Hilfseinsatz in Myanmar

Unterwegs mit den Swimming Doctors (4)

Ein Einsatz mit der MS Futura dauert exakt 22 Tage, dann legt das Schiff wieder im Hafen von Yangon an. Eigentlich. "Mission 13" musste verkürzt werden. Die Abschiedsparty wurde vorverlegt.

Der letzte Tag an Bord der MS Futura - die burmesischen Kollegen werden fortgebildet. Buhtz

Sonntag, schon der letzte Arbeitstag vor Rückkehr nach Yangon. Zur Recht hat Muyar die bisherige Praxis bemängelt, benutzte Instrumente aus dem OP-Bereich einfach im Zahnarztraum abzuliefern und die Aufbereitung von den dental assistants erledigen zu lassen. Zeitlich ist das nicht zu schaffen.

Damit es aber auch nicht zur Unzeit ein Gedränge im Zahnarztraum gibt und andererseits das Instrumentarium zum Sterilisationszeitpunkt zur Verfügung steht (für die Sterilisation muss nämlich extra der Schiffsgenerator angeworfen werden), ist es unumgänglich, dass die nurses benutzte Instrumente im OP-Raum selber aufbereiten, anschließend im zahnärztlichen Behandlungsraum in Sterilisationsfolien einsiegeln und erst dann die verpackten Instrumente den dental assistents zum Sterilisieren übergeben, weil nur im Zahnarztraum mit dem MELAtronic 23 von MELAG ein leistungsfähiger Autoklav zur Verfügung steht.

Zahnarzt Dr. Dieter Buhtz aus Berlin reiste schon oft nach Myanmar, um an Bord der MS Futura das burmesische Team bei seinen Hilfseinsätzen zu unterstützen. Hier berichtet er von seinem letzten Einsatz.

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So tritt heute Morgen das restliche medical team noch vor dem eigentlichen Arbeitsbeginn im OP zum gewünschten (und notwendigen) Crash Kurs in Instrumentenaufbereitung an, Vorkenntnisse sind rar und nur beim Senior Doctor Dr. Than Myint ausreichend vorhanden. Ludger, Joe und Ingrid unterstreichen dem Team durch ihre Teilnahme die Wichtigkeit dieser Hygienemaßnahmen, finden doch im OP immer wieder einmal Wundbehandlungen, kleine Abszesseröffnungen und Ähnliches statt.

Der eigentliche Behandlungstag ist für die GPs heute weit patientenintensiver als für das dental team, da treffen schon ab 14 Uhr keine Patienten mehr ein. Bevor Muyar im Behandlungsraum klar Schiff macht, rekapitulieren wir ein letztes Mal einige Themen der vergangenen Tage. Für mich ergibt sich dann endlich auch mal die Gelegenheit, den Kollegen über die Schulter zu schauen. Auch sie haben in kurzer Zeit intensiv Wissen vermittelt, waren besonders erfreut über Wissensdurst und Einsatz des jungen Hospitanten Win Ko Oo und die soliden Fähigkeiten des Senior Doctors.

Der letzte Abend: Party!

Um 16 Uhr legen wir ab und fahren ungefähr eine Stunde nach Kyailat. Ingrid, Ludger, Joe und ich genießen den Fahrtwind bei einem Kaffee und wechseln je nach Fahrtrichtung und Sonnenstand von Bug zum Heck und von Steuerbord nach Backbord, um im Schatten zu sein. In Kyailat kommt ein freundlicher Polizist an Bord, dem auf der Straße Fremde aufgefallen sind, und möchte unsere Pässe sehen und Kopien erhalten. Nach dem Duschen ist Party angesagt, wir haben Khein 80.000.- Kyat für Einkäufe gegeben.

Party auf dem Oberdeck | Buhtz

Das Ganze findet zur Abwechslung auf dem Oberdeck statt, die Schreibtische aus den Kabinen sind mit Tischtüchern eingedeckt, es gibt Bier, Cola, Chips und jede Menge zu knabbern. U Ni präsidiert und will uns in seiner unmittelbaren Nähe haben.

Es wird wie immer bei dieser Gelegenheit viel fotografiert und die Stimmung erreicht einen ersten Höhepunkt, als Joe die Gruppe bei dem von ihm gesanglich vorgetragenen "Nasdrowje" jeweils mit "whom" im Rhythmus seines Dirigierens antworten lässt. Außerdem gibt er eine neue Interpretation des Beatle-Songs Yesterday zum Besten: "yesterday disinfection seemed to be so far away now it looks as though it’s here to stay. Oh I believe in disinfection ..."

