DEGAM will Verschreibungspraxis ändern

Klimakiller Sprühinhalator

Der Schaden eines Sprühinhalators entspricht einer Autofahrt von 322 Kilometern. Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) will mit einer neuen S1-Leitlinie die Verschreibungspraxis ändern.

Die S1-Leitlinie „Klimabewusste Verordnung von inhalativen Arzneimitteln” ist die erste, die explizit die Bedeutung der Verschreibung einer Medikamentengruppe für den Klimawandel thematisiert. AdobeStock_Goffkein

Das Gesundheitswesen ist in Deutschland für rund 5 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich. Weniger bekannt: In der hausärztlichen Versorgung verursachen inhalative Arzneimittel, wie sie vor allem bei Asthma bronchiale und chronisch obstruktiver Bronchitis (COPD) verschrieben werden, die größten klimaschädlichen Emissionen. Doch dies lässt sich zumindest zum Teil vermeiden.

Wie die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) informiert, können bei den inhalativen Arzneimitteln die Wirkstoffe auch als Pulverinhalator verordnet werden. Im Unterschied zu den Dosier-Aerosolen schädigen Pulverinhalatoren das Klima deutlich weniger. Um deren Verordnung zu fördern und klimaschädliche Emissionen im Gesundheitswesen zu reduzieren, hat die DEGAM jetzt die S1-Leitlinie „Klimabewusste Verordnung von inhalativen Arzneimitteln” veröffentlicht. Sie ist die erste, die explizit die Bedeutung der Verschreibung einer Medikamentengruppe für den Klimawandel thematisiert.

Treibmittel in Dosieraerosolen sind Klimakiller

Dosier-Aerosole (DA) nutzen seit dem Verbot von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) Hydrofluoroalkane (Flurane) als Treibmittel. Diese schädigen zwar nicht die Ozonschicht, sind aber starke Treibhausgase. Im Vergleich zu Pulverinhalatoren (DPI) haben sie ein vielfach höheres Schädigungspotenzial für die Atmosphäre (global warming potential, kurz GWP). Während CO2 ein GWP von 1 hat, hat das in den meisten DA verwendete Treibmittel Norfluran ein GWP von 1.430, und das ebenfalls eingesetzte Apafluran sogar ein GWP von 3.220.

Quelle: DEGAM

„Klimaschutz ist ein wichtiger Beitrag zur globalen Gesundheit”, erklärt PD Dr. Guido Schmiemann als federführender Autor der Leitlinie. „Als wissenschaftliche Fachgesellschaft sind wir uns unserer Verantwortung bewusst. Mit dieser neuen Leitlinie möchten wir den Hausärztinnen und Hausärzten valide Informationen zur Verfügung stellen, damit sie in der Praxis eine klimabewusste Entscheidung treffen können.”

Nach Schmiemanns Erfahrung lassen sich für 80 bis 85 Prozent aller Patienten die Verordnungen problemlos umstellen. Damit könne dann auch eine Negativspirale beendet werden, denn bei Asthma bronchiale und COPD handelt es sich um Krankheitsbilder, die durch den Klimawandel beziehungsweise dessen Ursachen begünstigt werden.

Die meisten Patienten können auch Pulverinhalatoren nutzen

Bisher orientiert sich die Auswahl des inhalativen Arzneimittels vor allem an Handhabung und Atemtechnik. Für die meisten Patienten sind laut DEGAM jedoch auch Pulverinhalatoren gut zu nutzen, nur für Kinder unter fünf Jahren oder alte Menschen wird man in erster Linie auf Dosier-Aerosole setzen, da sie etwas leichter einzuatmen sind. „Für alle anderen Patientengruppen bieten sich die Pulverinhalatoren gleichermaßen an – mit einem klaren Vorteil in der Klimabilanz.”

Die neue Leitlinie gibt neben konkrete Hilfestellungen für die ärztliche Praxis auch Hinweise auf die Folgen der bisherigen Verschreibungspraxis und den möglichen Effekt der vorgeschlagenen Veränderung.

2020 machte der Anteil der DA nach Daten des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung (ki) 48 Prozent aller inhalativen Arzneimittel aus. Damit liegt Deutschland im Mittelfeld, die Marktanteile der Dosieraerosole liegen weltweit zwischen 34 Prozent in Japan und 88 Prozent in den USA.

Der Schaden eines Sprühinhalators entspricht einer Autofahrt von 322 Kilometern

Aber wie groß ist nun der Effekt einer veränderten Verschreibungspraxis? Laut einer britischen Studie [Woodcock et al., 2022] gleicht die Klimaschädlichkeit eines einzelnen Sprühstoßes des Treibmittels Norfluran einer im Verbrenner-Kleinwagen zurückgelegten Meile. In einem begleitenden Podcast zur Studie rechnet er vor, dass die Schädlichkeit eines verbrauchten Inhalators etwa dem CO2-Austoß einer Pkw-Fahrt von 200 Meilen – also knapp 322 Kilometern – entspricht. Die schädigende Wirkung eines Pulverinhalators entspreche hingegen nur etwa einem Zwanzigstel davon.

Und dieser Effekt multipliziert sich jährlich millionenfach: COPD gilt seit Längerem als Volkskrankheit, laut RKI-Zahlen aus 2017 lag die 12-Monats-Prävalenz bei insgesamt 5,8 Prozent, die für Asthma bronchiale bei 6,2 Prozent.

Einsparpotenzial: 46.600 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr

Wie groß der Effekt wäre, wenn alle Pneumologen in Deutschland ihre Verschreibungspraxis ändern würden, quantifiziert eine jüngst erschienene Studie: 46.600 Tonnen CO2-Äquivalente könnten demnach eingespart werden – pro Jahr. Die Verordnungen durch andere Facharztgruppen, insbesondere der Hausärzte, sind hier noch nicht enthalten. Zum Vergleich: Die Treibhausgas-Emission in Deutschland betrug laut Umweltbundesamt 2021 rund 762 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente. Erklärtes Ziel für 2030 ist ein Wert von 438 Millionen Tonnen.

Selbsthilfe-Vereine wie COPD-Deutschland e. V. schätzen, dass es weltweit etwa 210 Millionen COPD-Patienten gibt. Und Asthma bronchiale zählt nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit etwa 235 Millionen Betroffenen zu den häufigsten chronischen Erkrankungen weltweit. Die nationalen Krankheitslasten unterscheiden sich laut WHO stark, besonders hoch sind sie in einigen afrikanischen Ländern, Indien, Südostasien, aber auch Nordamerika und Australien.

Dosier-aerosole verantworten 3,5 Prozent des Treibhausgasausstoßes im NHS 

Der Effekt einer Vermeidung von DA hängt von vielen Faktoren ab und unterscheidet sich ebenfalls stark von Land zu Land. Einen anschaulichen Hinweis zur Dimension gibt jedoch die Rechnung der zuständigen Behörde in Großbritannien, wonach Dosieraerosole für 3,5 Prozent des kompletten Treibhausgasausstoßes im Nationalen Gesundheitsdienst NHS verantwortlich sind.

Natürlich hat eine veränderte Verschreibungspraxis nicht nur Einfluss auf das Klima, sondern auch auf die Kosten. Einer US-Studie zufolge ist dieser Effekt in Deutschland mit einem Kostenplus von 2 Prozent aber vergleichsweise gering. In anderen Ländern könnte es demnach die Kosten zur Behandlung von COPD- und Asthma-Patienten um bis zu 13 Prozent erhöhen [Pritchard, 2020] .

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