend homogener Signalintensität. Die Läsion stellte sich gegenüber dem umliegenden Drüsengewebe signalangehoben und relativ gleichmäßig kontrastmittelaufnehmend dar. Infiltratives Wachstum in angrenzende Weichteilstrukturen oder eine Destruktion des angrenzenden Unterkieferknochens bestanden nicht.
Die umgebenden anatomischen Strukturen im Mundboden, einschließlich Muskulatur, Gefäße und Nerven erschienen verdrängt, aber nicht destruierend verändert (Abbildung 2). Anzeichen einer Nekrose, irreguläre Randkonturen oder pathologisch vergrößerte zervikale Lymphknoten lagen nicht vor.
Auf Grundlage der klinischen und der radiologischen Diagnostik wurde die Verdachtsdiagnose eines Adenoms der Glandula sublingualis rechts gestellt. Differenzialdiagnostisch kommen insbesondere mucoepidermoide Karzinome, adenoid-zystische Karzinome sowie Karzinome ex pleomorphem Adenom in Betracht [Speight et al., 2002; Bernes et al., 2005; Eveson et al., 1985; Bradley, 2001; Anthony et al., 2012; Zhao et al., 2004].

Aufgrund der Lokalisation, der Größenzunahme sowie der in der Bildgebung nicht eindeutig benignen Charakteristika wurde die Indikation zur vollständigen chirurgischen Exzision gestellt. Der Eingriff erfolgte in Allgemeinnarkose unter nasaler Intubation. Nach Aufsuchen, Darstellung und Schonung des Ductus submandibularis (Wharton-Gang) rechts erfolgte die Inzision im Mundboden posterior rechts auf den Befund zu.
Um eine Schädigung zu vermeiden, wurde der angrenzende Nervus lingualis zunächst dargestellt, bevor die Glandula sublingualis vorsichtig ausgelöst wurde (Abbildung 3). Die Resektion erfolgte vollständig (R0) bei intakter Tumorkapsel.
Der 3 x 2 x 0,9 cm große, derbe Befund (Abbildung 4) wurde zur histopathologischen Untersuchung eingesandt. Vor der Adaption der Schleimhaut zur Rekonstruktion des rechten Mundbodens wurde eine Drainage aus Kunststoff eingelegt und angenäht, um den Ablauf von Blut und Gewebsflüssigkeit zu ermöglichen und einer übermäßigen Mundbodenschwellung vorzubeugen.
Histopathologisch zeigte sich ein pleomorphes Adenom mit epithelialen und myoepithelialen Zellanteilen in chondromyxoidem Stroma. Malignitätskriterien konnten nicht gefunden werden.
Der postoperative Heilungsverlauf gestaltete sich komplikationslos und die Mundbodenschwellung zeigte sich allzeit stadiengerecht und moderat, so dass die Drainage im Mundboden am ersten postoperativen Tag entfernt werden konnte und die Patientin nach zwei Tagen in die ambulante Nachsorge entlassen werden konnte. Zwei Wochen postoperativ zeigte sich in der klinischen Verlaufskontrolle lediglich eine minimale Schwellung im rechten Mundboden im Bereich der Inzision, passend zur stadiengerechten Wundheilung frei von Infektionszeichen.
Die Patientin berichtete bereits kurz nach der Operation, keine Schmerzen mehr zu haben, gab jedoch eine leichte Hypästhesie im vorderen Zungendrittel rechtsseitig an mit bereits einsetzenden Regenerationszeichen durch Kribbelgefühl. Spitz-Stumpf-Diskrimination im vorderen Zungendrittel abgeschwächt, weiter posterior intakt. Die dezente Sensibilitätsstörung bildete sich im weiteren Verlauf komplett zurück.
Diskussion
Speicheldrüsentumore stellen mit etwa drei bis sechs Prozent aller Tumoren im Kopf-Hals-Bereich eine insgesamt seltene, aber histologisch äußerst heterogene Gruppe von Neoplasien dar [Sreenivasan et al., 2025; Nachtsheim et al., 2023]. In der überwiegenden Mehrheit der benignen Speicheldrüsentumore ist das pleomorphe Adenom mit etwa 70 Prozent aller Fälle die häufigste Entität [Alsanie, 2022].
Die Verteilung der unterschiedlichen Speicheldrüsentumore, vor allem aber das Vorkommen maligner Tumore, hängt im Wesentlichen von der betroffenen Drüse ab: Während Tumore der Glandula parotis überwiegend gutartiger Genese sind, steigt die Malignitätsrate mit abnehmender Drüsengröße deutlich an [Son et al., 2018].
Dementsprechend nehmen Tumore der Glandula sublingualis eine Sonderstellung im klinischen Alltag ein und bedürfen einer eingehenden Diagnostik. Tumoren der kleinen Speicheldrüsen, insbesondere der Glandula sublingualis, weisen eine hohe Malignitätsrate auf, die in der Literatur mit bis zu 70 bis 90 Prozent angegeben wird [Alsanie, 2022; Zhang et al., 2024; AWMF, 2025).
Daher sollte jede solide Raumforderung in diesem Bereich zunächst als malignitätsverdächtig eingestuft werden und bedarf einer eingehenden Diagnostik. Neben der empfohlenen sonografischen Untersuchung wird eine ergänzende magnetresonanztomografische Diagnostik als präoperatives Staging empfohlen [AWMF, 2025].
