Moderne MKG-Chirurgie in Katastrophenlagen
Nicht nur im Kriegsfall, sondern auch in zivilen Katastrophenlagen – etwa bei Terroranschlägen, Explosionen, Naturereignissen oder Großunfällen – zeige sich die Relevanz der MKG-Chirurgie. „Gerade im Einsatz verschieben sich die Prioritäten: Es geht darum, Leben zu retten, Atemwege zu sichern und schwerste Verletzungen im Gesichtsbereich schnell zu stabilisieren“, erklärt Prof. Alexander Schramm (Ulm), Präsident des DGMKG-Kongresses 2026.
Die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie nehme hier laut Schramm eine Schlüsselrolle ein: Zu den essenziellen Kompetenzen gehörten die Notfall-Koniotomie, bei der ein künstlicher Zugang zu den Atemwegen in Höhe des Kehlkopfes geschaffen wird, sowie die Tracheotomie, bei der ein operativer Zugang zur Luftröhre vorgenommen wird.
Gesundheitssystem braucht mehr Resilienz für Großschadenslagen
Mit Blick auf mögliche Großschadenslagen sieht Schramm in Deutschland weiterhin Optimierungspotenzial. Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie habe deshalb gemeinsam mit ihren Fachgesellschaften – darunter auch die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie – eine Initiative zur Stärkung der Resilienz des Gesundheitssystems gestartet.
Ziel sei es, bereits in der Regelversorgung belastbare Strukturen für die notfallmedizinische Versorgung in Krisensituationen zu schaffen. Wichtig sei zudem, Reservistinnen und Reservisten stärker einzubinden und entsprechende Abläufe im Vorfeld zu üben, damit Kliniken auch bei militärischen oder zivilen Großereignissen handlungsfähig bleiben.
Möbius-Syndrom: Roboterassistierte Mikrochirurgie
Prof. Jörg Wiltfang (Kiel), Präsident der DGMKG, und Dr. Dr. Henning Wieker (Kiel) berichteten über die komplexe operative Behandlung des Möbius-Syndroms – eine sehr seltene angeborene Fehlbildung des Nervensystems, die im Wesentlichen durch eine Fazialisparese charakterisiert ist. Die Erkrankung könne mit erheblichen psychosozialen Einschränkungen verbunden sein und für Kinder und Jugendliche eine schwere Belastung darstellen.
Wiltfang und Wieker erklärten, dass zur Wiederherstellung der mimischen Funktion, insbesondere des Lächelns, verschiedene operative Ansätze zur Verfügung stünden, die zum Teil sehr präzise mikrochirurgische Techniken erforderten.
Mikrochirurgie-Roboter erlaubt faziale Reanimation
Für diese mikroskopischen Gefäß- und Nervenanschlüsse nutzen Wiltfang und Wieker einen speziellen Mikrochirurgie-Roboter. Mit seiner Hilfe können Blutgefäße und Nerven bis zu einem Durchmesser von weniger als 0,2 Millimetern präzise miteinander verbunden werden. Eine der von den beiden Experten eingesetzten OP-Techniken ist der sogenannte Musculus gracilis-Transfer, bei dem die funktionslose mimische Muskulatur durch einen vom Oberschenkel entnommenen Muskel ersetzt wird.
Dieser Muskel kann in mehrere Streifen aufgeteilt und an Nasenflügel, Oberlippe und Mundwinkel befestigt werden. So lässt sich eine gezielte Bewegung dieser Gesichtspartien ermöglichen. Dadurch kann ein erheblicher Teil der steuerbaren Mimik zurückkehren – man spricht auch von fazialer Reanimation.
Der Roboter ermöglicht dabei den präzisen Anschluss der arteriellen und venösen Blutgefäße und unterstützt so das vitale Einheilen des Transplantats. Für die Ansteuerung des Muskels und die eigentliche Mimikfunktion sei jedoch der Nervenanschluss entscheidend. Während üblicherweise drei bis vier Monate bis zu ersten Zuckungen des Transplantats vergehen würden, sei durch den Einsatz der mikrorobotischen Technik eine gezielte Nutzung des neuen mimischen Muskels bereits nach rund drei Monaten möglich, so Wiltfang und Wieker.




