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Zahlenvergleiche im medizinischen Kontext

So wichtig ist Framing in der Patientenkommunikation

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Praxis
Ist „einer von hundert stirbt„ dasselbe wie “ein Prozent stirbt"? Studien belegen, dass Patienten Zahlenvergleiche im medizinischen Kontext nur schwer einordnen können, wenn es um Heilungschancen und Nebenwirkungen geht.

Welche Formulierungen Nocebo-Effekte bei der Kommunikation in der Praxis und Klinik vermeiden können, erklären die beiden Psychologen Prof. Tobias Kube von der Goethe-Universität Frankfurt und Prof. Winfried Rief von der Universität Marburg in dem aktuell veröffentlichten „Letter“ in der Fachzeitschrift JAMA (Journal of the American Medical Association).

Ist drei von hundert das Gleiche wie 3 Prozent? Ja und nein, sagen Kube und Rief: „Numerisch ist es gleich, aber emotional empfinden Patienten die Beschreibung unterschiedlich.“ Wie aber können Behandlerinnen und Behandler in der ärztlichen Kommunikation Placebo-Effekte fördern und Nocebo-Effekte vermeiden? Welche Fallstricke gilt es zu vermeiden, wenn es darum geht Risiken, Heilungschancen und Nebenwirkungsraten bei der Aufklärung von Patienten zu kommunizieren?

Diese Wörter sollten Sie vermeiden

In einer Studie mit 4.637 erwachsenen US-Amerikanern konnten nur 34 Prozent in einer ungeordneten Zahlenreihe sagen, welcher Wert am höchsten ist, berichtete Prof. Brian Zikmund-Fisher von der Universität von Michigan Ende Oktober 2025 im JAMA. Das dürfte in Deutschland nicht grundlegend unterschiedlich sein. Zikmund-Fisher empfiehlt fünf klare Strategien für die Kommunikation mit Patienten: Verwendung von einfacher Sprache, Nennung der absoluten Risiken, Nutzung von visuellen Hilfsmitteln, Einbindung narrativer Geschichten und patientenzentriertes Design. Konkret rät er von Umschreibungen wie „häufig“, „sehr selten“ oder „unwahrscheinlich“ ab. Ohne Kontext und Vergleich hätten die Begriffe eine geringe Aussagekraft und könnten Ängste und unerwünschte Erwartungseffekte fördern.

Verwenden Sie positive Prozentzahlen

„‘90 Prozent der Patienten überstehen die Infektion‘, ist mathematisch die gleiche Aussage wie ‚zehn Prozent überstehen es nicht‘, aber mit der ersten Aussage wird für einen Patienten die hohe Wahrscheinlichkeit, dass alles gut wird, in den Vordergrund gerückt. Das nennt man positives Framing“, erklärt Kube. Die erste Formulierung wirke daher eher beruhigend, während die zweite Ängste auslösen könne.

5 Strategien: Wie man Zahlen verständlich kommuniziert

Brian Zikmund-Fisher ist Professor für Gesundheitsverhalten und Gesundheitsgerechtigkeit an der Universität von Michigan. Er rät zu diesen fünf Strategien, um Zahlen verständlich für Patienten zu kommunizieren:

  1. Verwenden Sie absolute Risiken und Häufigkeiten: Stellen Sie Daten als konkrete Zahlen anstatt als Prozentsätze dar (1 von 100 statt 1 Prozent), um den Patienten zu helfen, das wahre Risiko zu verstehen.

  2. Setzen Sie visuelle Hilfsmittel (Piktogramme) ein: Nutzen Sie visuelle Darstellungen, um Risikodaten aussagekräftiger zu machen.

  3. Binden Sie narrative Geschichten ein: Nutzen Sie Patientengeschichten, um Entscheidungsprozesse und die Erfahrung einer Behandlung nachvollziehbar zu machen.

  4. Machen Sie Daten handlungsrelevant (Kernaussagen): Leiten Sie aus Laborergebnissen klare Kernaussagen und „nächste Schritte“ ab anstatt nur Rohdaten zu kommunizieren.

  5. Die Entwicklung von unterstützenden Tools sollte in Zusammenarbeit mit Anwendern erfolgen: Die Entwicklung von Kommunikationsinstrumenten sollte in der direkten Zusammenarbeit mit Ärzten und Patienten geschehen, um deren Effektivität und Benutzerfreundlichkeit sicherzustellen.

„Deshalb sollten wir in der Praxis immer ein positives Framing anstreben, vor allem wenn es um potenziell negative und bedrohliche Nachrichten geht. Gerade dann sollten Erklärungen, zum Beispiel wie häufig die Behandlung erfolgversprechend ist oder mit welcher Wahrscheinlichkeit mit gravierenden Nebenwirkungen zu rechnen ist, positiv eingebettet sein.“

Achten Sie auf Ihre Sprache!

Dieser „Rahmungseffekt“ erkläre, warum wir eine gleiche Information unterschiedlich bewerten, je nachdem wie sie sprachlich formuliert wird. Bereits frühere Studien hätten gezeigt, dass zwei Aussagen mit identischem Inhalt durch unterschiedliche sprachliche Rahmen (Frames) gänzlich unterschiedliche emotionale Wirkungen und damit Entscheidungen bei Menschen auslösen. „Gleicher Inhalt, aber gänzlich andere Wahrnehmung, andere Gefühlslage, andere Bewertung. Deshalb ist die genaue Sprache so wichtig, weil unser Gehirn nicht nur auf den Inhalt, sondern stark auf die emotionale Färbung reagiert“, betonen die Experten.

„Neben positivem und negativem Framing ist es auch wichtig, ob Wahrscheinlichkeiten in Prozent oder als Häufigkeiten angegeben werden“, berichtet Kube. So wirke beispielsweise die Aussage „einer von hundert stirbt“ deutlich bedrohlicher als die Aussage „ein Prozent stirbt“. „Wenn man bei medizinischen Risiken ein negatives Framing in der Kommunikation einsetzt, ist es deutlich besser Prozentsätze zu verwenden, weil dies abstrakter von Patienten wahrgenommen wird und man sich nicht gleich als die eine mögliche Person von Hundert sieht, die betroffen sein könnte“, rät Rief.

Ängstliche Patienten brauchen eine besondere Ansprache

Zahlen seien in der medizinischen Kommunikation ein zentraler Bestandteil, sollten aber in Bezug auf die Framing-Effekte mit Bedacht gewählt werden. Vor allem Patienten, die sehr ängstlich sind, bedürften einer besonderen Ansprache und erweiterten Kommunikation. „Den ängstlichen und sehr besorgten Patienten sollte ausführlich erklärt werden, wie diese Zahlen zu verstehen sind“, erläutert Kube.

Fazit

Gesundheitskommunikation brauche vor allem Zeit. Kube sieht viel Potenzial in der sorgsamen Wahrscheinlichkeitsdarstellung: „Positives Framing kostet nichts und erfordert keine extra Zeit in Gesprächen mit Patienten und wäre somit besonders leicht umzusetzen."

Kube T, Rief W. Communicating Medical Numbers. JAMA. 2026 Feb 24;335(8):721-722. doi: 10.1001/jama.2025.23449. PMID: 41587050.

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