Interview mit Prof. Dr. Jens Christoph Türp über Scheinkongresse

„Herausreden kann sich niemand mehr“

Mit der investigativen Recherche des Journalisten Peter Onneken kam die Branche der Scheinkongresse 2018 erstmals an Licht. Wissenschaftliche Literatur zum Thema ist eher rar. Prof. Dr. Jens Christoph Türp von der Klinik für Oral Health and Medicine, Universitäres Zentrum für Zahnmedizin Basel, ist Autor eines Fachartikels zum Thema und schildert im Interview, welche Trends zu beobachten sind, wie die Strafverfolgung der Anbieter aussieht und wie Wissenschaftler Scheinkongresse sicher identifizieren können.

Herr Professor Türp, Sie haben das Phänomen Scheinkonferenzen für einen Fachartikel über längere Zeit verfolgt. Welche Trends konnten Sie beobachten?

Prof. Dr. Jens Christoph Türp:

Man muss zwei Dinge unterscheiden: Einerseits fragwürdige Fachzeitschriften, andererseits unseriöse Konferenzen. Weniger diplomatisch werden erstere auch als Raubzeitschriften – Englisch: predatory journals –, letztere als Scheinkonferenzen bezeichnet.

Beide Phänomene sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. In beiden Fällen erhalten Akademiker per E-Mail eine mehr oder weniger freundliche Einladung, einen Artikel für eine bis dato unbekannte Zeitschrift einzureichen beziehungsweise an einer Fachkonferenz teilzunehmen, die in Wirklichkeit nichts anderes ist als eine Scheinkonferenz. Dieses Unwesen hat in den vergangenen Jahren merkbar zugenommen. Im Zuge der Corona-Krise erhielt es einen kleinen Dämpfer, aber ich bin überzeugt, dass es sich dabei nur um einen vorübergehenden Rückgang handelt. Die Veranstalter haben bereits auf die neue Situation reagiert: Sie bieten Webinare an.

Sie haben für den Artikel über einen Monat die E-Mail-Eingänge in Ihrem Universitätspostfach dokumentiert. Was fiel Ihnen dabei auf?

Ich habe die im Januar 2020 erfolgten E-Mail-Eingänge gesammelt und systematisch ausgewertet. Es gab 38 E-Mails, die sich auf 32 fragwürdige Konferenzen bezogen. Davon waren lediglich acht im Bereich Zahnmedizin angesiedelt. Aber, so kann man fragen, was um alles in der Welt hat ein Zahnarzt auf einer „Internationalen Konferenz über Elektrizität, Energie, Elektrotechnik und Umweltwissenschaften“ im chinesischen Chengdu verloren?

Wie viele dubiose Kongress-anbieter sind Ihren Schätzungen zufolge derzeit am Markt?

Mehr als man denkt. Ich darf dazu auf eine Webseite von Dana Roth, Bibliothekar am California Institute of Technology verweisen. Auf seiner Liste finden sich mehr als 100 Anbieter solcher Konferenzen ( https://bit.ly/Anbieter_Scheinkongresse ).

Welche Teilnahmegebühren werden gefordert?

Die Gebühren für die zwei- bis dreitägigen Konferenzen bewegen sich für Referenten in der Regel zwischen 600 und 1.000 Dollar. Je nach Paket kann es aber auch teurer werden.

Welche Summen setzen die Anbieter insgesamt um?

Genaue Zahlen sind nicht bekannt, aber zumindest für einige Anbieter muss es ein sehr einträgliches Geschäft sein.

Was sind deren Maschen bei der Anwerbung von Referenten und Teilnehmern?

Ein Teil der E-Mails weist eine neutrale Anrede auf, also „Dear Doctor“, „Dear Colleague“ oder „Dear Scholar“. Der Großteil der Anschreiben ist demgegenüber personalisiert: „Dear Dr. Jens C. Türp“, zum Beispiel. Bei der Anwerbung als Referent beziehen sich die Werber in der Regel auf eine eigene PubMed-gelistete Publikation, über deren Inhalt man auf der Konferenz referieren soll. Häufig hat das Thema dieser Publikation aber wenig bis nichts mit dem Thema der Konferenz zu tun. Welchen Sinn macht es, auf dem 10. Jahreskongress für Nanowissenschaften und -technologie im Mai 2021 in Osaka in einem Vortrag epidemiologische und ätiologische Überlegungen über die Rolle der Okklusion als vermutete Ursache für kraniomandibuläre Dysfunktionen anzustellen?

