Unterwegs mit Dr. Thakkar

Ein Zahnarzt in Indien (5)

Zahnarzt Hans-Joachim Dubau aus Dortmund reiste nach Indien, um dort mit Kollegen zu praktizieren. In Jaipur lernt er Klinikchef Dr. Balvinder Thakkar kennen - einen Mann von Welt, der nie wieder auf deutschen Autobahnen unterwegs sein will.

Ein Elefantenritt, waghalsige Autofahrten, gutes Essen und ein scheußliches Hotelzimmer - meine Zeit in Indien ist ein Abenteuer. Auch die Zahnheilkunde wird hier gänzlich anders praktiziert als bei uns.

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Nach diesem erlebnisreichen Tag mache ich mich im Hotel etwas vertrauter mit der Videotagebuchtechnik - am Ende habe ich mir ein System ausgedacht, mit dem ich vor laufender Kamera weitgehend in ganzen Sätzen sprechen kann (vorher überlegen, was ich aufzeichnen möchte, den Tagesablauf mit Höhepunkten und Tiefen aufzeichnen, Stichpunkte aufschreiben und so tun, als gäbe es keine Kamera ...).

Selbst die beiden Kakerlaken zeigen sich kameraphob und lichtscheu. Dabei hätte ich sie gerne im Tagebuch gezeigt. Meine Müdigkeit untersagt mir allerdings längere unfruchtbare Diskussionen mit uneinsichtigen Insekten, also schalte ich endlich den mir Angst einflößenden, lauten und schwankenden Riesenventilator aus, um die Geräuschkulisse ein wenig schlafgerechter zu gestalten.

LKWs, die übers Bett fahren

Nun überwiegen jedoch andere Lärmquellen. Das Nachbarzimmer, die Straße. Aber ich bin müde genug, um das auszublenden. Meinte ich zumindest. An Schlaf ist dann nämlich doch nicht zu denken: LKWs, die übers Bett fahren, laut hupend, knatternde Mopeds, flatterndes Zeitungspapier am Fenster, Toilettenspülungen irgendwo im Hotel, knallende Türen, mein Badezimmer.

Nicht zuletzt die beiden Kakerlaken, die nun emsig ihre Familienmitglieder nachgeholt haben und offenbar nach Herzenslust im ganzen Zimmer herumtanzen. Ich habe keine Ahnung, was die veranstalten, was nicht auch tagsüber erledigt werden könnte. Sie bekommen zumindest meine ganze Aufmerksamkeit - wenn nicht gerade wieder ein Lkw durchs Zimmer donnert und dabei netterweise das Horn betätigt, um mich vorzuwarnen.

Tatsächlich gelingt es mir am frühen Vormittag noch einzuschlafen, um dann ein oder zwei Stunden später völlig gerädert aufzustehen. In meinem Badezimmer, einem kleinen, dunklen Raum, stehen mehrere Eimer und Schüsseln gestapelt, erst zu einem späteren Zeitpunkt der Reise erfahre ich, was es damit auf sich hat. Das Beste aber ist der kleine Duschkopf mitten im Raum. Es gibt sogar warmes Wasser! Herrlich!

Den Zucker dosiert die Kaffeemaschine

Nun noch schnell zum Frühstück. Leider muss ich feststellen, dass der Kaffee völlig verzuckert ist. Ungezuckerten Kaffee gibt es nicht . Die Kaffeemaschine fügt nach Belieben Zucker hinzu. Also bestelle ich einen Tee, der zwar frisch zubereitet wird, ohne eine ordentliche Zuckerdosis aber auch nicht auskommt. Schade, wobei der Tee geschmacklich sehr interessant ist. Dazu wird trockener Toast gereicht. Für mich als bekennender Nichtfrühstücker ist das ausreichend und ich kann mich kurz darauf dem Fahrer gegenüber abholbereit zeigen.

Der Zuckervkonsum pro Kopf ist in Indien am höchsten, was mich nach dem Kaffeeerlebnis nicht verwundert. Die Auswirkungen sind im Übrigen auch sonst deutlich sichtbar.

Sanjeev, der Fahrer, holt mich pünktlich ab. Wir fahren heute zur Dental-Klinik des Kollegen Balvinder Thakkar, wo ich nach den Tagen mit Vinay Mathur einige Zeit verbringen und bei ihm in der Familie auch leben soll.

Der Straßenverkehr stresst mich, obwohl ich ja gar nicht fahren muss. Der Fahrer versucht, sich mit mir zu unterhalten, aber da ich mich im Dauer-Mitbremsen übe, kann ich mich auf das Gespräch nicht konzentrieren.

