Gesellschaft

Ein Zahnarzt in Indien (3)

Der erste Tag in Jaipur: Heute treffe ich meinen Kollegenzahnarzt Dr. Mathur, um einige Tage mit ihm in seiner Praxis zu behandeln. Ich bin sehr gespannt, was mich erwartet.

Bestens gelaunt und motiviert werde ich vom Kamerateam und Sanjeev, dem Fahrer, zur Abendschicht gebracht. Dubau
Das erste - und letzte - gemeinsame Frühstück in Jaipur. Jägel
Kollegiales Fachgespräch. Dahlhoff
Materialsichtung kombiniert mit eigenen Gedanken zur Zahnheilkunde in den kurzen Pausen zwischen den Behandlungen. Dahlhoff
Kurze Aufenthalte im Wartebereich, während der Spitztubus seiner Bestimmung nachkommt. Dahlhoff
Beim Versuch die Kamera auszublenden. Damit habe ich anfangs doch Schwierigkeiten. Liebsch
"Augen-Blicke". Geschminkte Augen bei Kindern bis zum dritten Lebensjahr sieht man in Indien oft. Das hat kulturelle Gründe: Die Kinderaugen würden vor Infektionen geschützt, böse Geister vertrieben und sie ließen Kinder besser schlafen. Dahlhoff
Der farbenfrohe Wartebereich mit dem zahnmedizinischen Fachassistenten in der Bildmitte (weißer Kittel). Dahlhoff
Heutzutage werden Bindis (der rote Punkt zwischen den Augenbrauen) von unverheirateten ebenso wie von verheirateten Frauen getragen, sogar von kleinen Kindern. Für verheiratete Frauen ist der Stirnpunkt allerdings obligatorisch. Er soll nicht nur sie, sondern zugleich auch ihren Ehemann schützen. Dahlhoff
Mein Kopf ist so voller Eindrücke, dass ich dringend Ruhe brauche. Der Tag abseits des hektischen und lauten Treibens entspannt, beruhigt. Liebsch

Die erste Nacht in Jaipur ist aufgrund der bevorstehenden Ungewissheiten doch von Unruhe geprägt, trotz großer Sehnsucht nach ausreichend erholsamem Schlaf. Am nächsten Morgen genieße ich das reichhaltige Buffet und den leckeren Kaffee zusammen mit dem Team vom WDR. Es sollte für die Zeit in Indien das letzte gemeinsame Frühstück sein. Ich merke: Bestimmte Dinge werden mir verheimlicht oder hinter meinem Rücken abgesprochen.

Wegen meiner großen Fragezeichen in meinem Blick erklärt man mir nett, ich solle kein Schauspieler sein, der  Regieanweisungen gemäß Drehbuch umsetzt. Meine Erfahrungen soll ich selber und unvoreingenommen machen, soweit das geht und es die Kamera einfangen kann. Daher müssen eben manche Dinge organisiert und besprochen werden, über die ich mir aber keine Gedanken machen soll. Ich bin kurz verunsichert, dann kann ich mitspielen und auf die Professionalität des Teams vertrauen. Und jetzt soll ich meinen Kollegen Dr. Mathur treffen und einige Behandlungstage mit ihm in seiner Praxis verbringen. 

Vor dem Hotel lerne ich noch den indischen Producer und seinen Assistenten kennen. Der Producer ist bei einem staatlichen Fernsehsender angestellt, hat sich im Vorfeld um die Organisation der beteiligten Zahnärzte in Jaipur, die Unterkünfte und Drehgenehmigungen gekümmert und steht uns nun mit Rat und Tat zur Seite. Hinzu kommt noch der ebenfalls von "unserem Mann in Indien" organisierte Fahrer, ein sehr engagierter junger Mann namens Sanjeev, mit einer erstaunlich deutschen Einstellung zum Zeitmanagement.

Nach der Begrüßung und Klärung der Zuständigkeiten und der voraussichtlichen Tagesplanung stürzen wir uns in den Verkehr in Richtung zahnärztlichem Kollegen. Die Spannung steigt bei mir, wobei ich versuche, die Nervosität nicht hochkochen zu lassen. Der Producer sorgt mit seinem Fragebombardement für ausreichend Ablenkung, denn sein Englisch verstehe ich kaum und meins reicht nicht aus, um seine Fragen hinreichend beantworten zu können.

Mein erster O-Ton

Eine unübersichtliche Masse unterschiedlichster Fortbewegungsmittel schiebt sich über die Straße in alle Richtungen. Überall sehe ich ausschließlich Schriftzeichen in Hindi, die übrigens an dritter Stelle der meist gesprochenen Sprachen der Welt nach Chinesisch und Englisch steht.

