Bertelsmann Stiftung

Studie: "Überversorgung schadet den Patienten"

In Deutschland wird unnötig diagnostiziert und operiert. Die Ursachen für Überversorgung sind vielfältig, zeigt eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung. Und erklärt, wie Änderungen eingeleitet werden könnten.

Rund die Hälfte der Bevölkerung vermutet, dass in Kliniken und Arztpraxen oft unnötige medizinische Leistungen erbracht werden. "Auffällig ist jedoch, dass viele Menschen zwar ein Bewusstsein für Überversorgung haben, sich selbst aber nicht davon betroffen fühlen", bilanzieren die Studienautoren: "Manchen Patienten ist gar nicht bewusst, dass sie selbst unnötige Behandlungen einfordern und sich dadurch Risiken aussetzen." Bertelsmann Stiftung

"Überflüssige und in ihrem Nutzen fragwürdige Untersuchungen, Operationen, Therapien und Arzneimittelverschreibungen schaden den Patienten. Sie können zu Verunsicherung, Komplikationen und Folgeeingriffen führen. Zudem binden sie medizinisches Personal und Ressourcen, die für andere Behandlungen dringender benötigt werden." Zu dem Schluss kommt die Bertelsmann Stiftung in ihrer neuesten Studie, die sich den Ursachen von medizinischer Überversorgung in Deutschland widmet.

Zentrales Ergebnis: Neben Planungs-, Vergütungs- und Steuerungsdefiziten im Gesundheitssystem spielen auch die Erwartungen und Einstellungen von Patienten und Ärzten eine große Rolle.

Zu den medizinischen Leistungen/Arzneimitteln, die häufig unnötigerweise durchgeführt/verschrieben werden, gehören:

  • Schilddrüsenoperationen
  • Magensäureblocker
  • Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung
  • Eierstock-OPs
  • Implatationen von Defibrillatoren
  • Bildgebende Verfahren bei unspezifischen Rückenschmerzen
  • Lebensverlängernde aber nicht lebensqualitätssteigernde Maßnahmen in den letzten Lebenstagen

Das Ausland macht es vor: "Choosing Wisely"

Um Patienten besser vor Überversorgung zu schützen, sei "Choosing Wisely" ein vielversprechender Ansatz, teilt die Bertelsmann Stiftung mit. Bei dem Konzept, das in 20 Ländern bereits erfolgreich eingeführt worden ist, setzen sich Ärzte gegen Überversorgung und für bessere Gespräche mit ihren Patienten ein.

Bei der in den USA und Kanada gestarteten Bewegung von Ärzten benennen medizinische Fachgesellschaften Leistungen, die überdacht oder ganz unterlassen werden sollten, um Patienten nicht zu schaden.

Überversorgt? Ja, das gibt es – aber nicht bei mir!

Auch in Deutschland gibt es laut Studie Denk- und Verhaltensmuster, die Überversorgung befördern. Zwar haben hierzulande viele Menschen ein Bewusstsein für Überversorgung, fühlen sich selbst aber nicht davon betroffen, zitiert die Bertelsmann Stiftung das Ergebnis einer repräsentative Umfrage der Meinungsforscher von Kantar.

Vom Rheingold Institut geführte Tiefeninterviews zeigen der Stiftung zufolge, dass manchen Patienten gar nicht bewusst ist, dass sie selbst unnötige Behandlungen einfordern und sich dadurch Risiken aussetzen. "Die verbreitete Einstellung, im Zweifel lieber nichts unentdeckt und unversucht zu lassen, führt zu Aktionismus", heißt es. In den Interviews sagten Ärzte und Patienten übereinstimmend, dass Ungewissheit schwer auszuhalten sei und sie daher aktives Handeln bevorzugten. Dies spiegelt sich in den repräsentativen Befragungsergebnissen wider: 56 Prozent der Bürger meinen demnach, jede Therapie sei besser als Abwarten. 

Als weitere entscheidende Treiber von Überversorgung benennt die Studie "das Nebeneinander von ambulanter und stationärer Versorgung, aber auch die Art, wie Medizin in Deutschland gelehrt, geleistet und vergütet wird". So werde selbst falsches Handeln vergütet, nicht aber korrektes Unterlassen.

Auf Grundlage dieser Ergebnisse empfiehlt die Studie folgende Maßnahmen:

  • Ethische Verantwortung übernehmen: Ärzte stehen in der Verantwortung, mit ihren Patienten Nutzen und Risiken der in Frage kommenden Behandlungsoptionen zu besprechen. Sie sollten ihren Patienten stärker bewusst machen, dass überlegtes Abwarten und Beobachten auch in ihrem Fall viele unnötige und eventuell schädigende Maßnahmen verhindern kann.
  • Unnötige Leistungen unterlassen: Praxen und Kliniken sollten Strategien entwickeln, um wenig erfolgversprechende Maßnahmen nicht mehr durchzuführen. "Choosing Wisely" kann dabei unterstützen. Die Leistungsanbieter müssen Interessenkonflikte transparent machen.
  • Nutzen und Risiken medizinischer Leistungen stärker verdeutlichen: Politik und Selbstverwaltung sollten einen leichten Zugang zu evidenzbasierten Informationen und Entscheidungshilfen für Patienten und Ärzte schaffen.
  • Planung und Vergütung optimieren: Politik und Selbstverwaltung sollten die Gesundheitsversorgung bedarfsorientiert und sektorenübergreifend planen und organisieren. Zudem sollten sie die Vergütung stärker an der (Indikations-)Qualität ausrichten und bessere Voraussetzungen für gute Patienteninformation und Informationsflüsse schaffen.

Im Oktober 2018 beauftragte die Bertelsmann Stiftung das IGES Institut, einen Überblick zu möglicher (belegter oder vermuteter) Überversorgung in Deutschland zu erstellen. Hierfür führte IGES im November 2018 eine Literaturrecherche bei PubMed und LIVIVO (Zeitraum 2012 bis 2018) sowie in den Suchmaschinen google scholar und google (Zeitraum 2014 bis 2018) durch. Dabei wurden nur Recherchetreffer dokumentiert, in denen explizit über eine faktisch stattfindende (systematische) Überversorgung in Deutschland berichtet wird. Bis Januar 2019 wurden so 69 Einzelsuchen durchgeführt und 75 Recherchetreffer dokumentiert. Daraus wurden sechs Einzelthemen ausgewählt, die exemplarisch für eine zu häufige Leistungserbringung stehen können. Für diese Themen wurden die möglichen Ursachen diskutiert und Interventionen beschrieben.

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