Lebenswelt Schule soll systematisch für Krebsprävention genutzt werden
Rund 50 Fachleute aus Politik, Wissenschaft, Verwaltung, Gesundheitswesen und Zivilgesellschaft hatten im Juni 2026 am Gipfel teilgenommen und ihre Expertise eingebracht. Jetzt erschien der Ergebnisbericht der Veranstaltung, in deren Mittelpunkt sechs zentrale Handlungsfelder stehen:
Krebsprävention als gesamtgesellschaftliche Querschnittsaufgabe ressort- und politikfeldübergreifend verankern: Der vielfach empfohlene Health-in-All-Policies-Ansatz sei in der deutschen Politik bislang nicht verbindlich verankert, heißt es. Als Best-practice-Beispiel lobten die Experten das bayerische Modell der Gesundheitsregionenplus, das bereits zahlreiche Projekte angestoßen habe, etwa HPV-Informationsangebote an Schulen.
Austausch, Kooperation & Vernetzung aller Akteure in der Krebsprävention stärken: Es brauche ausreichende Ressourcen für Vernetzung (kommunal/regional sowie zum Bund), Evaluation und Datenerhebung, so die Experten.
Verhältnisprävention gesetzgeberisch fördern und in den verschiedenen Lebenswelten implementieren: Sie fordern steuerliche Anreize und strukturelle Maßnahmen für gesundheitsförderliches Verhalten. Gleichzeitig soll der Kindergesundheitsschutz durch Werbeverbote für gesundheitsschädliche Produkte gestärkt werden.
Lebenswelt Schule systematisch für Krebsprävention und Gesundheitsförderung nutzen: Der Institution Schule komme bei der Krebsprävention eine Schlüsselrolle zu, heißt es. „Als einzige Institution erreicht sie aufgrund der Schulpflicht nahezu alle Kinder und Jugendlichen – und darüber hinaus auch deren Familien“. Institutionell verankern lasse sich Prävention hier über dezidierte Schulgesundheitsfachkräfte, sogenannte School Nurses (kurz: SGFK).
Verhältnisprävention gesetzgeberisch fördern und in den verschiedenen Lebenswelten implementieren: Es brauche verschiedene niedrigschwellige Zugangswege zu Präventionsangeboten, etwa über Apotheken, Gesundheitshäuser und Schulen. Gleichzeitig sollen lokale Netzwerkstrukturen gefördert und sichtbar gemacht werden.
Gesundheitsökonomische Potenziale der Krebsprävention aufzeigen: Außerdem soll der volkswirtschaftliche Nutzen von Prävention sichtbar gemacht werden, schreiben die Experten. Zudem brauche es eine verbesserte Datenverfügbarkeit, Datenverknüpfung und Datennutzung und einen Ausbau der Forschungsförderung.
Die beteiligten Expertinnen und Experten empfehlen unter anderem, Prävention politisch ressortübergreifend stärker zu verankern, die Erfahrungen erfolgreicher Modellprojekte bundesweit nutzbar zu machen, Schulen stärker in den Blick zu nehmen, lokale Präventionsstrukturen auszubauen und den volkswirtschaftlichen Nutzen von Prävention systematisch sichtbar zu machen.
„Wir wissen heute so viel wie nie zuvor darüber, wie Krebs verhindert werden kann. Aber wir schaffen es noch nicht, dieses Wissen umzusetzen.“
Prof. Rita Schmutzler, Präsidentin der Deutschen Krebshilfe
Ein starker Hebel seien zudem Maßnahmen, die es den Menschen leichter machen, sich gesundheitsbewusst zu verhalten – die so genannte Verhältnisprävention. Hier sehen viele Fachleute erheblichen politischen Nachholbedarf. Beispielsweise werden Tabak und Alkohol in Deutschland deutlich geringer besteuert als in anderen europäischen Ländern, heißt es in dem Bericht. Dabei hätten sich höhere Steuern als Lenkungsmaßnahme bewährt.
Bei der Veranstaltung fand Prof. Hendrik Streeck, Sucht- und Drogenbeauftragter der Bundesregierung deutliche Worte: Tabak verursache allein im Gesundheitswesen Kosten von 30 Milliarden Euro pro Jahr, welche in Form von Steuererhöhungen auf Rauchende umgelegt werden müssten. Gleichzeitig erinnerte er an das Potenzial der Krebsprävention. Vier von zehn Krebserkrankungen könnten durch kluge Prävention verhindert werden – diese Zahl sieht er als Verpflichtung.
Politik signalisiert größere Offenheit für Prävention
Beim Gipfel wurde deutlich, dass Krebsprävention auf wachsendes politisches Interesse stößt. Johannes Wagner, MdB Bündnis90/ Die Grünen kündigte die Gründung eines fraktionsübergreifenden ‚Parlamentskreis Prävention‘ an, um Prävention auf parlamentarischer Ebene zu stärken – was Ende Juni 2026 bereits in die Tat umgesetzt wurde. Kurze Zeit später startete das Bundesgesundheitsministerium eine Präventionsoffensive.
„Die Ergebnisse des Krebspräventionsgipfels zeigen sehr konkret, an welchen Stellen politisches Handeln erforderlich ist."
Prof. Dr. Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ)
Die Veranstalter betonen, dass die Herausforderungen im Bereich der Krebsprävention nicht durch einzelne Projekte oder Modellvorhaben gelöst werden können. „Jetzt braucht es den politischen Willen, Prävention konsequent und langfristig zu stärken. Wir erwarten, dass die neue Offenheit für das Thema auch unter der neuen Führung im Bundesgesundheitsministerium in konkrete Entscheidungen mündet“, sagt Schmutzler.
40 Prozent aller Krebsneuerkrankungen sind vermeidbar
Rund 40 Prozent aller Krebsneuerkrankungen gelten nach wissenschaftlichen Erkenntnissen als vermeidbar. Gleichzeitig stehen die Gesundheitssysteme zunehmend unter finanziellem Druck. „Die Kosten im Gesundheitssystem explodieren – gerade deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, die Prävention zu stärken“, sagt Baumann. „Wer Prävention fördert, senkt nicht nur das Risiko für Krebs und viele weitere nichtübertragbare Krankheiten, sondern entlastet langfristig auch das Gesundheitswesen und die sozialen Sicherungssysteme. Wir brauchen eine Präventionsdekade, die Präventionskonzepte systematisch wissenschaftlich weiterentwickelt und in die Anwendung überführt.“
Mit dem Nationalen Krebspräventionsgipfel wollen Deutsche Krebshilfe und DKFZ den Dialog zwischen Wissenschaft und Politik weiter stärken. Die beim Gipfel erarbeiteten Maßnahmen sollen jetzt in politische Entscheidungsprozesse auf Bundes- und Länderebene eingebracht werden.
Der Nationale Krebspräventionsgipfel wurde 2025 vom DKZF und der Deutschen Krebshilfe initiiert mit dem Ziel, eine langfristige und tragfähige Krebspräventionsstrategie für Deutschland zu entwickeln. Der Gipfel findet einmal jährlich statt, um die Umsetzung und Wirkung der Handlungsempfehlungen unabhängig zu überprüfen, kontinuierlich weiterzuentwickeln und dabei an den jeweils aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse anzupassen.


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