Medizin

2x täglich krebserregend?

Titandioxid ist in Zahnpasten, Kaugummis und Lebensmitteln enthalten. Das Bleichmittel steht seit Jahren im Verdacht, karzinogen zu wirken. Eine neue Studie beweist dies nun erstmals für die orale Aufnahme.

Weiß, weißer, Titandioxid: In vielen Zahncremes wird der weiße Lebensmittelfarbstoff Titandioxid (E171) verwendet, der laut einer neuen Studie bei oraler Aufnahme krebserregend ist. Fest steht dies allerdings vorerst nur für Ratten. Astrid_Gast - Fotolia

Der Blick ins Kleingedruckte: Auf den Inhaltsstofflisten taucht Titandioxid neben der Schreibweise "Titanium Dioxide" oft auch unter den Bezeichnungen E171, CI 77891, titanium white oder Pigment White 6 (PW6) auf. zm-mg
Der weiße Lebensmittelfarbstoff E171 ist ohne Höchstmengenbeschränkung (quantum satis = qs) in Lebensmitteln allgemein zugelassen und wird momentan auch für Überzüge von Dragees und Kaugummis verwendet. zm-mg

Für die Online erschienene Studie der Zeitschrift Nature hatte das französische Forscherteam der Universität von Toulouse 100 Tage lang einer Gruppe von Ratten so viel Titandioxid (E171) mit dem Trinkwasser verabreicht, wie es Menschen proportional gesehen über Kosmetika oder Lebensmittel aufnehmen. Bei rund 40 Prozent der Tiere bildeten sich Tumore im Darmtrakt.

Die Studienautoren folgerten, dass das Titandioxid die Entwicklung dieser Wucherungen beschleunige, wobei einige zunächst gutartig gewesen seien, aber ein großes Potenzial gehabt hätten, bösartig zu werden.

Als Folge der Veröffentlichung wurde in verschiedenen Publikumsmedien die Übertragbarkeit der Studienergebnisse auf den Menschen diskutiert. Immerhin ist der weiße Lebensmittelfarbstoff E171 aktuell ohne Höchstmengenbeschränkung (quantum satis = qs) in Lebensmitteln zugelassen und aufgrund seiner Eigenschaften auch oft als Käse- oder Soßenaufheller, für Überzüge von Dragees und Kaugummis oder eben in Zahnpasta zu finden.

Auf unsere Nachfragen erhielten wir von den Zahnpastaherstellern Rossmann, Miradent und Murnauers bis jetzt keine Antworten. Das Bundesamt für Risikobewertung meldete sich auf die Anfrage zurück und kündigte eine zeitnahe Stellungnahme an.


Bisherige Stellungnahmen von Herstellern

"(...)Titandioxid ist ein als sicher anerkannter Inhaltsstoff. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA hat Titandioxid zuletzt im September 2016 neu bewertet und als gesundheitlich unbedenklich für den Zusatz in Lebensmitteln eingestuft", informiert die Rechtsabteilung des multinationalen Mischkonzerns. Und weiter: "In einigen unserer Zahnpasten setzen wir Titandioxid als weißes Farbpigment ein. Alle unsere Produkte durchlaufen strengste Qualitätskontrollen und Sicherheitsprüfungen, so dass nur hochwertige und bei sachgerechtem Gebrauch absolut sichere Produkte in den Markt gelangen."

Bei Dentinox weist man auf die Wirkunterschiede und damit das unterschiedliche Gefährdungspotenzial von Titandioxid in Form von Nano- oder Mikropartikeln hin: "Der unter www.nature.com veröffentlichte Artikel bezieht sich ausdrücklich auf Titandioxid-Nanopartikel", heißt es. "Wir können Ihnen bestätigen, dass in unseren Zahncreme-Produkten ausschließlich Titandioxid in Form größerer Partikel, d.h. mit einem geringeren Zerkleinerungsgrad, eingesetzt wird, der im Mikrometerbereich liegt. Die deutlich kleineren und deshalb als bedenklich angesehenen Nanopartikel sind hierin nicht enthalten."
 
