Medizin

"Assistierter Suizid ist keine ärztliche Aufgabe!"

Am 1. Dezember 2004 wurde der Lehrstuhl für Palliativmedizin an der Uniklinik Köln gegründet. Prof. Dr. Raymond Voltz, Direktor der neuen "Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin", äußert sich kritisch zum assistierten Suizid.

Nur für ein Prozent der Betroffenen ist der ärztlich assistierten Suizid von Bedeutung, sagt Palliativmediziner Prof. Dr. Raymond Voltz. 99 Prozent der Patienten bräuchten eine flächendeckende und gute Palliativversorgung. Chany167-Fotolia

Prof. Dr. Raymond Voltz, Direktor des Zentrums für Palliativmedizin an der Uniklinik Köln Uniklinik Köln

„Die derzeitige Debatte - auch im Parlament - über ärztlich assistierten Suizid ist nur für einen verschwindend kleinen Prozentsatz der Betroffenen von Bedeutung. 99 Prozent benötigen eine flächendeckende und gute Palliativversorgung. Das ist noch lange nicht gewährleistet“, betont Voltz.

"Wir brauchen mehr Palliativmedizin statt Sterbehilfe!"

„Wir haben in den letzten acht Jahren circa 12.000 schwerkranke und sterbende Patienten betreut. Unsere Erfahrungen zeigen, dass eine gesetzliche Regelung zum ärztlich assistierten Suizid nicht die Maßnahme ist, die zu einer besseren Versorgung der Patienten führen wird. Ich sehe im assistierten Suizid keine ärztliche Aufgabe. Wir brauchen mehr Palliativmedizin statt Sterbehilfe“, fordert Voltz.

Es sei Aufgabe der Ärzte, sich kranken Menschen mit aller Kompetenz und Fürsorge zuzuwenden. Grundlagen hierfür seien der weitere Ausbau der palliativmedizinischen und hospizlichen Versorgungsstrukturen, umfassende Maßnahmen zur öffentlichen Aufklärung und Auseinandersetzung mit den Themen Krankheit, Sterben, Tod und Trauer, die Verbesserung der Aus-, Fort- und Weiterbildung der Gesundheitsberufe zur Begleitung Schwerkranker und Sterbender, sowie eine intensivere Forschung zu essenziellen palliativmedizinischen Fragestellungen.

Dennoch hätten in Deutschland noch bei Weitem nicht alle betroffenen Patienten einen bedarfsgerechten Zugang zu palliativmedizinischen und hospizlichen Angeboten. Voltz: "Dies sollte eine fürsorgliche Gesellschaft zur Norm machen."

Assistierter Suizid: "nur in Ausnahmen der einzige Ausweg"

"In der Ausnahmesituation einer mit großem Leiden verbundenen Erkrankung mag für einige Menschen ein assistierter Suizid als einziger Ausweg erscheinen", erläuterte er weiter. Dabei stehe jedoch in der Regel nicht der Todeswunsch im Vordergrund, sondern vielmehr der Wunsch nach Leidenslinderung. "Hier kann Palliativmedizin und hospizliche Begleitung in den allermeisten Fällen helfen.“

Etwa 47 Prozent aller pro Jahr in Deutschland sterbenden Menschen sterben demnach in Krankenhäusern. Nur 15 Prozent der bundesweit rund 2.000 Krankenhäuser verfügten über eine Palliativstation. Ebenso halte nur ein kleinerer Teil einen Palliativdienst vor.

Nur an 9 der 34 medizinischen Fakultäten existiere ein Lehrstuhl für Palliativmedizin. In Pflegeheimen gebe es nur wenige Modellprojekte. Der Anspruch auf spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) werde noch nicht flächendeckend umgesetzt und die psychosoziale Versorgung ist in diesem Bereich kaum existent.

Suizid ersetzt nicht die Auseinandersetzung mit den Familien

„Eine Gesetzesänderung zur Ermöglichung eines ärztlich assistierten Suizids ist keine adäquate Antwort. Dies ersetzt keinesfalls die Auseinandersetzung und das Finden eines individuellen Lösungsweges mit den betroffenen Familien“, sagte Volz. Was sich nach Meinung des Kölner Experten auch in der aktuellen Diskussion niederschlägt, ist die generelle Angst des Menschen vor dem Tod.

Weitere Bilder
Bilder schließen