Zwischen Unterversorgung, Aberglauben und lachenden Kindern
Die deutsche zahnmedizinische Hilfsorganisation PlanetAction e. V. betreibt Hilfsprojekte in afrikanischen Ländern wie Madagaskar. Dorthin fliegt zweimal pro Jahr ein mehrköpfiges Team aus approbierten Zahnärzten, ZFA und motivierten Studierenden. Die Einsatzgruppen organisieren sich vor Ort jeweils selbst. Die An- und Abreise, die Orte, die Materialien und die Zusammenarbeit mit lokalen Ansprechpartnern werden nach dem aktuellen Bedarf und der Dauer des Projekts eingeteilt. Dadurch können die Aufenthalte etwas mehr auf die Zielbevölkerung abgestimmt werden, wobei in der Regel überall genug Arbeit ansteht.
So war es auch bei unserem vierwöchigen Einsatz im vergangenen Jahr im Süden von Madagaskar. Dort ist in den vergangenen Jahren durch Dürreperioden eine Nahrungsmittelknappheit entstanden, sodass zahnmedizinische Probleme oft zur Nebensache im Alltag gerieten. Mit mehreren Koffern voller Materialspenden, Kleidung oder auch Spielzeug trafen wir zunächst in der Hauptstadt Antananarivo ein. Per Inlandsflug ging es weiter nach Fort Dauphin im Süden der Insel, gekennzeichnet von tropischem Klima.

Aberglaube führt viele immer noch eher auf den Marktplatz
In Amboasary-Sud mit etwa 40.000 Einwohnern gibt es keinen Zahnarzt und nur eine Krankenstation mit drei Betten in einem Kloster, wogegen in Fort Dauphin mit knapp 100.000 Einwohnern einige lokale Zahnärzte und sogar ein kleines Röntgengerät vorhanden sind. Ein Verhältnis lässt sich aber schwer bestimmen, da es keine offiziellen Einwohnerzahlen gibt, die Städte teils über größere Einzugsgebiete verfügen und ein Zahnarzt dort nicht zwingend regelmäßig arbeitet.
Unklar bleibt auch, welcher Anteil der Bevölkerung überhaupt von der Existenz zahnmedizinischer Versorgung weiß und wie misstrauisch diese Tätigkeit beäugt wird. Denn in Madagaskar sind der Glauben an die Verstorbenen und Aberglauben recht verbreitet. Uns wurde zudem berichtet, dass man sich bei akuter Not auch „auf dem Markt in Innenstädten von einem Laien mit einer Haushaltszange gegen Kleingeld“ helfen lassen könne, von Krankenkassensystemen oder staatlicher zahnmedizinischer Versorgung wurde uns nicht berichtet.
Für Projekte im Süden des Landes gibt es im Collège St. Vincentien Marillac in Fort Dauphin einen Behandlungsraum und ein gut ausgestattetes Materiallager, das die Einsatzgruppen immer mit Verbrauchsmaterialien auffüllen. Instrumentarium ist eigentlich ausreichend vorhanden. So sortierten wir am ersten Tag das noch vorhandene und unser neues Material, luden von allem die Hälfte auf drei Jeeps, mit denen wir dann nach Amboasary-Sud aufbrachen. Dort wohnten und arbeiteten wir zwei Wochen im Collège St. Joseph Michel, betrieben von vier sehr lieben Nonnen.
Der Hahn krähte morgens um 5 Uhr, gegen 6 Uhr gab es (optionale) Morgengebete und kurz danach Frühstück. Typisch madagassisch besteht dieses aus kaltem, rotem Reis vom Vortag mit Gemüse. Für uns wurde extra Milch zu Käse fermentiert, Baguette aufgetrieben und lokaler Honig serviert. Mittags und abends hat man uns dann reichlich mit Gemüse und Fleisch bekocht, das vom lokalen Markt oder aus dem eigenen Hof stammte. Läden oder Supermärkte nach unserem Verständnis gibt es in Amboasary-Sud nicht, der Markt unter freiem Himmel stellt die Versorgung sicher.