Khein bekommt von mir eine Stirnlampe geschenkt, die alternativ über AAA-Batterien oder über ein mittels USB-Stecker aufladbaren Akku betrieben wird und auch als Tisch- oder Deckenlampe verwendet werden kann. Für Nay Tu habe ich ein Viktorinox Taschenmesser, über das er sich wohl auch deswegen so riesig freut, weil er damit natürlich nicht gerechnet hat. Auch für Muyar scheine ich mit zwei Taschenbüchern, "Pocket Atlas of Endodontics" und "Pocket Atlas of Oral Diseases", sowie ebenfalls einem Viktorinox Taschenmesser das Richtige getroffen zu haben.

Sie wiederum beschenkt uns vier jeweils mit Llonghis, dem traditionellen burmesischen Beinkleid, die wir natürlich sofort unter großer fotografischer Anteilnahme über unsere Hosen ziehen müssen. Da es ohnehin auf dem Oberdeck drückend heiß und schwül ist, kriegen wir darunter vor Hitze geradezu die Motten und ich wechsele dann doch eben mal in der Kabine auf "frisches gebrauchtes" T-Shirt und lasse die Hose unter dem Llonghi weg. Bringt Punkte. Trotzdem habe ich das Gefühl, in dem Llonghi in der Wertung zum Obst der Woche ganz weit vorne zu liegen.

Die Llonghis - das traditionelle burmesische Beinkleid - werden sofort anprobiert. | Buhtz

Die Party ist sicherlich nicht unbedingt Muyars Ding, andererseits lacht sie herzlich mit und wir beide tauschen uns auch heute Abend noch einmal über ihr Standing und Verhältnis zu Einigen im Team aus. Wie auch wir bedauert sie sehr, dass Dr. Than Myint wohl die Swimming Doctors aus dringlichen familiären Gründen verlassen wird, er hätte dem Team (und ihr) mit seiner ruhigen und kollegialen Art sicher auf Dauer sehr gut getan.

Ausklang - Baden im Meer

Pünktlich um 6 Uhr am Montag lässt U Ni die Maschine anwerfen und wir brechen auf nach Yangon. Zum Frühstück hat unser unvergleichlicher Koch Hla Myo das traditionelle burmesische Nationalgericht Moke Hin Kha auf den Tisch gezaubert. Danach ist Packen angesagt und Panorama, bis wir den Twante-Kanal erreichen. Ab dort bittet uns U Ni wegen der hohen Polizeipräsenz in den Kabinen zu bleiben. Das ist neu.

Mittags erreichen wir Yangon - früher als erwartet. Da sich Naing Tun Aung verspätet, fahren wir mit dem Taxi ins East Hotel. Ich verbringe den Nachmittag zunächst mit Umpacken für den zweitägigen Abstecher nach Ngapali Beach, den wir uns als Ausgleich dafür gönnen, dass "Mission 13" wegen des anstehenden Werftaufenthalts so kurzfristig verkürzt wurde, hüpfe unter der schwächelnden Dusche von Tropfen zu Tropfen und laufe planlos durch die Straßen, um meine Knöchel wieder zum Abschwellen zu bringen.

Um 17 Uhr wollten wir eigentlich in die Shwedaggon Pagode, da aber Joe eine aufkommende Erkältung fühlt und wir anderen schon zig Mal dort waren, beschließen wir, den Abend lieber im Restaurant Monsoon zu beenden.

| Buhtz

Der Flug nach Thandwe ging am Dienstag erst mit Verspätung um 13:45 Uhr, so kamen wir erst um 15:00 Uhr im Jade Marina Resort an. Einzige Programmpunkte: Baden im bestimmt 26 Grad warmen Meer und dann beim Sonnenuntergang am Strand entlang zur Laguna Lodge.

Tausend Nasen möchte man haben!

Mittwochmorgen frühstücken wir schon um 7 Uhr, um ja nichts vom Tag zu verpassen. Leider ist der Himmel bedeckt, wir wandern den Strand nach rechts bis zum Fischerdorf. Der nächtliche Fang kleiner und kleinster Fische ist auf riesigen blauen Plastikplanen ausgebreitet, Frauen sortieren in der Hocke die Fische, dazwischen spielen Kinder, laufen Hunde und fallen Krähen über Reste her. Tausend Nasen möchte man haben. Wir wandern zurück, erstehen bei einigen Ständen am Strand kleine Mitbringsel, tauchen ins warme Meer. Dann geht es den Strand nach links zum Mittagessen.