Die Praxis des Kollegen ist in eine allgemeinärztliche Klinik eingebettet, die nur durch das rote Kreuz am Eingang als solche zu erkennen ist. Bevor ich die Klinik betrete, wird spontan zum ersten Mal ein "O-Ton" gedreht, das heißt, Marika befragt mich - unvorbereitet -  zur Situation und meiner Gefühlslage. Mich auf die Fragen zu konzentrieren - bei den umherschwirrenden Menschen, die neugierig schauen, sich dazu gesellen, winken, sich freuen, lachen, auch ihrerseits Fragen stellen, dazu die laufende Kamera, die ich "einfach" ignorieren soll - fällt mir schwer. Marika hat jedoch die Gabe, mich durch das Interview zu führen: Anhand ihrer Mimik und Gestik erkenne ich, ob ich im Begriff bin, auch tatsächlich auf die Fragen zu antworten oder besser nochmal anfange.

Ich erzähle, dass ich mich unsicher fühle, weil ich nur fremde Schriftzeichen und keine mir bekannten Buchstaben sehe. Die Sprache scheint ein großes Hindernis zu sein. Ich wünsche mir mal wieder, in der Schule besser aufgepasst oder zumindest meine Lernheftchen zur Reisevorbereitung auswendig gelernt zu haben. Gut, hilft jetzt nichts, no problem, wie der gemeine Inder zu sagen pflegt.

Hier gibt es nur die eine Seite

Um zu dem Kollegenzahnarzt zu kommen, muss ich mich durch den überfüllten Wartebereich schlängeln. Ich sichte den Vorhang, der das Behandlungszimmer vom übrigen Betrieb abtrennt. Anklopfen zu können wäre jetzt schön, gestaltet sich aber schwierig bei dem Vorhang. Schiebe ihn also vorsichtig zur Seite und treffe so auf den indischen Kollegen.

Die Kamera verfolgt mich bei der doch sehr herzlichen Begrüßung. Ich bekomme einen Sitzplatz angeboten und kann mich umschauen. Wir unterhalten uns ein paar Minuten über die Ausstattung und das Patientenaufkommen. Meine Gedanken kreisen unaufhörlich, wollen Vergleiche ziehen zwischen den gewohnten Standards und der Praxis hier. Ich muss meinem Kopf verbieten, weiter über MPG, Autoklaven, die reine und die unreine Seite nachzugrübeln, denn hier gibt es nur eine Seite. Es dauert ein wenig, bis ich mich gedanklich so neutralisiert habe und sagen kann: "Okay, das ist die Situation hier und damit wird gearbeitet. Punkt".

Augenmerk liegt auf der Schmerzbeseitigung. Es gibt keine Termine und auch keine Matritzen zur Füllungslegung. Die Zementfüllungen haben eher die Aufgabe, die Zähne zur Extraktion vorzubereiten, vielleicht noch zwei bis drei Monate hinauszuzögern. Das Skalpell kommt häufig zum Einsatz, Abszesse gehören zum Alltag. Nach der Extraktion wird der Patient angewiesen kräftig umzuspülen, die frische Wunde wird danach mit Watte austamponiert. Die Patienten arbeiten gut mit, der Zahnarzt erklärt kurz, ruhig und freundlich, diskutiert wird wenig bis überhaupt nicht.

Es gibt einen Zahnarzthelfer, der die Aufgaben der uns bekannten Haupthelferin innehat. Er nimmt Patienten an, fertigt Röntgenbilder an - es gibt einen Spitztubus am Stuhl -, die Chemikalien sind allgegenwärtig, nimmt Abdrücke für Prothesenreparaturen.


Alle bisher erschienenen Teile "Ein Zahnarzt in Indien"

Ein geregelter Alltag nach Plan, Arbeit und Privatleben fließen ruhig dahin, ein Gefühl der Zufriedenheit bestimmt mein Leben. Bis eine E-Mail einer alten Bekannten eintrifft, die alles verändert, auf den Kopf stellt, hinterfragt, bewusst macht, beleuchtet.

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Wenige Tage vor meiner geplanten Abreise nach Indien erreicht mich noch eine E-Mail von Marika mit dem voraussichtlichen Reiseverlauf. Und einer Anregung: Da ich in den Familien der zahnärztlichen Kollegen leben soll, wäre es natürlich schön, ich brächte den Familienmitgliedern ein paar Dinge mit, die typisch sind für meine Wahlheimat und mich. Ach ja: Vielleicht könnte ich ja auch musizieren oder etwas kochen.

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Der erste Tag in Jaipur: Heute treffe ich meinen Kollegenzahnarzt Dr. Mathur, um einige Tage mit ihm in seiner Praxis zu behandeln. Ich bin sehr gespannt, was mich erwartet.

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Ein Elefantenritt, waghalsige Autofahrten, gutes Essen und ein scheußliches Hotelzimmer - meine Zeit in Indien ist ein Abenteuer. Auch die Zahnheilkunde wird hier gänzlich anders praktiziert als bei uns in Deutschland.

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