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Interview mit Dr. Rebecca Otto zu Zahnärztinnen in Führungspositionen

„Es braucht weibliche Vorbilder!“

ao
Politik
Dr. Rebecca Otto ist niedergelassene Kinderzahnärztin in Jena, Co-Vorsitzende der Spitzenfrauen Gesundheit und Präsidentin von Dentista, dem Verband der ZahnÄrztinnen. Anlässlich des Weltfrauentags am 8. März erläutert sie, warum es für Frauen im Gesundheitswesen schwierig ist, in eine Führungsposition aufzusteigen und warum es wichtig ist, das zu ändern.

Frau Dr. Otto, die Mehrheit der Beschäftigten im Gesundheitswesen ist weiblich. In Führungspositionen sind Frauen allerdings deutlich unterrepräsentiert, gerade in Spitzenpositionen. Woran liegt das?

Dr. Rebecca Otto: An der Ausbildung und Motivation von Frauen jedenfalls nicht, diese ist in allen Bereichen gleichwertig. Allerdings ist das Gesundheitssystem in Deutschland sehr hierarchisch strukturiert; informelle Machtstrukturen spielen darin eine große Rolle. Zudem sind Führungspositionen häufig von langen Arbeitszeiten geprägt, verbunden mit Abend- und Wochenendterminen. Für Frauen, die meist den Großteil der Arbeit in der Familie, in der Pflege und im Haushalt übernehmen, ist es aber schwierig bis unmöglich, jedes Wochenende an Sitzungen teilzunehmen. Wenn man Frauen in Führungspositionen haben möchte, muss man daher dafür sorgen, dass es entweder weniger Abend- und Wochenendtermine gibt oder aber Möglichkeiten schaffen, dass diese von Frauen wahrgenommen werden können.

Liegt es in erster Linie an den Rahmenbedingungen oder trauen sich Frauen auch selbst zu wenig zu?

Es mangelt nicht an Frauen, die Ambitionen haben und die das Gesundheitssystem mitgestalten wollen. Oft fehlen allerdings weibliche Vorbilder. Schon an den Universitäten gibt es nur wenige Professorinnen. In erster Linie sind jedoch verkrustete Strukturen und schwierige Rahmenbedingungen dafür verantwortlich, dass Frauen in Führungs- und Spitzenfunktionen bislang wenig vertreten sind. Familienarbeit hängt meist an den Frauen.

Ist die Situation in der Zahnmedizin vergleichbar mit der in anderen Gesundheitsberufen oder gibt es Besonderheiten?

In Zahnarztpraxen ist die Situation natürlich eine andere als beispielsweise an Unikliniken. An den medizinischen und zahnmedizinischen Fakultäten der Universitäten sind immer noch viele formelle Strukturen in der Historie begründet und Hierarchien sehr stark ausgeprägt. Lange Arbeitszeiten lassen sich dort nicht mit Teilzeit und Homeoffice vereinbaren.

In den Praxen können die Inhaberinnen und Inhaber die Rahmenbedingungen dagegen weitestgehend selbst mitgestalten. Aber auch dort hängt die Familienarbeit oft an den Frauen. Es ist gesellschaftlich einfach akzeptiert, dass sich in erster Linie Frauen um Kinder und pflegebedürftige Angehörige kümmern. Das zeigt sich auch darin, dass Praxisinhaberinnen mit Kindern deren notwendige Betreuung nicht steuerlich absetzen können. Auch das Ehegattensplitting führt dazu, dass der Ehepartner mit dem geringeren Einkommen – und das ist oft die Frau – die Kinder betreut. Zudem fehlen Regelungen für niedergelassene Zahnärztinnen in Bezug auf Schwangerschaft, Mutterschutz und Stillzeit. Wie soll eine Zahnärztin mit einer Einzelpraxis auf dem Land, die gerade entbunden hat und alleinerziehend ist, nachts den zahnärztlichen Notdienst übernehmen? Es ist ja nicht immer möglich, eine Vertretung zu organisieren.

Wie sieht es in der zahnärztlichen Standespolitik aus?

In der zahnärztlichen Standespolitik finden viele Termine am Wochenende statt, und Vorstandssitzungen dauern bis zu acht Stunden. Das ist – im Übrigen nicht nur für Frauen – schwierig und wenig attraktiv. Dennoch sind die Zeiten, in denen in Gremien eine einzige Frau in einem Raum mit 100 Männern sitzt, zum Glück vorbei. Aber noch immer sind Frauen in den Kammern und Verbänden in der Minderheit. Themen, die für Frauen relevant sind, stehen zu wenig im Fokus.