Die häufigsten malignen Tumore in der Glandula sublingualis entsprechen den generellen Verteilungsmustern der kleinen Speicheldrüsen und umfassen vorwiegend das Mukoepidermoidkarzinom und das adenoidzystische Karzinom [Alsanie, 2022]. Diese beiden Tumore zeichnen sich vor allem durch infiltratives Wachstum und besonders im Fall des adenoidzystischen Karzinoms durch eine perineurale Ausbreitung aus.
Klinisch führt dies meist zu Schmerzen und neurologischen Ausfällen [Guzzo, 2010]. Benigne Speicheldrüsentumore wie das pleomorphe Adenom hingegen präsentieren sich meist als langsam progrediente, schmerzlose Raumforderung [Guzzo, 2010].
Eine rein klinische Differenzierung allein reicht jedoch nicht aus, so dass bildgebende Verfahren und eine Feinnadelaspirationszytologie (FNAC) eine zentrale Rolle in der präoperativen Diagnostik einnehmen. Dies wird auch in der aktuellen S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie von Speicheldrüsentumoren des Kopfes evidenzbasiert hervorgehoben [AWMF, 2025]. Eine FNAC wurde im vorliegenden Fall jedoch aufgrund der eindeutigen operativen Indikation bei progredienter Raumforderung und bildmorphologisch suspekter Läsion nicht durchgeführt.
Das pleomorphe Adenom als häufigster benigner Speicheldrüsentumor weist in etwa 70 Prozent der Fälle in seiner Inzidenz einen Altersgipfel in der fünften bis siebten Lebensdekade auf, was mit dem vorgestellten Fall konsistent ist.
Frauen sind dabei häufiger betroffen, je nach Literatur in etwa 60 bis 97 Prozent der Fälle [Kalwaniya, 2023; Menon et al., 2025; Lima, 2005]. Als mögliche Ursache für die weibliche Prädominanz wird ein hormoneller Einfluss aktuell kontrovers diskutiert. Die derzeitige Studienlage liefert jedoch keine konsistente Evidenz für eine hormonelle Abhängigkeit [Speight et al., 2002]; Stenman, 2013; Dalin, 2016].
Therapeutisch ist die vollständige chirurgische Entfernung des Tumors mit kompletter Exstirpation der Drüse aufgrund der hohen Malignitätswahrscheinlichkeit und dem Risiko der Tumorzellverschleppung der therapeutische Goldstandard bei Tumoren in der Glandula sublingualis.
Eine vollständige Resektion mit tumorfreien Resektionsrändern (R0-Resektion) gilt laut der aktuellen S3-Leitlinie vor allem bei malignen Speicheldrüsentumoren als entscheidender prognostischer Faktor. Beim pleomorphen Adenom ist vor allem die Resektion mit intakter Tumorkapsel entscheidend zur Vermeidung intraoperativer Tumorzellverschleppung und damit assoziiertem erhöhtem Risiko zur Rezidiventstehung [AWMF, 2025].
Fazit für die Praxis
Raumforderungen der Glandula sublingualis sind aufgrund der hohen Malignitätsrate grundsätzlich als malignitätsverdächtig einzustufen. Auch seltene benigne Entitäten wie das pleomorphe Adenom müssen differenzialdiagnostisch berücksichtigt werden.
Die primäre Diagnostik erfolgt klinisch und sonografisch. Die FNAC kann zur weiteren Differenzierung beitragen, während MRT oder CT der Ausdehnungsdiagnostik und Operationsplanung dienen.
Differenzialdiagnostisch stehen insbesondere maligne Speicheldrüsentumoren wie das Mukoepidermoidkarzinom, das adenoidzystische Karzinom und das Karzinom ex pleomorphem Adenom im Vordergrund.
Therapeutisch ist die vollständige chirurgische Entfernung indiziert. Bei Tumoren der Glandula sublingualis sollte in der Regel die komplette Exstirpation der Drüse unter Schonung von N. lingualis und Ductus submandibularis erfolgen.
Zusammenfassend verdeutlicht der vorgestellte Fall die diagnostischen Herausforderungen bei Raumforderungen der Glandula sublingualis und hebt hervor, dass trotz der hohen Malignitätsrate auch in dieser Lokalisation seltene benigne Entitäten wie das pleomorphe Adenom in die differenzialdiagnostische Überlegung miteinbezogen werden sollten.
Eine leitliniengerechte Diagnostik und Therapie sind entscheidend, um ein optimales onkologisches und funktionelles Ergebnis zu erzielen. Dieser Fall unterstreicht, dass Raumforderungen der Glandula sublingualis bis zum Beweis des Gegenteils als malignitätsverdächtig einzustufen sind. Trotz benigner Entität bestand aufgrund der Lokalisation und der klinischen Dynamik eine klare Indikation zur operativen Therapie. Die vollständige Entfernung unter Schonung des N. lingualis und des Ductus submandibularis ist hierbei entscheidend.
Literaturliste
Alsanie, I., Rajab, S., Cottom, H., Adegun, O., Agarwal, R., Jay, A., … Khurram, S. A. (2022). Distribution and frequency of salivary gland tumours: An international multicenter study. Head and Neck Pathology, 16(4), 1043–1054.
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