Pilotstudie: Mehr Sicherheit durch Patientenbriefe

Befunde in leicht verständlicher Sprache für alle

Patientenbriefe wirken: Sie verbessern das Verständnis ärztlicher Informationen und stärken die Gesundheitskompetenz von Patienten. Das ergab eine Studie, die vom Bundesgesundheitsministerium präsentiert wurde.

Das Pilotprojekt bestätigte: Der Patientenbrief führt zu einem besseren Verständnis der Untersuchungsergebnisse - die Patienten verstehen durch den Brief die Indikationen und Einnahmevorschriften von Medikamenten besser. Adobe Stock/thodonal

Dank eines Patientenbriefs verstehen Patienten ihre Diagnosen besser, sie gewinnen mehr Sicherheit im Umgang mit Erkrankungen und Behandlungen. Außerdem trägt der Brief dazu bei, die Lücke zwischen stationärem und ambulantem Sektor zu schließen. Die ergab eine Pilotstudie, die auf einer Veranstaltung des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) am 14. Juni in der Hörsaalruine der Berliner Charité vorgestellt wurde.

Wie genau Patientenbriefe wirken, stellte Ansgar Jonietz, Geschäftsführer der Dresdner Was hab ich? gGmbH einem Fachpublikum vor. Der Ausgangspunkt: Die niedrige Gesundheitskompetenz in Deutschland. Die Folge: diese Patienten werden häufiger nach der Entlassung aus dem Krankenhaus wieder eingewiesen und nutzen die Notfallversorgung häufiger. Ein Lösungsansatz: die Bereitstellung von verständlichen, zielgruppengerechten Informationen, etwa in Form von Patientenbriefen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus.

Was hab ich?

Die Was hab ich? gGmbH setzt sich seit 2011 dafür ein, medizinische Befunde patientengerecht verständlich zu machen. Der Informatiker Ansgar Jonietz und zwei Medizinstudierende gründeten die Webseite www.washabich.de und übersetzen seitdem mit ehrenamtlich tätigen Medizinern ärztliche Befunde in leicht verständlicher Sprache.

Das Interesse von Patienten an dieser Einrichtung war von Anfang an enorm: Bis heute wurden kostenlos mehr als 40.000 ärztliche Befunde für Patienten übersetzt. Über 2.000 Medizinstudierende und Ärzte haben sich seitdem ehrenamtlich bei Was hab ich engagiert. Das Studentenprojekt ist inzwischen ein erfolgreich arbeitendes Sozialunternehmen. Ziel aller dort umgesetzten Projekte ist es, hochwertige Gesundheitsinformationen verständlich zu vermitteln.

Auch für die teilnehmenden Ärzte und Studierende ergibt sich ein Benefit: Sie erhalten eine Kommunikationsausbildung, die ihnen die verständliche Kommunikation auf Augenhöhe mit den Patienten vermittelt. Seit 2014 gibt es die Ausbildung auch als Wahlfach, seit Mai 2019 ist sie CME-zertifiziert.

Unstrukturiert, ungenau, fehlerhaft

Klinische Entlassungsbriefe sind häufig unstrukturiert, fehlerhaft - für weiterbehandelnde Hausärzte sind die Informationen oft missverständlich, wie eine DüsseldorferStudie zur Qualität von Arztbriefen ergab.

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Diese Idee griff die Pilotstudie in Bad Ems auf: Jeder Patient braucht anstatt des fachsprachlichen Arztbriefes einen verständlichen Patientenbrief nach dem Krankenhausaufenthalt. Es entstand ein Brief mit Informationen zu den vorliegenden Erkrankungen, durchgeführten Untersuchungen, dem Medikamentenplan sowie zu gesundheitsförderlichem Verhalten nach der Entlassung. Von 2015 bis 2018 erhielten 2.500 Patienten erstmals Briefe nach ihrem Krankenhausaufenthalt.

Zur effizienten Erstellung der Briefe wurde zunächst ein IT-System konzipiert. Textbausteine, die von hauptamtlich bei Was hab ich-Ärzten mit Erfahrung im Schreiben laienverständlicher Texte erstellt wurden, dienten als Grundlage. Im Projektverlauf wurden über 3.000 Textbausteine erstellt, darunter Texte zu Diagnosen, Untersuchungsverfahren, Medikamenten und Behandlungsempfehlungen. Jeder Baustein konnte durch verschiedene Parameter individualisiert werden. Für den Medikationsplan wurde für jede Wirkstoffkombination ein Baustein erstellt. Die Medikamentenbausteine waren mit den verwendeten Markennamen der Medikamente verknüpft und enthielten Informationen zu Einzeldosierungen. Datenschutz und Verschlüsselung von Daten wurden gewährleistet. Der Brief wurde den Patienten als farbige DIN A4-Broschüre ausgehändigt, und zwar per Post im Namen der Klinik durch Was hab ich.