2015 war ich Vorständin der Landeszahnärztekammer Thüringen und habe meinen Sohn bekommen. Zwei Wochen nach der Geburt habe ich bereits wieder erste Termine wahrgenommen. Wie ich das mit Kind organisieren kann, hat keine Rolle gespielt. Und allein unter Männern scheut man sich auch, solche Themen überhaupt anzusprechen.

Hat die 2023 eingeführte Frauenquote die Situation verbessert? Was halten Sie von der Quote?

Aktuell brauchen wir die Frauenquote, um Frauen in Führung zu bringen. Ohne sie hätten wir nicht deutlich mehr Frauen in der Standespolitik, da ansonsten der Druck fehlen würde, etwas zu verändern. Die Quote sieht vor, dass in einem Vorstand mit drei Mitgliedern mindestens eine Frau vertreten sein muss. Durch die Quote werden Besetzungsverfahren transparent. Es wird transparent, welche Qualifikation Bewerber haben. Da es sehr viele hochqualifizierte Frauen gibt, ist die Quote – lassen Sie es mich einmal so sagen – zur Bedrohung für weniger qualifizierte Männer geworden. Vor Einführung der Quote wurden Wahlen noch vorgezogen, um Frauen in den Vorständen zu verhindern.

Genügen die Regelungen zur Frauenquote?

Die Quote gilt nur für die KZVen, nicht für die Kammern. Wir brauchen sie aber für alle Körperschaften, auch die Kammern. Ziel muss die Parität sein; Frauen müssen an Entscheidungen paritätisch beteiligt sein. In einem sechsköpfigen Vorstand sollten drei Frauen vertreten sein.

Gender Pay Gap ist zum Berufsstart am gröẞten

Die Deutsche Apotheker- und Ärztebank (apoBank) hat im vergangenen Jahr mehr als 300 angestellte Zahnärztinnen und Zahnärzte nach ihrem Gehalt und ihrer Arbeitszeit befragt. Dabei zeigte sich, dass mehr als zwei Drittel in der ambulanten zahnärztlichen Versorgung inzwischen am Umsatz beteiligt werden. Bei Angestellten mit Umsatzbeteiligung liegt laut der Erhebung zwar das Grundgehalt mit durchschnittlich 52.000 Euro pro Jahr unter dem durchschnittlichen Festgehalt in Höhe von 64.800 Euro. Inklusive der Beteiligung beläuft sich das Durchschnittsjahresbrutto dieser Gruppe aber auf 91.300 Euro – und fällt damit etwa 40 Prozent höher aus.

Bei Angestellten, die ein Festgehalt beziehen, verdienen angestellte Zahnärztinnen noch immer weniger als ihre männlichen Kollegen, allerdings hat sich die Vergütung angenähert: In dieser Gruppe verringerte sich die Lohnlücke von 33 Prozent im Jahr 2021 auf neun Prozent im vergangenen Jahr. So erhalten angestellte Zahnärztinnen ein durchschnittliches Bruttojahresgehalt von 62.600 Euro, während ihre Kollegen im Schnitt 68.200 Euro verdienen.

Bei einer variablen Vergütung und gleichzeitig geringer Berufserfahrung hat sich die geschlechtsspezifische Lohnlücke seit der letzten Befragung dagegen leicht vergrößert. Bei Zahnärztinnen und Zahnärzten, die umsatzabhängig bezahlt werden, liegt der durchschnittliche Gehaltsunterschied demnach bei 20 Prozent – ein Prozentpunkt mehr als 2021. Dafür gibt es laut apoBank mehrere Gründe: Männer vereinbaren häufiger einen höheren Anteil der Umsatzbeteiligung an der Gesamtvergütung (30 Prozent) und sind seltener an Umsatzschwellen gebunden. Zudem sind sie im Schnitt öfter operativ tätig – was zeitintensiver ist und besser vergütet wird.

Die Befragung ergab außerdem, dass der Gender Pay Gap zum Karrierestart mit rund 30 Prozent am ausgeprägtesten ist. Mit mehr als 14 Jahren Berufserfahrung schrumpft die Lohnlücke laut der Erhebung demnach deutlich auf noch vier Prozent.

Befragt wurden 324 Zahnärztinnen und Zahnärzte – darunter Vorbereitungsassistenten, Zahnärzte und Fachzahnärzte – in Form einer zufallsbasierten Online-Umfrage im 1. Halbjahr 2025. Die Befragung wurde von DocCheck Research (Köln) durchgeführt, die Stichprobe dafür aus dem DocCheck Panel sowie dem Panel der apoBank und mit Unterstützung des Freien Verbands Deutscher Zahnärzte gewonnen. Die Stichprobe erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität.

Warum ist es wichtig, dass sich mehr Frauen in der Standespolitik und in Führungspositionen engagieren?