Ziel des in ca. 0,5 prozentiger Menge eingesetzten Titandioxids in Zahncremes des Herstellers sei die Erzielung einer ästhetischen opak-weißen Farbe des Zahnpasten-Strangs nach der Entnahme aus der Tube. "Hierfür eignet sich sehr gut das weiß aussehende Titandioxid in Mikrometergröße, denn nur in dieser Partikel-Größe ist eine optimale Weißfärbung möglich. Und genau diese ist erwünscht."
 
Streng hiervon abzugrenzen sei der Einsatz des deutlich teureren und noch dazu als bedenklich eingestuftem – Titandioxid in Nanopartikel-Größe, dessen Einsatz in Zahnpasten infolge der erheblich geringeren Weißfärbung ohnehin völlig unangebracht sei, informiert Dentinox. "Eine sauber differenzierende Sicht- und Beurteilungsweise ist hier bei der Auswahl der geeigneten Kosmetik-Inhaltsstoffe nicht nur erwünscht, sondern sogar absolut unerlässlich."

„Titandioxid wird in kosmetischen Produkten wie beispielsweise Pudern, Hautcremes, Sonnenschutzmitteln oder Zahncremes unter anderem als weißes Farbpigment und als UV-Filter eingesetzt. Wir, die Firma Dr. Liebe Nachf. GmbH & Co. KG, setzen es in zwei unserer drei Zahncremes als weißes Farbpigment (INCI: CI77891) in geringen Konzentrationen ein. Der Stoff unterliegt den strengen Reinheitskriterien für Lebensmittel. Erst im September 2016 hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA Titandioxid neu bewertet und als gesundheitlich unbedenklich für den Zusatz in Lebensmitteln eingestuft. In einigen aktuellen Verlautbarungen der Medien wird über eine Studie des französischen Nationalen Instituts für Agrarforschung (INRA) berichtet, welches im Tierversuch Hinweise darauf gefunden haben will, dass die langfristige Aufnahme von Titandioxid mit einem erhöhten Risiko von chronischen Entzündungen und Krebserkrankungen verbunden sein kann.

Die Forscher selbst weisen jedoch sehr deutlich darauf hin, dass die Ergebnisse der Studie nicht auf den Menschen übertragbar seien, sondern als Grundlage für zukünftige Forschungen verwendet werden sollen.

Die Sicherheit der Verbraucher hat für die Kosmetik-Industrie oberste Priorität. Wir als Hersteller verfolgen die derzeitige wissenschaftliche Diskussion daher sehr aufmerksam und werden gemeinsam mit dem IKW und deren Mitgliedern sowie den Rohstoffherstellern die Studie und deren Ergebnisse sorgfältig prüfen. Es ist unser Anliegen, den Verbrauchern nur sichere und wirksame Produkte anzubieten. Dies wird durch eine umfangreiche Europäische Gesetzgebung und die Sicherheitsbewertungen von Experten gewährleistet.“

In der Nahrungsmittelindustrie gibt hingegen offensichtlich Bewegung, was die Verwendung des Inhaltsstoffs Titandioxid betrifft. Der Kaugummi-Hersteller Mars (Wrigley) setzt nach eigenen Angaben zwar aktuell "Titandioxid als Lebensmittelfarbstoff (E 171) in (...) Kaugummi-Dragees der Marken Extra und Airwaves sowie in den Produkten der Marke Skittles" ein und verweist darauf, dass die Mengen den behördlichen Zulassungen für diese Zutat entsprächen - betont aber auch, dass man sich bereits im vergangenen Jahr dazu verpflichtet habe, künftig künstliche Farbstoffe - inklusive E171 - aus allen Lebensmitteln zu verbannen. Ziel sei, "den sich ändernden Verbrauchervorlieben und einer generellen Forderung nach natürlicheren Inhaltsstoffen gerecht zu werden".

"In unseren Dontodent-Zahncremes setzen wir – entsprechend der Vorgaben der EU–Kosmetikverordnung – Titandioxid als weißes Pigment ein", erklärt Kerstin Erbe von dm. Dabei entspreche das eingesetzte Titandioxid "hinsichtlich seiner Reinheit den Vorgaben der EU-Kosmetikverordnung sowie den Vorgaben für den Lebensmittelzusatzstoff E 171. Es ist daher nicht als Nanomaterial im Sinne der aktuellen Empfehlung der EU-Kommission einzustufen", heißt es weiter.