Der Andrang war gerade noch beherrschbar
Bei meist über 30 Grad und 80 bis 90 Prozent Luftfeuchtigkeit behandelten wir täglich von früh bis spät. Dafür richteten wir in einem Teil der Krankenstation eine kleine zahnärztliche Station ein: drei Holzliegen, zwei Stühle, ein provisorisches Materiallager und eine Hygieneecke mit Drucktöpfen. Auf den Treppen vor der Station sammelten sich spätestens nach unserem Besuch des Aschermittwoch-Gottesdienstes in der Kirche mit etwa 800 Besuchern lange Schlangen an Patienten, der Bedarf schien grenzenlos. Da wir bis zur Mittagspause oder zum Feierabend nicht alle behandeln konnten, haben wir unter viel Aufruhr und Geschrei Zettel als Marken für den nächsten Tag verteilt. Manche Menschen wussten offensichtlich nicht, was das sein soll, aber es gab etwas umsonst – da stellt man sich doch an! Damit wollten wir denjenigen, die schon stundenlang gewartet hatten, für den nächsten Tag einen Termin garantieren. Doch leider wurden diese Marken teilweise weitergegeben oder verkauft.
Ohne zwei Englischlehrer, die von Englisch auf Malagassy übersetzten, wäre das Behandeln nicht möglich gewesen, obgleich wir uns grundlegende Vokabeln wie Name, Alter oder Schwangerschaft auf Malagassy aneigneten. Trotzdem blieben Missverständnisse nicht aus: mit der Kochplatte, auf der wir in Drucktöpfen die Instrumente abkochten, schmorte die Leitung im Behandlungsraum durch, sodass wir ein Verlängerungskabel („longer cable“) verlangten. Man präsentierte uns einige Zeit später stolz einen sehr langen Holztisch – einen „longer table“.
Trockenlegung mit einer Fahrradluftpumpe
Zurück in Fort Dauphin, wohnten wir erneut im Kloster und behandelten mit den restlichen Materialien zwei weitere Wochen. Da erwischte uns ein Zyklon, sodass wir zwei Tage ohne Strom arbeiten mussten, wodurch weder die Einheit für Füllungen und Osteotomien noch die Kochplatte für die Drucktöpfe zur Verfügung standen. Deshalb stellten wir den Drucktopf auf das Lagerfeuer der Schule, auf dem mittags gekocht wurde, wobei fast die Plastiköffnung des Überdruckventils schmolz. Nach diesem Zwischenfall überbrückten wir die Zeit lieber mit einem geborgten Dieselgenerator, bis sich die Stromversorgung nach einigen Tagen wieder entspannte. Der allgemeine Zahnstatus ist in Fort Dauphin etwas besser, sodass mehr Füllungen auf dem Programm standen. Diese meisterten wir unter relativer Trockenlegung mit Watterollen und einer Fahrradluftpumpe.
In der letzten Woche waren wir auch im lokalen Gefängnis tätig, wo wir an drei Tagen die 300 Insassen, die in drei großen Zellen zusammengepfercht unter unmenschlichen Umständen hausen, behandelten. Diese bekommen nur einmal am Tag um 17 Uhr ungewürzten Manioksud zum Essen, von Mundhygiene ganz zu schweigen.
Fazit
Die vier Wochen waren eine sehr eindrucksvolle Zeit. Wir haben viel über das Land und die Leute gelernt, aber auch in einer der ärmsten und abgeschiedensten Regionen der Welt einigen Menschen Zugang zu zahnmedizinischer Versorgung ermöglicht. Wir sahen seltene Anomalien, die man so in Deutschland kaum noch antrifft, und lernten, mit begrenzten Möglichkeiten zurechtzukommen und die Situation hierzulande wertzuschätzen – trotz aller Formulare und Hürden im Alltag.
Die Zusammenarbeit mit lokalen Trägern schafft eine hohe Akzeptanz und Integration der Bevölkerung. Und das wiederum ermöglicht den Aufbau nachhaltigerer Strukturen, regelmäßige Putzdemos in Schulen und lokale Projekte. So müssen die approbierten Kollegen vor Ort vielleicht nicht jedes Jahr aufs Neue einen Quadranten entzahnen, sondern die Prävention zeigt eines Tages Wirkung. Das ist natürlich ein langer Prozess, der Zeit braucht. Dessen Begleitung kann ich jeder Kollegin und jedem Kollegen nur ans Herz legen!
Wenn Sie also PlanetAction bei einem Projekt begleiten oder finanziell unterstützen wollen, melden Sie sich gerne: info@planet-action.de






