Studie der Universität Zürich

Verlassen Männer Berufe, die sich feminisieren?

nb
Praxis
Lange wurde die Zahnmedizin fast ausschließlich von Männern ausgeübt, jetzt dominieren unter den Studierenden die Frauen. Wehren sich Frauen und Männer – vielleicht unbewusst – gegen eine Durchmischung?

Frauen arbeiten in der Pflege, Männer im Handwerk: Die Geschlechtertrennung auf dem Arbeitsmarkt ist in vielen Berufen nach wie vor dominant. Allerdings gibt es auch Berufe, wie zum Beispiel Lehrer, Apotheker oder Zahnmediziner, die ihre Geschlechterzusammensetzung mit der Zeit ändern, obwohl sich der Beruf als solcher nicht verändert. In der Genderforschung gibt es daher die Theorie, dass Männer selektiv Berufe und Spezialisierungen verlassen, die von mehr Frauen neu aufgenommen werden.

Per Block, Professor für Soziologie an der Universität Zürich, hat diese Theorie mithilfe neuer Methoden aus der Netzwerkforschung empirisch überprüft. Der Arbeitsmarkt wird dabei als ein Netzwerk verstanden, in dem Arbeitnehmende mit ihren Berufswechseln verschiedene Berufe verbinden. Dadurch kann analysiert werden, ob Männer selektiv Berufe verlassen, die sich feminisieren. Dies geschieht unter Berücksichtigung der verschiedenen Berufsmerkmale, die Männer und Frauen in verschiedene Berufe kanalisieren.

Effekt ist durch Simulationsstudie messbar

Die empirischen Daten der Studie stammen aus Großbritannien. Die Studie vergleicht zwei hypothetische Berufe, die in allen Berufsmerkmalen identisch sind und sich nur darin unterscheiden, dass in einem 25 Prozent und im anderen 75 Prozent Frauen arbeiten. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass Männer mit doppelter Wahrscheinlichkeit den sich feminisierenden Beruf verlassen.

Die Auswirkung dieses Verhalten wird in einer Simulationsstudie erforscht, in der Frauen und Männer sich nicht vom Geschlecht der anderen Arbeitnehmer in Berufen beeinflussen lassen. Würden tatsächlich nur berufsspezifische Attribute (wie Lohn, Flexibilität, oder Charakteristiken der Tätigkeit) die Berufswechsel beeinflussen, sagt die Simulationsstudie eine Abnahme der Geschlechtertrennung in Berufen um 19 bis 28 Prozent voraus.

Die Forschungsarbeit folgert, dass Geschlechtertrennung nicht nur von geschlechtstypischen Berufsattributen verursacht wird, sondern auch von Männern (und Frauen), die sich bewusst oder unbewusst gegen eine Durchmischung wehren. Die Wahrnehmung von Berufen ist möglicherweise also auch eine Konsequenz der Geschlechterzusammensetzung statt nur ihre Ursache. Block gibt ein Beispiel: „Der Pflegeberuf wird eher mit stereotyp weiblichen Attributen beschrieben: sozial, empathisch, kümmernd. Wären die meisten Pflegepersonen Männer, würden wir den Beruf vielleicht ganz anders wahrnehmen, zum Beispiel als verantwortungsbewusst, durchsetzungsstark oder körperlich anstrengend."

Per Block. Understanding the self-organization of occupational sex segregation with mobility networks. Social Networks. 30. December 2022. Doi: 10.1016/j.socnet.2022.12.004

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