Famulatur in Polynesien

„Ta’aki?" Post aus Tonga - Teil 3

Zwei Greifswalder Zahnmedizinstudentinnen berichten von ihrer Famulatur im Königreich Tonga - diesmal direkt von ihrem Behandlungsplatz, der Nummer 4!

Extraktionen am Fließband - Es ist untypisch den Sauger zu benutzen, wahrscheinlich auch deshalb, weil der einfach nicht funktioniert. Jedenfalls haben wir immer Wattetupfer verwendet, um uns Sicht im Arbeitsfeld zu verschaffen.  Alle Bilder: privat

„Malei, one patient for number four please!“ – Nummer vier das ist unsere Einheit! Unser Tätigkeitsschwerpunkt im Vaiola Hospital ist die Aufnahme und Behandlung von Schmerzpatienten, was so viel heißt wie ganz viele Extraktionen und einige Überweisungen zur Füllung oder Endodontie.

So reicht unser kleiner, aber effektiver tongaischer Wortschatz aus, um uns auch mit den älteren Patienten auf eine Behandlung zu einigen: „Mamahi?(=Schmerzen?)“ – Io(=Ja), „Ta’aki?(=Ziehen?)“ – Io, und zack der Zahn ist draußen! Dann „Hu’u!(=Zusammenbeißen;auf die Wattetupfer)“ und nächster bitte! So einfach läuft die Kommunikation hier teilweise...

Eine Extraktion nach der nächsten - denn Tongaer gehen erst zum Zahnarzt, wenn die Schmerzen nicht mehr auszuhalten sind.

Bevor wir aber mit der Behandlung beginnen, ist hier die erste Anamnesefrage: „Haben Sie Diabetes oder Bluthochdruck?“ Denn wie schon erwähnt, sehr viele Tongaer sind stark übergewichtig, Adipositas ist hier quasi normal. Und mit dieser Frage sichern wir uns ab und versuchen Komplikationen zu umgehen.

Falls die Patienten die Fragen bejahen, werden sie zur Hauptklinik geschickt, um die Werte checken zu lassen. Allerdings kommt es auch vor, dass einige gar nicht wissen, dass sie an Diabetes erkrankt sind. Und tatsächlich ist Diabetes mellitus die Haupttodesursache der Menschen auf Tonga.

Zu unseren täglichen Befunden gehörten Foetor ex ore, massive Plaque, völlig zerstörte, ausgehöhlte Zahnkronen, kariöse Wurzelstümpfe, Abszesse und Fisteln, desaströse Gebisse, und vor allem Lückengebisse – aber eher alles gleichzeitig.

Solche Fälle haben wir an der deutschen Universität selten gesehen. Tongaer gehen nämlich erst zum Zahnarzt, wenn die Schmerzen unaushaltbar sind und dementsprechend kommen sie auch oft mit einer genauen Behandlungsvorstellung: schmerzbefreiend, schnell und effektiv, es bleibt da keinesfalls Zeit für eine Wurzelkanalbehandlung über mehrere Termine.

Kostenlos sollte die Behandlung auch sein. Es stört sie nicht einmal, wenn ein Frontzahn oder Prämolar dabei verloren geht. Das schockierte uns anfangs sehr, denn diese Einstellung hatten auch junge Frauen und Männer.

Wir hatten anfangs Hemmungen viele der Zähne zu extrahieren, hatten noch versucht die Patienten und Ärzte umzustimmen, denn in Deutschland hätten so viele davon noch Jahre erhalten werden können – erfolglos.

Entsprechend der Tätigkeit sah die Vorbereitung des Trays standardmäßig so aus: Spiegel und Sonde, sowie Injektionsspritze, denn ganz sicher steht beim nächsten Patienten wieder eine Extraktion an.

Natürlich war uns bewusst, dass auf Tonga viele Zähne gezogen werden, und darauf hatten wir uns sogar gefreut. Denn es sind wertvolle Arbeitserfahrungen, wenn man bedenkt, dass wir in Deutschland im ersten Klinischen Jahr nur vier bis acht Zähne extrahiert haben. Hier waren es für uns beide jeweils vier bis acht am Tag. Nur leider ist dieser Zustand auch gleichzeitig ein Spiegelbild der mangelhaften medizinischen Versorgung auf Tonga.

Der kariöse Nachbarzahn stört nicht

Viele der Menschen wissen gar nicht über Mundhygiene Bescheid, geschweige denn über Möglichkeiten der Zahnerhaltung. Aus Seiten der Ärzte sprechen die fehlenden Materialien und Kapazitäten leider auch gegen die Erhaltung des Zahns. So konzentriert man sich hier eigentlich nur auf den Schmerz bereitenden Zahn. Dass der Nachbarzahn kariös ist, stört nicht – eben bis er soweit zerstört ist, dass der Patient wieder mit Schmerzen kommt, sehr schade! Und Zahnersatz ist eine Privatleistung, über die die meisten Menschen erst gar nicht nachdenken.

Nummer 4! Unsere Einheit für die kommenden zwei Wochen. An dieser Einheit funktioniert eigentlich nur die Sitzverstellung und das Licht. Wenn wir Glück haben, auch mal der Wasserhahn zum Ausspülen.

"Next patient for Nr. 4 please!". Hier ist Nata am zentralen Telefon für die Patientenbestellung.

Wie auch immer. Täglich bildet sich schon am frühen Morgen eine lange Schlange im Wartebereich, das heißt für uns: eine Extraktion nach der anderen! Mittlerweile freuen wir uns sogar darüber, denn wir haben den Dreh mit der Anästhesie und der Extraktion langsam raus.

Wir benötigten also eine gewisse Abstumpfungs- oder eher Anpassungszeit, aber dann hieß es für uns immer wieder aufs Neue: Alle Skrupel verlieren und das machen, was die Patienten wünschen, egal ob Front- oder Seitenzahn, kleine oder große Läsionen, einfach „Ta’aki!“, eins nach dem anderen, „Malei, next patient for number four please!“, wie Fließbandarbeit! Wir haben uns relativ schnell an das Arbeitstempo, die vielen Patienten und das selbstständige Arbeiten gewöhnt, und dabei das Vertrauen der Ärzte sehr geschätzt!

Im Vaiola Hospital hatten wir freitags die Möglichkeit, im OP zu hospitieren, ein paar Mal durften wir sogar assistieren. Meistens waren es Kinder, die unter Vollnarkose behandelt wurden.

Wir mussten uns natürlich entsprechend für die OP kleiden - nur leider gab's nichts in unserer Größe!

Unsere Zeit auf Tongatapu neigt sich dem Ende zu - jetzt geht es für uns weiter auf die Nachbarsinseln Vava’us. Die Vava’u Inseln befinden sich nördlich, etwa 310 km von Tongatapu. Die Fähre benötigt für die Überfahrt 24 Stunden – wohlgemerkt, 24 tongaische Stunden! Vermutlich werden es eher 30 Stunden werden. Egal. Los geht's zum zweiten Teil unseres Praktikums!

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