In der Dentalklinik: in Puschen am Empfang

Als ich die Dentalklinik betrete, entspanne ich mich etwas. Dennoch macht sich leichtes Magenunwohlsein ob der Erwartungsunsicherheit bemerkbar. Mir öffnet sich eine andere Welt: Vor der Tür das Verkehrschaos, die Müllberge, die vielen unterschiedlich situierten Menschen und Tiere - nach dem Eintreten Ruhe, Ordnung und Sauberkeit. Ich werde gebeten, meine Schuhe auszuziehen. In der Empfangshalle steht ein Schrank mit Hausschuhen und Schlappen, dort wechseln alle Patienten ihre Schuhe gegen die hauseigenen Puschen.

Gut, ich sitze also in Puschen am Empfang, das Kamerateam ist auch eingetroffen. Der Klinikchef Dr. Thakkar tritt ein und begrüßt uns herzlich. Er scheint das genaue Gegenteil vom Kollegen Mathur zu sein. Mit seinem dichten Bart, Turban, der feinen Kleidung ist er der Typ Mann von Welt. Immer an seiner Seite, sein persönlicher Sekretär, der hauptsächlich damit beschäftigt ist, die tragbaren Telefone zu verwalten und sie in einer bestimmten Reihenfolge im Vierhand-System mit Dr. T. zu bedienen.

Ein Inder auf der Autobahn nach Düsseldorf

Wir werden sehr herzlich aufgenommen und sogleich erzählt Thakkar, dass er schon einmal in Dortmund war, auf einem Kongress oder einer Fortbildungsveranstaltung für Kieferorthopäden. Er berichtet, dass er den Straßenverkehr in Deutschland ganz furchtbar findet, was mich nun doch erstaunt. Ich frage nach, was es damit auf sich hat.

Dr. T. erzählt von dem deutschen Kollegen, der ihn sehr nett in Dortmund aufgenommen hat. Und der mit ihm natürlich auch einen Ausflug mit seinem Zuffenhausen-Zweisitzer ins etwa 60 Kilometer entfernte Düsseldorf organisiert hatte. Dr. T. fand schon den Einstieg in den  Sportwagen sehr schwierig, beklemmend, und die Fahrt über deutsche Autobahnen, auf denen streckenweise die Geschwindigkeitsbeschränkung aufgehoben war, sei einer Nahtoderfahrung gleichgekommen. Es ging also mit über 260 km/h über die Bahn und Dr. T. möchte nie mehr auf deutschen Autobahnen unterwegs sein müssen.

Der Verkehr in Indien beschränkt sich meist auf Geschwindigkeiten deutlich unter 80 km/h, was mir aber wiederum, wenn aus jeder Richtung Fahrzeuge aller Art auf das Auto zupreschen, in dem man selber sitzt, den Angstschweiß auf die Stirn treibt. In der Heimat fahren zumindest alle Verkehrsteilnehmer in dieselbe Richtung.

Ein Guru feiert seinen 327. Geburtstag

Sogleich bekommen wir eine Einladung zu einer Festivität, dem 327. Geburtstag eines der wichtigsten Gurus seiner Religion, der Sikhs. Wieder wird mir bewusst, wie wenig ich über Religionen weiß. Hätte ich vielleicht in der Schule Religion doch nicht direkt abwählen sollen? Wobei die Lerninhalte zumindest in der Schule nicht zu mehr Wissen über die Multireligiosität in Indien beigetragen hätten. Wie es heutzutage ist, kann ich nicht beurteilen.

Nun widmet sich der Kollege Thakkar hauptsächlich der Kieferorthopädie, wozu ich nicht sehr viel beitragen kann. Für die anderen Bereiche der Zahnheilkunde beschäftigt er entsprechende Mitarbeiterinnen, was mich wieder ein wenig irritiert. Er stellt mir vor: eine Kollegin für die allgemeine Zahnheilkunde, eine Kollegin für Endodontie. Dann gibt es noch Kolleginnen, die auf Abruf in der Klinik erscheinen und die zahnärztliche Chirurgie abdecken. Die Stellen der Assistenzen und der separaten Steri-Abteilung sind allesamt von männlichen Mitarbeitern bekleidet.

