Ärztegewerkschaft kritisiert MVZ-isierung

"Praxen dürfen nicht zu Rendite- oder Spekulationsobjekten verkommen!"

Der Marburger Bund Landesverband Nordrhein-Westfalen/Rheinland-Pfalz hat vor der zunehmenden Industrialisierung des deutschen Gesundheitswesens gewarnt. Der Gesetzgeber müsse Praxenketten von Investoren verhindern.

"Zunehmend bestimmen ökonomische Grundsätze die medizinische Versorgung unserer Patienten", kritisiert der Marburger Bund Landesverband Nordrhein-Westfalen/Rheinland-Pfalz. Fotolia - I Believe I Can Fly

Von einem "besorgniserregenden Paradigmenwechsel" spricht Dr. Hans-Albert Gehle, erster Vorsitzender des Marburger Bundes Nordrhein-Westfalen/Rheinland-Pfalz: Was bei Radiologen, Laboren und mit Dialysezentren begann, sei längst von Kapitalgebern auf andere medizinische Fachgebiete ausgeweitet worden: "Hier entstehen Praxenketten, die mittlerweile auch die nötigen Zuweiserpraxen - etwa Orthopäden oder Internisten - aufkaufen, um so ihre Rendite und Profitabilität noch weiter zu erhöhen. Wir reden hier über regelrechte Konzernstrukturen mit insgesamt 200 bis 250 Praxen", warnt Gehle.

MVZ und Z-MVZ in Zahlen

Im Jahr 2004 wurde die Kooperationsform Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) in die Versorgungslandschaft eingeführt - seitdem steig ihre Anzahl laut einer Erhebung der Kassenärztlichen Bundesvereinigun (KBV) auf 2.490 im Jahr 2016 gestiegen (Stichtag 31.12.2016).

Von diesen insgesamt 2.490 MVZ befinden sich 1.120 MVZ in Trägerschaft von Vertragsärzten (43 Prozent), 1.010 in Trägerschaft von Krankenhäusern (38,8 Prozent) und 474 MVZ in Trägerschaft eines "sonstigen Trägers" (18,2 Prozent). Darunter versteht die KBV Heil- oder Hilfsmittelerbringer, Leistungserbringer von häuslicher Krankenpflege oder Vorsorge-/Rehaeinrichtungen. (Anmerkung: Die Summe der MVZ nach Trägerschaft entspricht nicht der Summe aller MVZ insgesamt, da ein MVZ, das in Trägerschaft sowohl von sowohl Krankenhaus als auch Vertragsärzten betrieben wird, in der Statistik der KBV zweimal gezählt wird.)

Laut KBV gründen sich MVZ sowohl in städtischen als auch ländlichen Gebieten - allerdings lässt sich die Mehrzahl der MVZ in Kernstädten (47,5 Prozent) sowie Ober- und Mittelzentren (39 Prozent) nieder. In ländlichen Gemeinden finden sich nur 13,5 Prozent der MVZ.

Und die Lage bei den Zahnmedizinischen Versorgungszentren (Z-MVZ)? Die KZBV hat jetzt erstmals die Zahlen erhoben, wie viele Z-MVZ von Fremdinvestoren gegründet wurden: Den aktuellen KZBV-Zahlen zufolge sind über 50 Prozent der circa 580 Z-MVZ in Deutschland in Ketten organisiert, seit 2017 haben sieben große Kapitalinvestoren mit 85 Milliarden Euro im Rücken den deutschen Dentalmarkt für sich entdeckt (siehe unten "MVZ: Strategien gegen den Ausverkauf")

KZBV-Vertreterversammlung in Köln

Medizinische Versorgungszentren – kurz MVZ – sind das Thema der Stunde: Ausländische Kapitalgeber kaufen sich ein, Ziel ist das große Geld, Unterversorgung das Ergebnis.

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Dieser Industrialisierungsprozess im Gesundheitswesen verlaufe schleichend: "Das ist bisher von der Politik noch gar nicht wahrgenommen worden", sagt Gehle. "Wenn sie jetzt nicht reagiert, verlieren wir Ärztinnen und Ärzte in relativ kurzer Zeit, nicht nur die kostbaren Möglichkeiten, unsere Patienten nach dem besten medizinischen Wissen verantwortungsvoll zu behandeln, sondern wir werden erleben, wie im Gesundheitswesen Versichertenbeiträge von Investoren so massiv entnommen werden, dass die Beiträge letztendlich erhöht werden müssen. Am Ende werden die Kosten des Gesundheitssystems erheblich weiter steigen und die gewohnte Versorgungsqualität sinken."
Klausurtagung der Bundeszahnärztekammer

Seit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz 2015 steigt die Zahl arztgruppengleicher MVZ rasant an. Inzwischen wird in Deutschland alle 36 Stunden ein neues zahnärztliches MVZ gegründet.

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Kliniken und Praxen dürften nicht zu Rendite- oder Spekulationsobjekten verkommen, betont Gehle: "Renditebestrebungen sind im deutschen Gesundheitswesen ethisch nicht verantwortbar. Mit Praxenketten werden Gewinne aus einem solidarisch finanzierten Krankenversicherungssystem regelrecht abgeschöpft."

"Kliniken und Praxen dürfen nicht zu Rendite- oder Spekulationsobjekten verkommen!"

Der Marburger Bund Landesverband Nordrhein-Westfalen/Rheinland-Pfalz fordert die Gesetzgeber in Land und Bund auf, mithilfe von Ergänzungen des Heilberufsgesetzes und des SGB V "diese kommerziellen Entwicklungen umgehend zu stoppen".

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