Interview mit Dr. Günter Gottfried von der ÖZAK

„Die Vorsorge ist verbesserungswürdig“

ao
Politik

Wie ist die Situation der Zahnmedizin in Österreich? Was läuft gut?

Dr. Günter Gottfried: 95 Prozent der Versorgung findet durch Niedergelassene statt, die meist Einzelpraxen betreiben. Dies ermöglicht eine Versorgung auch in Randgebieten. Eine Anstellung von Zahnärzten bei niedergelassenen Zahnärzten ist in Österreich rechtlich nicht möglich. Das Jobsharing ist hier unser Erfolgsmodell. Dieses Modell, das vor zehn Jahren eingeführt und in den letzten Jahren laufend weiterentwickelt wurde, wird sehr gut angenommen. Dies fördert die Zusammenarbeit von erfahrenen und unerfahrenen Kollegen. Kassenzahnärzte können dabei mit bis zu zwei Jobsharing-Partnern kooperieren.

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Was ist schwierig?

Die Alterspyramide schlägt auch in Österreich zu. Die Babyboomer gehen in den nächsten Jahren in Rente. Das betrifft etwa 46 Prozent der Kolleginnen und Kollegen. Viele von ihnen werden, vor allem auf dem Land, keinen Nachfolger finden. Aufgrund der schlechten Tarifsituation nimmt bei den Jüngeren das Interesse, einen Kassenvertrag zu übernehmen, immer weiter ab. Ich mache mir große Sorgen, dass es in den kommenden Jahren schwierig werden kann, die zahnärztliche Versorgung flächendeckend zu sichern. Als Präsident der Landeszahnärztekammer Oberösterreich weiß ich, dass auf dem Land zehn Prozent der Kassenstellen unbesetzt sind.

Warum ist das Interesse an der Übernahme eines Kassenvertrags so gering?

Ein Grund dafür ist, dass der Vertrag mit der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) aus dem Jahr 1958 stammt. Er müsste gründlich überarbeitet und attraktiver werden. Leistungen der modernen Prophylaxe sind derzeit nicht abgebildet. Unsere letzte Umfrage hat ergeben, dass 50 Prozent der Wahlzahnärzte bei einem attraktiven Versorgungsvertrag ins Kassensystem einsteigen würden.

Mit welchen Herausforderungen kämpft die Zahnärzteschaft in Österreich noch?

Es fehlen sowohl junge Zahnärztinnen und Zahnärzte als auch Fachangestellte. Ein Grund für den Mangel an Zahnärzten ist, dass es in Österreich nicht genügend Studienplätze gibt. Zahnmedizin kann man lediglich an drei staatlichen und an zwei privaten Universitäten studieren. Ein weiterer Grund besteht darin, dass die Europäische Union 2019 beim Zahnmedizinstudium die Inländerquote abgeschafft hat. Die Folge ist, dass an österreichischen Unis viele junge Menschen aus anderen EU-Ländern Zahnmedizin studieren, die nach dem Abschluss wieder in ihr Ursprungsland zurückgehen.

Was tut die ÖZAK, um gegenzusteuern und jungen Approbierten die Niederlassung schmackhaft zu machen?

Die ÖZÄK führt laufend Gesprächen mit den zuständigen Stellen, um neben dem Jobsharing auch das Modell Gruppenpraxis und andere Zusammenarbeitsformen zu ermöglichen. Es gibt auch Programme, in denen junge Zahnärzte gefördert werden, die sich auf dem Land niederlassen. Eine Modellregion ist zum Beispiel die Steiermark.

Was liegt noch im Argen?

Glücklicherweise ist die zahnärztliche Versorgung der österreichischen Bevölkerung auf einem guten Niveau. Verbesserungswürdig wäre die Vorsorge. In Oberösterreich haben wir in einem Modellprojekt zahnmedizinische Untersuchungen für Kinder zwischen dem zweiten und dem neunten Lebensjahr getestet. Der damit verbundene Zahnpass kommt gut an und zeigt Erfolge.

Wofür setzt sich die Österreichische Zahnärztekammer ein?

Wir machen uns für Freiberuflichkeit stark und für eine stärker Prophylaxe-orientierte Zahnmedizin. Wir setzen uns für mehr Studienplätze und einen adäquaten Kassenvertrag ein. Ein Anliegen sind uns auch weiterentwickelte Kooperationsformen im niedergelassenen Bereich, um Beruf und Familie besser vereinbaren zu können.

Das Interview führte Anne Orth.

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