Erfasst, verfolgt, vernichtet

Wanderausstellung: Kranke und Behinderte im Nationalsozialismus

Bis zu 400.000 Menschen hatten die Nazis zwangssterilisiert, mehr als 200.000 ermordeten sie. Eine Wanderausstellung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) über dieses dunkle Kapitel deutscher Heilberufler ist nun bei der Bundesärztekammer (BÄK) zu sehen.

Die Wanderausstellung der DGPPN wurde in Kooperation mit den Stiftungen Denkmal für die ermordeten Juden Europas und Topographie des Terrors erstellt; mehr als 355.000 Menschen weltweit haben sie laut DGPPN schon besucht. Nachdem sie 2014 im Bundestag unter der Schirmherrschaft vom damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck eröffnet wurde, war die Ausstellung national und international an mehr als 48 Standorten zu sehen - in Parlamenten, Gedenkstätten, Kongressen oder Kliniken. Häufig wurde mithilfe eines Begleitprogramms ein konkreter Bezug zu der jeweiligen Region hergestellt.

Die Ausstellung in der Bundesärztekammer am Herbert-Lewin-Platz 1 in Berlin

Vom 9. bis zum 21. November macht die Ausstellung Station am Sitz der Bundesärztekammer, am Herbert-Lewin-Platz 1 im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Der Namensgeber war als Jude von den Nazis verfolgt und in mehreren KZs zum Dienst als Häftlingsarzt gezwungen worden. Seine Frau Alice starb im Konzentrationslager. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Lewin wieder als Arzt - trotz zwischenzeitlicher Ablehnung durch den Offenbacher Gemeinderat wegen angeblicher "Rachegefühle". Von 1963 bis 1969 hatte er das Amt des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden inne.

Bis zu 400.000 Menschen haben die Nazis zwischen 1933 und 1945 zwangssterilisiert, mehr als 200.000 davon ermordet. Bei der Selektion der Patienten wurde der vermeintliche "Wert" des Menschen zum leitenden Gesichtspunkt. Ärzte, Pflegende und Funktionäre urteilten nach Maßgabe von "Heilbarkeit", "Bildungsfähigkeit" oder "Arbeitsfähigkeit" über die ihnen Anvertrauten. Dabei fand die Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung auffälliger, störender und kranker Menschen innerhalb des damaligen Anstalts- und Krankenhauswesens statt, stellt die DGPPN fest.

Blick auf Opfer und Täter, Tatbeteiligte und Opponenten

In der Ausstellung fungiert die Frage nach dem Wert des Lebens als Leitlinie: Thematisiert werden die gedanklichen und institutionellen Voraussetzungen der Morde. Die Schau fasst das Geschehen von Ausgrenzung und Zwangssterilisationen bis hin zur Massenvernichtung zusammen, beschäftigt sich mit exemplarischen Opfern, Tätern, Tatbeteiligten und Opponenten und fragt schließlich nach der Auseinandersetzung mit dem Geschehen von 1945 bis heute.

Exemplarische Biografien ziehen sich durch die gesamte Ausstellung: Darin werden die vielen verschiedenen Akteure fassbar, die an den Verbrechen beteiligt waren. Ihren Blicken auf Patienten werden deren eigene Äußerungen gegenübergestellt.

Den Schlusspunkt der Ausstellung bilden zahlreiche Stimmen, die das damalige Geschehen von heute aus reflektieren und sich aus unterschiedlichen Perspektiven der Frage stellen, welche Bedeutung es für sie persönlich hat: Ärzte, Politiker, Vertreter von Selbsthilfeverbänden, Angehörige von Opfern, Pflegepersonal, Vertreter der Gesundheitsverwaltung und andere.

Zwangssterilisierte, Überlebende der Mordanstalten und Angehörige ermordeter Patienten fanden nach 1945 wenig gesellschaftliche Unterstützung. Erst in den 1980er-Jahren begann die öffentliche Erinnerung an diese Opfer.  

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