Frauen behandeln, Männer assistieren

Auch das verwirrt mich: Frauen verhalten sich in Gegenwart von Männern eher zurückhaltend und distanziert, wobei das im Berufsleben nicht so ausgeprägt zu sein scheint. Die leitenden Zahnärztinnen waren zwar höflich und distanziert mir gegenüber, wenn ihr Chef dabei war, im Umgang mit den Patienten jedoch so, wie man es auch bei uns kennt und erwartet. So lag das Problem also bei mir, mich in diese mir unbekannten Form der Gleichberechtigung einzufinden und mich auf einen möglichst entspannten beruflichen Umgang einzustellen.

Um es vorwegzunehmen: Ich habe während meines Aufenthalts in Indien keinerlei Gewalt oder Respektlosigkeit gegenüber Frauen wahrnehmen können. Zwar schon die Zurückhaltung der Frauen in männlicher Gesellschaft, im bekannten Kreis der Familie jedoch durchaus gleichberechtigt auftretend. Nun soll die Gemeinschaft in den ärmeren Provinzen sehr viel patriarchalischer strukturiert sein als in den wohlhabenderen Großstädten, in der auch das Bildungsniveau der Bevölkerung höher ist.

Sicherlich auch entscheidend für meine positive Wahrnehmung ist, dass die Religion der Sikhs Männern und Frauen eine gleichberechtigte Rolle mit gleichen Rechten und Pflichten zuspricht.

Auf der Fahrt zu der Geburtstagsfeier informiert mich der Kollege Thakkar ausführlich über die Religion. Leider kriege ich aufgrund der Verkehrssituation wieder nur die Hälfte mit. Es hört sich aber sehr interessant an und ich nehme mir vor, nach der Ankunft noch einmal nachzufragen.

Eine Kirmes ohne Fahrgeschäfte

Wir kommen am Gurdwara an, was kein Stadtteil Jaipurs ist, wie ich angenommen hatte, sondern ein Tempel der Sikh. Diese Tempel stehen allen Menschen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit immer offen. Im bekanntesten Gurdwara, dem Goldenen Tempel von Amritsar (einer Millionenstadt im nordindischen Bundesstaat Punjab und spirituelles Zentrum des Sikhismus), weisen vier Eingänge in die vier Himmelsrichtungen, um zu zeigen, dass die Sikhs allen Menschen offen gegenüberstehen und sie willkommen heißen.

Am Eingang "unseres" Gurdwaras ziehen wir wieder die Schuhe aus und als Nicht-Sikh bekomme ich ein Tuch geliehen, das in Ermangelung eines Turbans um den Kopf geknotet wird. Alle Menschen dort begrüßen sich - mich auch - alles ist bunt und gut gelaunt. Etwas unübersichtlich für mich, denn ich weiß überhaupt nicht, wohin die vielen Menschen wollen, oder wie die Örtlichkeit aufgeteilt ist. Eher erinnert das an ein kleines Festival, eine Kirmes ohne Fahrgeschäfte.

Dr. T. klärt mich über die traditionelle Kleidung der Sikh auf und über das heilige Buch, aus dem gelesen wird. Wir gehen zu einer Art geschmücktem Zelt. Dort sitzen Frauen auf der rechten und Männer auf der linken Seite, was jedoch kein Zwang sei, meint Balvinder. Der Schneidersitz ist die angemessene Sitzhaltung, mit der ich allerdigs große Probleme habe. Nach gefühlten drei Minuten kann ich nicht mehr sitzen, quäle mich herum mit schmerzenden Knien und Füßen, will aber auch nicht unhöflich sein und verbleibe in dieser unbequemen Haltung.

In Trance

Musik erklingt, die von drei Männern erzeugt wird, die neben dem heiligen Buch sitzen. Die Musikinstrumente sind mir auch unbekannt, erinnern klanglich an Dudelsäcke, sind aber kastenförmig und werden auch anders bedient. Die Klänge sind toll, versetzen mich langsam in immer tiefere Verzückung, es soll nicht aufhören. Wahrscheinlich finden so die Menschen in einer quirligen Großstadt Entspannung, denke ich mir. Nach der Hektik des Tages, dem Straßenverkehr, den vielen Menschen, ist das hier tatsächlich ein Ort, an dem die Seele baumeln kann.

Die Seele lauscht der Musik, den leisen Gesängen der Männer, die auch dem heiligen Buch entnommen werden. Die Religion wird mir immer sympathischer. Leider müssen wir viel zu früh gehen für mein Empfinden. Mein Kollege muss noch arbeiten und ich mit. Es fällt mir unheimlich schwer, mich aus diesem Trance-Modus zu lösen, ich schwebe gezwungenermaßen hinterher und möchte diesen Zustand nicht verlieren.

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