Mediziner fordern Politik zum Handeln auf

Offener Brief gegen Fehlernährung

Insgesamt 13 Fachorganisationen unterstützen eine Unterschriftenaktion an die künftige Bundesregierung – darin fordern Ärzte und Zahnärzte eine effektive Prävention nichtübertragbarer chronischer Krankheiten.

Freiwillige Vereinbarungen mit der Lebensmittelindustrie sind ein Irrweg, erklären die Autoren und fordern Mediziner dazu auf, sich an der Unterschriftenaktion zu beteiligen. zm/nb

Ärzte und Zahnärzte sowie medizinisches Fachpersonal sind aufgerufen, sich dem gemeinsamen Appell unter www.aerzte-gegen-fehlernaehrung.de anzuschließen. Mehr als ein Dutzend Ärzteverbände und Fachgesellschaften - darunter die Bundeszahnärztekammer - unterstützen die Unterschriftenaktion.

Darin fordern sie von der Bundespolitik vier konkrete Maßnahmen gegen Fehlernährung:

  • eine verständliche Lebensmittelkennzeichnung in Form einer Nährwert-Ampel,
  • verbindliche Standards für die Schul- und Kitaverpflegung,
  • Beschränkungen der an Kinder gerichteten Lebensmittelwerbung
  • sowie steuerliche Anreize für die Lebensmittelindustrie, gesündere Rezepturen zu entwickeln.

„Wesentliche Erkrankungen in der Zahnmedizin – wie die Volkskrankheit Karies – sind durch Fehlernährung mitbedingt", erklärt Prof. Dietmar Österreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer. "Kohlenhydrate, vor allem Zucker, spielen dabei eine zentrale Rolle. Es ist dringend notwendig, gerade bei der Ernährung von Kindern die richtigen Anreize zu setzen.“

"Eine aktive medizinische Community ist entscheidend, um die politischen Entscheidungsträger zu überzeugen"

Die Unterschriftenaktion hatten der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und die Verbraucherorganisation foodwatch gestartet.

Mittlerweile haben sich dem Appell zehn weitere Verbände angeschlossen: die Bundeszahnärztekammer, die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin, die Deutsche Adipositas Gesellschaft, die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie, die Deutsche Herzstiftung, die Diakonie Deutschland, die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin, die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten, die Bundesvertretung der Medizinstudierenden und der Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe.

„Die Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen: Eine aktive medizinische Community ist entscheidend, um die politischen Entscheidungsträger zu überzeugen. Ärzteschaft, Fachverbände und Zivilgesellschaft müssen die Kräfte bündeln und klarmachen: Ohne das entscheidende Eingreifen der Politik können wir die Adipositas- und Diabetes-Epidemie nicht stoppen. Deshalb rufen wir alle Ärztinnen und Ärzte auf, den offenen Brief an die Politik zu unterzeichnen“, sagte der Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft, Prof. Dirk Müller-Wieland.

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Laut dem Robert Koch-Institut sind 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen von drei bis 17 Jahren übergewichtig oder adipös. Im Vergleich zu den 1980er- und 1990er-Jahren hat der Anteil übergewichtiger Kinder damit um 50 Prozent zugenommen, der Anteil adipöser Kinder hat sich sogar verdoppelt.

Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich bei Erwachsenen, wo heute 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen als übergewichtig oder adipös gelten. Besorgniserregend sind auch die Zahlen bei Diabetes-Erkrankungen: In Deutschland leben derzeit 6,7 Millionen Menschen mit Diabetes – eine Steigerung um etwa 38 Prozent seit Beginn des Jahrtausends, altersbereinigt um etwa 24 Prozent.

Freiwillige Vereinbarungen mit der Lebensmittelindustrie seien ein Irrweg, erklärten die Autoren des offenen Briefs. Das zeigten etwa die bislang wirkungslose Selbstverpflichtung von Herstellern, ihre an Kinder gerichtete Werbung einzuschränken sowie das Verhalten von Wirtschaftsakteuren in der Plattform für Ernährung und Bewegung. Der zu erwartende Effekt der von der Bundesregierung geplanten und auf Freiwilligkeit basierenden Strategie zur Reduktion von Zucker, Fett und Salz in Lebensmitteln sei deshalb gering.

http://www.aerzte-gegen-fehlernaehrung.de

35 Kilogramm Zucker essen die Deutschen pro Jahr und Kopf – mehr als doppelt so viel wie von der WHO empfohlen. Der Wert bildet jedoch nur den Konsum von Haushaltszucker ab. Hinzu kommt ein steigender Verbrauch von Mono- und Disacchariden, die Lebensmitteln zugesetzt werden – und zunehmend zum Problem werden.

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