Damit frauenspezifische Themen und Probleme Gehör finden. Damit Frauen auch ihre Perspektive einbringen können – das schließt die männliche Perspektive aber nicht aus. Um die Rahmenbedingungen zu verbessern und zu erreichen, dass Frauen mehr an der Versorgung teilnehmen. Nur dann können wir auf alle Patientengruppen gleichermaßen eingehen. Themen, die die Hälfte der Bevölkerung betreffen, müssen auf den Tisch kommen. Das ist auch für die Zahnarztpraxen wichtig.

Um welche Themen handelt es sich? Können Sie Beispiele nennen?

Zum einen geht es um spezifische Themen, die freiberuflich tätige Zahnärztinnen betreffen. Generell muss es einfacher werden, Familie und Beruf zu vereinbaren. Beispielsweise wäre es wichtig, dass niedergelassene Zahnärztinnen die Kosten für die Kinderbetreuung steuerlich absetzen können. Zahnärztinnen, die gerade entbunden haben, sollten die Befreiung vom zahnärztlichen Notdienst beantragen können. Wir als Dentista setzen uns auch dafür ein, dass das Stillbeschäftigungsverbot von zwölf auf sechs Monate reduziert wird.

Zum anderen geht es um eine genderbezogene Versorgung. Beispielsweise wird ein Herzinfarkt bei Frauen oft schlechter erkannt als bei Männern. Gesundheitsversorgung sollte aber für alle Geschlechter gleich gut sein. Frauengesundheit betrifft 50 Prozent der Bevölkerung, daher sollte diese gleichwertig im Fokus stehen.

Müssen Frauen besser sein als Männer, um es in eine Führungsposition zu schaffen?

Es ist ja meist gar nicht definiert, welche Qualifikation jemand in einer Spitzenposition haben muss. Frauen in Führung müssen die gleiche Qualifikation haben wie Männer. Wichtig ist nur, das Spiel, also die Strukturen zu verstehen. Das Problem ist eher, dass Frauen von anderen selten als Führungskraft gesehen werden. Männern wird es einfach zugeschrieben. Dabei können viele gar nicht führen.

Was raten Sie Frauen, die eine Führungsposition in der Standespolitik anstreben oder sich in einer solchen behaupten müssen?

Sie sollten sich mit Standes- und Gesundheitspolitik beschäftigen. Viel lernen kann man auch in Seminaren der AS-Akademie. Netzwerke sind sehr wichtig. Es lohnt sich, klein anzufangen. Es gibt die Möglichkeit, sich in einem Ausschuss einzubringen, um die Strukturen und Prozesse kennenzulernen. Aber man sollte das nicht 20 Jahre machen. Es empfiehlt sich außerdem, ältere Kolleginnen oder Kollegen anzusprechen und ihre Erfahrung zu nutzen. Auch ein Mann kann ein guter Mentor sein.

Die Spitzenfrauen Gesundheit und andere Initiativen setzen sich für mehr Frauen in Führungspositionen ein. Was wurde bisher erreicht?

Wir haben schon einiges geschafft, es findet bereits ein Kulturwandel statt. Die Spitzenfrauen Gesundheit sprechen gezielt Frauen an und unterstützen sie auf dem Weg an die Spitze. Bei den Krankenkassen sieht man schon eine große Veränderung. In den Vorständen der zehn größten Kassen sitzen mittlerweile immerhin acht Frauen.

Im neuen Vorstand der Bundeszahnärztekammer sind seit Ende letzten Jahres sogar zwei Frauen an der Spitze – sie haben es auch ohne Quote geschafft. Das hat eine große Signalwirkung, sie haben Vorbildfunktion. Alle drei neuen Vorstandsmitglieder sind qualifiziert und haben in ihren Ländern bereits viel bewegt.

Mit Nina Warken ist eine Frau Gesundheitsministerin, sie hat eine andere Perspektive als ein Mann. Frauenspezifische Themen finden mittlerweile mehr Gehör. Im Medizinregistergesetz kann beispielsweise auch das Geschlecht angegeben werden, und es wird ein Budget geben für die Endometrioseforschung. Zudem ist der Gender-Data-Gap inzwischen wenigstens verringert worden.

Sind Sie zufrieden mit dem Erreichten?

Nein, es ist trotzdem nicht einfach. Unsere Themen werden oft abgetan. Dann heißt es, ihr schon wieder mit euren Themen wie Wechseljahre etc. … Die Kultur muss sich verändern. Es knirscht gerade gewaltig in der Gesundheitspolitik. Es ist notwendig, angesichts riesiger Probleme dicke Bretter zu bohren. Wir müssen dranbleiben, es ist ein langer Atem nötig.

Das Gespräch führte Anne Orth.

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