Perfekt ist nicht perfektionistisch
Dass „perfekt“ nicht perfektionistisch heißt, machte Dr. Ralf Hausweiler, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer, in seinem Grußwort deutlich. Das Kongressmotto spiegele gut wider, wie eng zahnmedizinische Ästhetik, Gesundheitsauftrag, Lebensqualität und gesellschaftliche Erwartungen miteinander verbunden seien. „Perfekt“ bedeute vielmehr individuell passend, medizinisch verantwortungsvoll und nachhaltig. Die Zahnmedizin entwickle sich rasant, sagte Hausweiler. Entscheidend bleibe dabei jedoch: „Neue Technologien müssen der zahnärztlichen Sorgfalt dienen, nicht sie ersetzen.“
Wie unterschiedlich Zahnmedizin je nach Lebensphase gedacht werden muss, zeigten die Fachvorträge: Prof. Dr. Dr. Greta Barbe aus Köln stellte „Prävention und Parodontitistherapie im hohen Alter“ vor dem Hintergrund eines deutlich steigenden Behandlungsbedarfs vor. Sie verwies auf die vorhandenen Instrumente wie Kooperationsverträge, präventive Leistungen nach § 22a SGB V, telezahnmedizinische Leistungen, die verkürzte PAR-Strecke sowie Schulungsmaterialien. Gerade Video-Sprechstunden, -Fallkonferenzen und -Konsile seien gut durchführbar und eben auch abrechenbar, würden bislang aber nur sehr selten genutzt.
Bei Patienten mit Pflegegrad oder Eingliederungshilfe könne die verkürzte PAR-Strecke eine wichtige Option sein, wenn eine vollständige PA-Befundung nicht möglich ist. Essenziell bleibe die tägliche Mundhygiene. Barbe verwies zudem auf den signifikanten Einfluss schwerer parodontaler Erkrankungen auf das Mortalitätsrisiko und nannte als praktisches Schulungsangebot die Plattform mund-pflege.net.
KFO bei Erwachsenen
Prof. Dr. Sinan Şen aus Kiel nahm die kieferorthopädische Behandlung bei Erwachsenen in den Blick: Bekanntermaßen blieben Zähne lebenslang in Bewegung, zugleich liefen aber der Knochenumbau und die Gewebereaktion im Alter langsamer ab. Das Risiko für Knochenabbau, Rezessionen und schwarze Dreiecke steige.
Erwachsene bräuchten daher eine sorgfältige Aufklärung über die Dauer, die Kosten, die Nebenwirkungen und die biologische Grenzen der Behandlung. Häufig kämen Vorschädigungen wie Parodontitis, Attachmentverluste, kariöse oder endodontische Befunde, Abrasionen oder pathologische Zahnwanderungen hinzu. Ziel sei deshalb nicht Perfektionismus, sondern „ein individuell sinnvolles Optimum“: Man müsse die biologischen Grenzen respektieren, interdisziplinär planen und die Patienten transparent einbeziehen.
Warum die Zahnarztpraxis auch ein wichtiger Ort allgemeinmedizinischer Prävention und Früherkennung ist, erläuterte Prof. Dr. Dominik Schulte aus Kiel. Orale Befunde „können Hinweise auf systemische Erkrankungen geben“ – etwa bei familiärer Hypercholesterinämie. Auch Xanthelasmen oder ein Arcus corneae könnten bei der Behandlung in der Zahnarztpraxis frühzeitig auffallen und Anlass sein, den Patienten zur internistischen Abklärung weiterzuleiten, bevor es zu kardiovaskulären Ereignissen kommt.
Auch die Notfallmedizin müsse altersgerecht gedacht werden: So stünden bei Kindern Fieberkrampf, Atemnot und allergische Reaktionen im Vordergrund. Dabei könnten Kinder sehr lange kompensieren und würden dann plötzlich kippen. Jugendliche fielen eher mit psychischen Krisen, Essstörungen, Suizidgedanken oder Alkohol- und Drogenintoxikationen auf. Bei Erwachsenen seien Herzinfarkt, Schlaganfall, Luftnot und Panikattacken typische Notfall-Szenarien. In der Geriatrie wären Stürze, Verwirrtheit und Multimorbidität relevant. Wichtig sei es bei älteren Patienten zu beachten, dass diese oft atypische Symptome haben – ein Herzinfarkt könne hier auch ohne klassischen Brustschmerz verlaufen.
Praxis-Notfälle: oft stressbedingt
Zugleich betonte Schulte, dass rund 75 Prozent der häufigsten medizinischen Notfälle in der Zahnarztpraxis stressbedingt seien. Besonders hob er geschlechtsspezifische Unterschiede hervor: Herzinfarkte bei Frauen können sich etwa durch Schwindel, Übelkeit, Oberbauchschmerzen, extreme Erschöpfung oder plötzliche Kieferschmerzen zeigen.
Red Flags sind für Schulte ein Cortisolmangel nach Immuncheckpoint-Inhibitoren-Therapie, der bei onkologisch behandelten Patientinnen und Patienten zu schweren Kreislaufproblemen führen könne; sowie die Claudicatio masticatoria, also Kauschmerzen, als möglicher Hinweis auf eine Riesenzellarteriitis mit akuter Erblindungsgefahr. Er empfiehlt überdies Red-Flag-Karten für Leitsymptome wie zum Beispiel Brustschmerz, Luftnot, Halsschmerzen oder Kieferschmerzen. Zum Schluss ermutigte er dazu, einfache Monitoringmöglichkeiten wie Pulsoximeter, Blutdruckmessung oder kontinuierliche Glukosemessung bei entsprechenden Patientinnen und Patienten aktiv zu nutzen.
Prof. Falk Schwendicke ordnete Bulk-Fill-Komposite und Glashybride als pragmatische Amalgam-Alternativen ein – nicht als echte Innovation. Bulk-Fill vereinfache die Verarbeitung und funktioniere klinisch ähnlich gut wie inkrementell geschichtete Komposite, bleibe aber abhängig von der korrekten Lichthärtung, der Trockenlegung und der Adhäsivtechnik. Die Glashybride von heute seien deutlich leistungsfähiger als die früheren Glasionomerzemente und könnten innerhalb klarer Indikationsgrenzen auch im Klasse-II-Bereich eingesetzt werden, würden aber häufiger Chippings und Kontaktpunktprobleme zeigen.
Auf in die Post-Amalgam Ära
Kritisch sah Schwendicke den Begriff „bioaktiv“: Vieles bei dem Etikett sei Marketing, die klinischen Daten oft dünn. Der grundlegende Zielkonflikt zwischen der mechanischen Stabilität und der biologischen Funktion sei bisher nicht gelöst. Entscheidend blieben daher weniger „vermeintliche Wundermaterialien“ als vielmehr Indikation, Verarbeitung, Behandler- und Patientenfaktoren.
Und: Nach der Tagung ist vor der Tagung: Vom 10. bis zum 14. Mai 2027 lädt die „69. Sylter Woche“ gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) wieder auf die Nordseeinsel ein. Das Thema lautet dann: „Endodontie – Spitzentechnik in der Zahnmedizin!“




