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Organspende-Studie aus Kiel

Mehr Spenderorgane durch erweiterte Regelung?

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Medizin
In Deutschland ist eine Organspende bisher nur nach irreversiblem Hirnfunktionsausfall zulässig. Eine Kieler Studie zeigt: Spenden nach Herz-Kreislaufstillstand könnten die Zahl verfügbarer Organe erhöhen.

In Deutschland dürfen Organe Verstorbener bislang nur dann entnommen werden, wenn der Tod durch den irreversiblen Ausfall der gesamten Hirnfunktionen festgestellt wurde. Eine aktuelle Studie der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel in Zusammenarbeit mit Eurotransplant hat nun untersucht, welches zusätzliche Potenzial eine kontrollierte Organspende nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand für Deutschland hätte.

Hintergrund

In Deutschland ist die Organspende Verstorbener bislang nur nach dem sogenannten irreversiblen Hirnfunktionsausfall zulässig. In vielen anderen Ländern ist zusätzlich die kontrollierte Organspende nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand geregelt. Dabei erfolgt die Todesfeststellung nach dem dauerhaften Ausfall der Kreislauffunktion, etwa nach einer von den Patientinnen oder Patienten gewünschten Therapiebegrenzung auf der Intensivstation. Nach einer festgelegten Wartezeit kann dann eine Organentnahme erfolgen. Ob und unter welchen Voraussetzungen ein solches Verfahren auch in Deutschland eingeführt werden sollte, ist Gegenstand ethischer, rechtlicher und gesundheitspolitischer Debatten.

Grundlage der Analyse waren retrospektive Daten aus neun europäischen Ländern sowie Simulationsmodelle zur Entwicklung von Transplantationszahlen und Wartelisten. Den Autoren zufolge könnte eine solche Indikationserweiterung die Zahl verfügbarer Spenderorgane in Deutschland deutlich erhöhen. Wie stark der Effekt ausfällt, hängt den Berechnungen zufolge allerdings wesentlich von den rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen ab.

Potenzial für mehr Organspenden

Besonders deutlich war der Zugewinn in Modellen, die sich an Ländern wie der Schweiz oder Spanien orientieren. Für das Jahr 2023 ergaben sich in einem an der Schweiz angelehnten Szenario rund 35 Prozent mehr Leber- und rund 60 Prozent mehr Nierentransplantationen. In einem Modell nach tschechischem Vorbild lag das Plus bei etwa 10 Prozent für Leber- und rund 30 Prozent für Nierentransplantationen.

In vielen europäischen Ländern ist die kontrollierte Organspende nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand bereits etabliert. In Deutschland ist diese Todeskonstellation nach geltender Rechtslage dagegen bislang keine Grundlage für eine Organentnahme.

Rahmenbedingungen bleiben entscheidend

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die kontrollierte Organspende nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand ein relevantes zusätzliches Potenzial bietet“, sagte Dr. Friedrich von Samson-Himmelstjerna aus Kiel. Zugleich betonen die Autoren, dass eine mögliche Einführung nicht allein ausreiche. Internationale Erfahrungen zeigten, dass höhere Organspendezahlen meist mit weiteren Maßnahmen einhergingen, etwa einer besseren Spendererkennung in Kliniken, standardisierten Abläufen, gezielter Schulung des Fachpersonals und Öffentlichkeitsarbeit.

Auch Eurotransplant sieht in der Untersuchung vor allem eine Grundlage für die weitere Debatte. Die Studie nehme eine gesellschaftliche und politische Entscheidung nicht vorweg, solle aber eine datenbasierte Diskussion über mögliche Auswirkungen unterstützen, erklärte Erwin de Buijzer, Medical Director von Eurotransplant.

Die Autoren verstehen ihre Analyse auch als Beitrag zu einer breiteren Debatte über die Organspende in Deutschland. Derzeit steht vor allem die Widerspruchslösung im Mittelpunkt. Die Studie lenkt den Blick dagegen auf eine weitere mögliche Stellschraube im Transplantationssystem.

Samson-Himmelstjerna FA, de Ferrante H et al. Herz-Kreislaufstillstand als Indikationserweiterung für die Organspende – Potenzialanalyse für Deutschland anhand retrospektiver Daten europäischer Länder. Dt. Ärzteblatt DOI:10.3238/arztebl.m2026.0004

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