Am Donnerstag fliegen wir zurück nach Yangon. Naing bringt uns zum Firmensitz von Uniteam Marine, wo noch eine Fortbildungsveranstaltung für die medical teams von Swimming Doctors, River Doctors (Artemed) und der mobile clinic (Amara Health Care) angesetzt ist. Mit Jerzy Wilk von Uniteam diskutieren wir vorher den gerade beendeten Einsatz. Er wird am Freitag mit Naing in der Werft Schäden am Propeller der MS Futura inspizieren und auch sehen, ob der von uns geplante Durchbruch vom dentist room zum recovery room machbar ist. Mit Naing bespreche ich die notwendigen Bestellungen und Besorgungen, werde ihm aber von zuhause noch einmal alles detailliert auflisten. Aus Erfahrung gut.

Freitagabend: Ankunft 22:15 in Berlin!

In die Frage der permits für die Kolleginnen, die im Januar die Schulen aufsuchen sollen, kommt erstaunlicherweise noch einmal Bewegung, und zwar durch Muyar und Dr. Min Naing, die hier zusätzlich über Muyars burmesischen "teacher" und Mentor tätig werden wollen. Die Übernahme der Gebühren ($ 100,- pro Genehmigung) sagen wir zu, aus den jüngsten Erfahrungen wird immer deutlicher, dass eine offizielle Arbeitserlaubnis unerlässlich ist.

Natürlich sind "Bewerbungsunterlagen" erforderlich, hier kann ich aber auf Naing verweisen, der die Unterlagen der Kolleginnen schon vor Wochen bekommen hat und nun gleich per Air Drop weiterleitet. Auch Muyar wird eine entsprechende Genehmigung beantragen, damit auch sie in den Schulen tätig werden darf.

Und dann war da ja auch noch die Fortbildung für die Ärzte, Zahnärzte und nurses der Delta Docs. Lange geplant für den Tag, an dem normalerweise die drei Schiffe wieder von ihren Einsätzen nach Yangon zurückkehren, musste bedauerlicherweise gerade unser Swimming Doctors-Team aufgrund der unglücklichen Terminplanung wegen des Werftaufenthalts extra noch einmal zur Fortbildung anreisen. Ich bin mir nicht sicher, ob unsere Vorträge (Ludger über Asthma, Joe über Lagerschwindel, ich über Antibiotika und Antikoagulantien, Dr. Min Naing über ICDReports) wirklich bei allen angekommen sind. Aber alle haben sich persönlich und herzlich verabschiedet und bedankt.

Zu einem letzten Einkaufen im Scotch Market war es dann zu spät, wir waren nach dem Einchecken im East Hotel noch im Suzuki essen, dann schnell ins Bett. Ludger, Ingrid und Joe mussten schon vor Mitternacht zum Flughafen, ich konnte dagegen ausschlafen und um 6 Uhr entspannt losfahren. 9:50 Uhr ging der Flieger nach Bangkok, kurze Umsteigezeit, „hot transfer“ für das Gepäck nach Zürich, von dort nach Berlin, Ankunft 22:15 Uhr am Freitagabend.

Keiner von uns Vieren ist im Nachhinein wirklich traurig gewesen, dass Mission 13 um zwei Tage verkürzt war. Das medical team wäre gar nicht aufnahmefähig für Mehr gewesen und war wohl auch ein bisschen froh uns wieder los zu werden, zumal schon Anfang November drei Ärztinnen und etwas später noch eine Zahnärztin von Artemed an Bord zu Gast waren.

In 18 Tagen fast 1.300 Patienten versorgt

Trotz verkürzter Mission wurden von den Swimming Doctors in 18 Tagen fast 1.300 Patienten versorgt, davon 367 durch unsere Zahnärztin: unter anderem hat sie 211 Zähne extrahiert, 17 Abszesse gespalten, 38 Zähne trepaniert, 45 mal Zahnstein entfernt, 107 Zähne mit medikamentösen Einlagen vorbehandelt und 207 Füllungen gelegt.

Immer alarmierender ist jedoch die steigende Zahl behandlungsbedürftiger Kinder: 42 Prozent unserer dental patients sind noch nicht einmal 12 Jahre alt. 9 Prozent sind sogar noch nicht einmal 6 Jahre alt und weisen doch schon dramatische Zerstörungen der Milchzähne auf. Ihrer Zukunft muss unsere besondere Aufmerksamkeit gelten.

Auch wenn vieles diesmal anders war als sonst, die Weichen für die Zukunft scheinen endlich gestellt, es heißt nicht mehr "zurück auf Los" wie noch 2016. Auch dank der Einsätze von Heike, Gudrun und auch Friedrich sind wir in der Unterstützung unserer burmesischen Kollegin vorangekommen, Ziele und Visionen decken sich, im Januar 2018 kann endlich eine intensive Prophylaxetätigkeit in den Schulen beginnen. Gut, dass Stiftunglife sich auch um die Schulen im Delta sorgt und es dort hoffentlich bald Wasser zum Zähneputzen und Händewaschen gibt.

Dr. Dieter Buhtz

| Buhtz

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