Karl-Häupl-Kongress in Köln

So schwer haben es Patienten mit "Morbus Bosporus"

Wer die Sprache nicht beherrscht, hat oft große Probleme, dem Arzt zu vermitteln, woran er leidet. Auch weil er oft nicht ernst genommen wird: Der Begriff "Morbus Bosporus" zeugt davon, wie Prof. Dominik Groß auf dem Karl-Häupl-Kongress in Köln berichtete.

„Menschen mit Migrationshintergrund haben im Durchschnitt erheblich größere Gesundheitsprobleme als die deutschstämmige Bevölkerung“, sagt Prof. Dominik Groß, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin und Inhaber des gleichnamigen Lehrstuhls der RWTH Aachen.

„Dies trifft vor allem auf die Zahngesundheit zu", hob Groß in seinem Vortrag "Patientenfokussierte Behandlung in ethischer Perspektive: Das Kriterium der Vulnerabilität" hervor. "Kinder von Eltern mit ausländischer Staatsbürgerschaft zeigen eine mehr als doppelt so hohe Kariesprävalenz als deutsche Altersgenossen. Und Migranten und Personen mit Migrationshintergrund sind schlechter über bestehende Angebote im Bereich der Prophylaxe und gesundheitsfördernde Leistungen informiert. Patienten können aus verschiedenen Gründen vulnerabel sein.“

Sozial bedingt vulnerabel

Er widmete sich in seinem Vortrag Menschen, die „sozial bedingt“ vulnerabel sind: Migranten und Patienten ohne Aufenthaltserlaubnis. Jeder Fünfte in Deutschland hat eine Migrationsgeschichte, im Jahr 2050 wird dies voraussichtlich jeden Zweiten betreffen.

Aufgrund der Kommunikationsprobleme werden diese Patienten mehr diagnostischen Untersuchungen unterzogen und erhalten mehr Arzneimittelverordnungen als ihre deutschstämmigen Mitbürger. Ärzte müssen also viel Zeit und Verständnis aufbringen, um herauszufinden, woran der Patient tatsächlich leidet. Dabei spielt auch eine Rolle, ob das Land, aus dem er kommt, ein ähnliches Gesundheitssystem wie Deutschland hat oder nicht. Auch die Frage, ob ein Patient seine Krankheit als schicksalhaft betrachtet oder darauf vertraut, aktiv etwas gegen die Beschwerden unternehmen zu können, ist wichtig.

"Mamma-mia-Syndrom" - eine Stigmatisierung

Wer sich in einer fremden Sprache nicht auf Anhieb korrekt auszudrücken vermag, läuft Gefahr, dass Witze über ihn gemacht werden. Das führt zu Vorurteilen, die sich zum Beispiel, so Groß, im Begriff „Morbus Bosporus“ niederschlagen. So bezeichnen manche Ärzte Patienten, die intensiv wehklagen und an deren Intensität der Schmerzen sie auch deshalb zweifeln. Auch „Morbus mediterraneus, „anatolischer Schmerz“, „Morbus Balkan“ oder „Mamma-mia-Syndrom“ seien Bezeichnungen für dieses Verhalten und Stigmatierungen, führte Groß aus. „Es ist die Unterstellung einer ethnisch oder kulturell bedingten Andersartigkeit der Betroffenen.“

Dabei bleibe klärungsbedürftig, ob hierbei tatsächlich eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit oder eine erhöhte beziehungsweise andersartige Schmerzäußerung vorliegt. "Menschen mit unterschiedlicher kultureller Prägung artikulieren ihre Gefühle unter Umständen auf unterschiedliche Weise – als Ausdruck des jeweiligen ‚kulturellen Codes‘.“ Auch bei todkranken Patienten mit Migrationshintergrund herrschen Groß zufolge oft andere Regeln als die, die Menschen hierzulande gewöhnt sind. Entscheidungen darüber, welche Behandlungen noch durchgeführt werden sollen, treffe häufig nicht der Patient, sondern das Familienoberhaupt.

Eine Lösung: Die Patienten mit ihren Eigenheiten annehmen

Groß rät dazu, in der Zahnarztpraxis darauf zu achten, Patienten mit Migrationshintergrund mit ihren Eigenheiten anzunehmen. Wer aufmerksam und offen ist und keine Vorurteile hegt, signalisiere dem Patienten, dass er und seine Schmerzen ernst genommen werden. Die Anstellung von Fachpersonal mit Migrationshintergrund sei ebenfalls ein Weg, um bessere Verständigung zu ermöglichen. Groß empfiehlt zum Beispiel den Einsatz von Informationsmaterial der „Aktion zahnfreundlich e.V.“, auf deren Website es Informationen für Kinder mit Migrationshintergrund in türkischer, japanischer und koreanischer Sprache gibt.

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