Erbe verweist ebenfalls auf die im September 2016 durchgeführte Neubewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und merkt an, dass mit rund 0,002 mg/kg Körpergewicht/Tag die durch Zahncreme aufgenommene Menge im Vergleich zur täglichen Gesamtexposition von rund 1 mg/kg Körpergewicht/Tag "vernachlässigbar gering" sei.
 
Die Frage, ob dm die Verwendung von Titandioxid vor dem Hintergrund der jüngsten Studie für gesundheitlich unbedenklich hält, beantwortet Erbe nur indirekt. "Für unsere dm-Marken-Produkte setzen wir nur Rohstoffe ein, die nach aktuellem Stand der Wissenschaft für das jeweilige Produkt als sicher bewertet werden. Dabei orientieren wir uns an den Empfehlungen der einschlägigen nationalen und europäischen wissenschaftlichen Institutionen, wie z. B. der EFSA oder dem Bundesinstitut für Risikobewertung. Neue Entwicklungen greifen wir frühzeitig auf und setzen nötige Rezepturänderungen für unsere dm-Marken-Produkte bei Bedarf unverzüglich um."

Titandioxid (E171) ist ein weit verbreiteter Farbstoff in Lebensmitteln und in Kosmetika, wo es insbesondere ein gängiger Inhaltsstoff in Zahnpasten ist. Die Verwendung von Titandioxid (E171) als Farbstoff wurde von diversen Zulassungsbehörden überprüft und wird weltweit als sicher angesehen.

CP GABA setzt höchste Priorität auf die Sicherheit seiner Produkte. Das Unternehmen führt umfassende Sicherheits-Prüfungen aller von ihm verwendeter Rohstoffe durch und verfolgt die Forschung dazu engmaschig. Die dem nature-Artikel zugrunde liegende Ratten-Studie, die von der Französischen Behörde bewertet wurde, untersuchte die Aufnahme von Titandioxid in wesentlich höheren Konzentrationen als man bei der Verwendung von Zahnpasta ausgesetzt ist.

Die Französische Behörde stellte fest, dass die Ergebnisse dieser vorläufigen Untersuchung nicht eindeutig sind und empfiehlt weitere Studien. Auch die Wissenschaftler selber kamen zu dem Schluss, dass die Ergebnisse nicht auf den Menschen übertragen werden können.


"Ergebnisse sind nicht auf den Menschen übertragbar"

Prof. Franz-Xaver Reichl, Leiter der Abteilung Dental-Toxikologie an der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontolo­gie der LMU München, gibt Entwarnung. Er betont, dass die jüngsten Studienergebnisse zu Titandioxid auf keinen Fall "auf den Menschen übertragen werden dürfen. Die Ergebnisse gelten nur für Ratten", so Reichl. "Der Mensch zeigt ganz andere Stoffwechselmuster, insbesondere, wenn es um Abbau oder um Ausscheidung von Schadstoffen geht." Grund hierfür seien auch physiologische Unterschiede, etwa, dass Ratten keine Gallenblase haben.

Reichl führt weiter aus, die Ergebnisse seien interessant, die Aufnahme von Titandioxid beim Menschen aber noch nie in Zusammenhang mit Krankheiten auffällig geworden, dies gelte "weder bei Arbeitern in der Titanindustrie - die noch viel mehr Titan aufnehmen - noch bei sonstigen Exponierten." Reichl beschäftigt sich seit mehr  als zehn Jahren mit der Toxizität von Titan, etwa bei Implantatträgern.


Hintergrund: Schon ältere Studien stellten die Unbedenklichkeit von Titandioxid infrage. Bereits 1989 kam eine Untersuchung der Internationalen Agentur für Krebsforschung zu dem Schluss, dass das Inhalieren des Stoffs für Versuchstiere krebserregend ist - für den Menschen aber nicht zwingend abgeleitet werden könne. Eine weitere Studie von 2010 setzte die Wirkung von Titandioxid im menschlichen Körper mit jener von Asbest gleich, wie ein Forscherteam der Universität Lausanne in "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichtete.

In Frankreich hat man inzwischen offenbar auf das Ergebnis der jüngsten Studie reagiert. So meldeten verschiedene Medien übereinstimmend, dass die französische Regierung eine sofortige Untersuchung beauftragt hat, die das Gefährdungspotenzial für den Menschen beschreibt und deren Ergebnisse im März vorliegen sollen.


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