Können Stammzellen aus Milchzähnen Krankheiten heilen?
Unternehmen führten Eltern möglicherweise mit „unverschämten Behauptungen” in die Irre, lautet das Fazit der Investigativjournalistin Emma Wilkinson, die dem Thema für das British Medical Journal (BMJ) nachgegangen ist. Dafür befragte sie Expertinnen und Experten und wertete Studien zum Thema aus.
Fest steht für Wilkinson bisher nur, dass der Service recht kostspielig ist. Aus dem Artikel geht hervor, dass Eltern einen Grundbetrag in Höhe von rund 1.900 Pfund (2.200 Euro) zahlen und danach eine jährliche Lagerungsgebühr von 95 Pfund (110 Euro).
Junge Zähne – eine „besonders wertvolle“ Quelle
Zurzeit bieten laut Wilkinson drei britische Unternehmen Zahnbankdienstleistungen an. Deren Werbeversprechen fasst sie so zusammen: Milchzähne könnten als Quelle für Stammzellen dienen, um bei Bedarf Gewebezellen im gesamten Körper zu reparieren. Dabei seien Stammzellen aus Milchzähnen „besonders wertvoll, weil sie jünger und gesünder sind“, zitiert die Journalistin das Unternehmen „Future Health Biobank“, das auch mit deutschen Zahnarztpraxen kooperiert.
Zu den Behauptungen der Dienstleister gehöre außerdem, dass Stammzellen bereits für die Behandlung von Autismus, Diabetes, Multipler Sklerose, Myokardinfarkt und Parkinson erprobt würden. Das Unternehmen „Stem Protect“ zähle auf seiner Website unter der Überschrift „Wofür werden Zahnstammzellen verwendet?“ zusätzlich Gaumenspaltenkorrekturen, HIV/AIDS, Knieknorpelreparaturen, schwere kombinierte Immundefekte und Sichelzellenanämie auf.
Es mangelt an Beweisen (und Evidenz)
Mehrere Expertinnen uns Experten hätten auf Nachfrage erklärt, dass Eltern – abgesehen von den Informationen der Unternehmen – keine verlässlichen wissenschaftlichen Informationen zur Verfügung gestellt würden, kritisiert Wilkinson. So habe die Stammzellbiologin Jill Shepherd von der University of Kent ihr gegenüber erläutert, es gebe bislang nicht genügend Beweise dafür, dass Stammzellen aus Zähnen für die autologe Verwendung eingelagert werden sollten. Aus ihrer Sicht verkauften die Firmen vielmehr das Potenzial für etwas, das wissenschaftlich noch nicht bestätigt sei.
Aufbereitung von Stammzellen aus Milchzähnen
Bei der Entnahme und Lagerung von Stammzellen aus Milchzähnen (gemäß Future Health Biobank) wird überprüft, ob der Zahn gesund ist, gemäß dem validierten Verfahren entnommen und transportiert wurde und für die Verarbeitung geeignet ist. Die Zahnpulpa wird aufgeschlossen und die Zellen werden kultiviert, bis eine ausreichende Anzahl vorhanden ist oder die maximale Zeit erreicht ist, um sicherzustellen, dass die Naivität der vorhandenen Stammzellen nicht verloren geht – je nachdem, was früher eintritt. Die Zellen werden entnommen, gezählt und auf Lebensfähigkeit und Sterilität getestet, bevor sie in mehreren Fläschchen kryokonserviert werden, Ein Fläschchen wird speziell für Qualitätskontrollen aufbewahrt – dazu werden die Zellen aufgetaut und kultiviert und eine Durchflusszytometrie durchgeführt, um das Vorhandensein von Zelloberflächenmarkern zu bestätigen. Alle Proben werden in flüssigem Stickstoff gelagert. Nach der Kryokonservierung könnte die Probe theoretisch unbegrenzt gelagert werden.
Wilkinson, E. (2025). Banking baby teeth: companies may be misleading parents with “outrageous claims”: Video 1. BMJ. doi.org/10.1136/bmj.r1491.
Ein weiteres Problem: Die Evidenz sei für Laien schwer zu bewerten. So habe Ende 2024 die Nachricht, dass chinesische Forschende eine 25-jährige Frau mit Typ-1-Diabetes mithilfe von Stammzellen geheilt hätten, das Interesse an Einlagerungen in die Höhe schnellen lassen. Vor allen Dingen Eltern erkrankter Kinder seien aufmerksam geworden.
Aber, betont Stammzellexpertin Sheperd: In der chinesischen Studie seien Zellen aus frischem Gewebe und nicht aus gefrorenem Material verwendet worden. „Solche Details sind wichtig“, mahnt Sheperd und fügt hinzu, dass es keine Hinweise darauf gebe, „dass Stammzellen, die aus den Milchzähnen eines Kindes gewonnen wurden, jemals zur Behandlung dieses Kindes benötigt werden könnten“.
In den USA mischen auch Zahnarztpraxen mit
In ihrem Artikel berichtet Wilkinson, dass das Interesse an Zahnstammzellenbanken als kommerzielles Angebot in den USA besonders groß ist. „Dort bieten Zahnärzte an, extrahierte Zähne zu sammeln und die Zahnmarkstammzellen zu konservieren“, schreibt sie.
Eine im Jahr 2020 veröffentlichte Auswertung habe jedoch gezeigt, dass sich die von den Anbietern zitierten Forschungsergebnisse „entweder auf klinische Studien zu nicht-dentalen mesenchymalen Stammzellen oder auf präklinische Studien zu aus Zähnen gewonnenen Stammzellen“ bezogen.
Die Werbeversprechen werden nun untersucht
Das BMJ hat auf Basis seiner Erkenntnisse eine Beschwerde gegen die britischen Unternehmen bei der nationalen Advertising Standards Agency (ASA) eingereicht. Diese hat bereits angekündigt, die Werbeversprechen der Anbieter zu überprüfen.
Wilkinson, E. (2025). Banking baby teeth: companies may be misleading parents with “outrageous claims”: Video 1. BMJ. doi.org/10.1136/bmj.r1491.