Klingt tatsächlich abwegig. Was treibt Wissenschaftler Ihrer Einschätzung nach dennoch zur Teilnahme an solchen Kongressen?

Allein der Platzhirsch unter den Anbietern solcher Veranstaltungen bietet zwischen dem 20. Juli und dem 5. Dezember 2020 rund 37 zahnmedizinische Kongresse an. Die Kongressorte liegen ausnahmslos in attraktiven Städten: London, Rom, Madrid. Oder darf es eine Destination in Übersee sein? Dubai vielleicht? Oder Kapstadt? Singapur? Toronto? Die treibende Kraft ist also wahrscheinlich der Duft der großen, weiten Welt.

Und wie fallen die Erfahrungsberichte von Teilnehmern solcher Scheinkonferenzen aus?

Seriöse Quellen berichten durchweg von enttäuschten und verärgerten Teilnehmern.

Wie lassen sich Angebote von dubiosen Kongress-anbietern beziehungsweise Scheinkonferenzen sicher identifizieren?

Das Forschungszentrum Jülich bietet auf seiner Webseite eine 14-Punkte-Liste mit möglichen Hinweisen für das Vorliegen einer Scheinkonferenz an ( https://bit.ly/Scheinkongresse_erkennen ). In meinem Beitrag in der Deutschen Zahnärztlichen Zeitschrift habe ich 25 weitere Indizien angeführt, darunter fehlende Details zum genauen Veranstaltungsort – der meist irgendein Hotel ist – und zum Kongressprogramm. In diesem Zusammenhang möchte ich gerne auf die internationale Webseite „Think. Check. Attend.“ hinweisen: https://thinkcheckattend.org/check/ . Mit diesen Informationen sollte sich wirklich niemand mehr auf solche für einen Wissenschaftler unwürdigen Veranstaltungen verirren.

Gibt es eine strafrechtlich Verfolgung der Akteure?

Eine indische Verlagsgruppe wurde im April 2019 von einem US-amerikanischen Bezirksgericht in Nevada zu einer Geldstrafe von 50,1 Millionen Dollar verurteilt. Als Grund wurden unter anderem irreführende Behauptungen über die Art der von der Gruppe angebotenen Konferenzen aufgeführt. Ferner monierte das Gericht, dass im Rahmen der Kongressbewerbung bekannte Forscher als Moderatoren genannt wurden, die davon überhaupt nichts wussten und auch nicht beabsichtigten, diese Veranstaltungen zu besuchen. Die Süddeutsche Zeitung titelte damals „Schlag gegen Pseudowissenschaft“.

Sie betonen auch die möglichen negativen Folgen für Wissenschaftler. Wie sehen diese konkret aus?

Die Teilnahme an unseriösen Konferenzen wirkt sich nicht nur auf die Reputation der teilnehmenden Person negativ aus, sondern auch auf die Institution, die sie vertritt. Aber letztlich wird das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaft untergraben, denn das Phänomen der Scheinkonferenzen ist der Allgemeinheit spätestens seit Juli 2018 bekannt, als Peter Onnekens preisgekrönte Reportage „Betrug statt Spitzenforschung – Wenn Wissenschaftler schummeln“ im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde ( https://bit.ly/WDR_Betrug_statt_Spitzenforschung ). Herausreden kann sich jedenfalls niemand mehr.

Die Fragen stellte Marius Gießmann.

Melden Sie sich hier zum zm Online-Newsletter an

Die aktuellen Nachrichten direkt in Ihren Posteingang

zm Online-Newsletter


Sie interessieren sich für einen unserer anderen Newsletter?
Hier geht zu den Anmeldungen zm starter-Newsletter und zm Heft-Newsletter.