Ergebnisse der Pilotstudie:

•    Die Teilnehmer der Studie waren im Durchschnitt 71 Jahre alt und hatten einen mittelmäßigen bis schlechten Gesundheitszustand.
•    79 Prozent erinnerten sich an gar kein oder nur an ein kurzes Entlassungsgespräch.
•    Der Patientenbrief führt zu einem besseren Verständnis der Untersuchungsergebnisse.
•    Patienten verstehen durch den Brief die Indikationen und Einnahmevorschriften von Medikamenten besser.
•    Patienten, die einen solchen Brief erhalten, fühlen sich im Krankenhaus rücksichtsvoller behandelt, bei der Entlassung besser unterstützt und empfehlen die Klinik häufiger weiter.
•    Die Briefe werden von fast allen Patienten und in vielen Fällen auch von Angehörigen gelesen.
•    Patienten verstehen Zusammenhänge besser, nehmen Medikamente korrekter ein und können nach dem Krankenhausaufenthalt bewusster mit ihrer Krankheit umgehen.
•    Die Compliance wird verstärkt.

Vorstellung der Patientenbrief-Pilotstudie in der Hörsaalruine der Berliner Charité | zm/pr

Während in der Pilotstudie die Briefe noch manuell durch Ärzte erstellt wurden, arbeitet Was hab ich inzwischen an einer komplett automatisch erstellbaren Variante der Patientenbriefe. Sie sollen als Standard ins Entlassmanagement integriert werden. Ziel ist eine massentaugliche und kostengünstige Lösung für den deutschlandweiten Einsatz. ICD- und OPS-Codierungen oder Medikamentenpläne sollen integriert werden. 21.500 ICD- und OPS-Codes mit leicht verständlichen Textbausteinen können bereits erläutert werden. Seit Juni 2019 erhalten Patienten im Herzzentrum Dresden die ersten vollständig automatisierten Patientenbriefe. Das Projekt wurde vom Innovationsfonds der Bundesregierung gefördert und wissenschaftlich evaluiert. Die Ausdehnung auf weitere Kliniken ist geplant.

Weitere Anwendungsmöglichkeiten für die Briefe sind: Übertragung auf den ambulanten Sektor, Brief in Fremdsprachen, digitale Varianten oder Versionen für weitere Zielgruppen (Angehörige, Kinder, Eltern).
Seit der Erarbeitung des Patientenrechtegesetzte steht ein verpflichtender Patientenbrief immer wieder im Fokus politischer Diskussionen. Auch bei der 91. Gesundheitsministerkonferenz-Konferenz 2018 wurde ein solcher gefordert. Zwar ist eine Initiative von mehreren Bundesländern, nach der im Anschluss an jede ärztliche Behandlung ein Patientenbrief erstellt werden sollte, kürzlich im Bundesrat gescheitert.

Bundesrat berät über Initiative zur Patientenorientierung

Ein Antrag auf mehr Patientenorientierung ist im Bundesrat gescheitert. Damit ist auch das Ansinnen vom Tisch, nach jeder Behandlung einen Patientenbrief einzuführen. Die Begründung: zu viel Bürokratieaufwand!

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Thomas Gebhart, parlamentarischer Staatssekretär im BMG | zm/pr

Dennoch: Für das BMG steht das Thema Patientensicherheit ganz vorne auf der Agenda, wie der parlamentarische Staatsekretär im BG, Thomas Gebhart, auf der Tagung in der Charité betonte. Patientenorientierung ist für ihn das Leitbild im Gesundheitswesen. Jeder Einschnitt in die Patientensicherheit hat nicht nur persönliches Leid zur Folge, auch die ökonomischen Konsequenzen für das Gesundheitswesen werden immer deutlicher, erklärte er. Deshalb verspricht sich Gebhardt auch viel von der Digitalisierung und der elektronischen Patientenakte. Sie wird seiner Ansicht nach helfen können, dass Informationen nicht verloren gehen.

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