US-Längsschnittstudie

SARS-CoV-2: So hoch ist das Infektionsrisiko für Zahnärzte in den USA!

In den USA haben Forscher in einer ersten repräsentativen Längsschnittstudie untersucht, ob Zahnärzte in der Praxis einem höheren Risiko ausgesetzt sind, an SARS-CoV-2 zu erkranken: Die geschätzte Prävalenz von bestätigten oder wahrscheinlichen COVID-19-Fällen betrug 0,9 Prozent. Dies entspricht 20 Personen, von denen sich 5 sicher im privaten Umfeld infiziert hatten. Bei den 15 anderen wurde der Infektionsort nicht bestimmt.

Das Corona-Infektionsrisiko in Zahnarztpraxen ist aufgrund der hohen Hygienestandards niedrig, nichtklinische Aktivitäten stellen der Studie zufolge möglicherweise die größten Gefahren für Zahnärzte dar. Adobe Stock_Ingo Bartussek

Insgesamt 2.195 US-Zahnärzte in privater Praxis oder im öffentlichen Gesundheitswesen aus allen 50 Bundesstaaten und Puerto Rico nahmen an der webbasierten Umfrage vom 8. Juni bis 12. Juni 2020 teil, die in der Novemberausgabe des Journal of American Dental Association (JADA) veröffentlicht wird. Die Rücklaufquote lag bei 40,1 Prozent.

Die meisten Befragten waren Allgemeinzahnärzte

Das mittlere Alter betrug 54 Jahre, die gesamte Altersspanne 27 bis 84 Jahre. Die meisten Befragten waren Männer (59,9 Prozent), nicht-spanisch-weiß (79,2 Prozent), niedergelassen (96,6 Prozent) und mit Schwerpunkt allgemeine Zahnmedizin (83,6 Prozent). Ungefähr ein Viertel der Befragten (24,4 Prozent, n = 536) hatte mindestens eine Erkrankung, die mit einem höheren Risiko für die Entwicklung eines schweren COVID-19-Verlaufs verbunden ist.

Hintergrund

Als im frühen Stadium der Pandemie die ersten Informationen zur Übertragung des neuartigen Coronavirus auftauchten, stand auch in den USA die Sorge im Raum, ob die Zahnarztpraxis nun ein gefährlicher Ort sei. Die Frage war, ob bei bestimmten Behandlungen aufgrund der freigesetzten Aerosole das Risiko besteht, dass das Virus von Patient zu Behandler und von Patient übertragen wird.

In Wuhan hatten sich an der Schule und am Krankenhaus für Stomatologie der Universität 9 (3 Zahnärzte, 3 ZFAs, 2 Verwaltungsmitarbeiterinnen und ein postgradualer Student) von 1.098 Mitarbeitern mit COVID-19 angesteckt, 3 davon im privaten Umfeld und 6 vielleicht bei der Arbeit.

Bereits im März 2020 hatte das Journal of Dental Research Richtlinien zur Infektionskontrolle veröffentlicht, die von den Zahnärzten der Universität Wuhan angewandt wurden, und im April und Mai 2020 veröffentlichten die American Dental Association (ADA) und die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) vorläufige Leitlinien zu Infektionskontrollprotokollen und Praxishygiene.

Anfänglich galt die Empfehlung elektive Eingriffe zu verschieben, inzwischen formuliert ADA-Präsident Dr. Chad Gehani, unmissverständlich: „Dentistry is essential health care […]. Millions of patients have safely visited their dentists in the past few months for the full range of dental services."

Die häufigsten Erkrankungen waren Asthma (7,3 Prozent) und Adipositas (7,6 Prozent). Im Vergleich zu allen in den Vereinigten Staaten zugelassenen Zahnärzten in privater Praxis oder im öffentlichen Gesundheitswesen war ein größerer Anteil der Befragten im Alter von 40 bis 69 Jahren, weniger waren 39 Jahre oder jünger beziehungsweise 70 Jahre oder älter.

Die Zahnärzte wurden gefragt, ob sie im Monat vor der Umfrage unter Kranheitssymptomen litten, unabhängig davon, ob sie der Meinung waren, dass diese mit COVID-19 zusammenhingen. Insgesamt 82,2 Prozent (n = 1.805) gaben an, dass sie im vergangenen Monat keinerlei Krankheitsanzeichen hatten.

Das am häufigsten auftretende Symptom waren Kopfschmerzen (9,0 Prozent, n = 197). In den zwei Wochen vor der Umfrage fühlten 33,9 Prozent eine leichte psychische Belastung; 8,6 Prozent hatten schwere depressive Symptome - ein signifikant geringer Anteil im Vergleich zur US-Gesamtbevölkerung (24,3 Prozent). Bei 414 Zahnärzten (19,5 Prozent) deuteten die Werte auf eine potenzielle generalisierte Angststörung - ebenfalls ein signifikant niedrigerer Anteil als in der Allgemeinbevölkerung (25,5 Prozent).

Nur wenige Zahnärzte waren in ihrer Freizeit viel unterwegs

Das Gros der Zahnärzte (81,6 Prozent) traf sich im Befragungszeitraum vom 8. Mai bis 12. Juni 2020 persönlich mit jemandem außerhalb ihres Haushalts. Nur wenige Zahnärzte gaben jedoch an, dass sie in Gruppen zusammengekommen waren, an öffentlichen Veranstaltungen teilnahmen oder gemeinsam mit anderen Personen weggefahren sind. Nur wenige (4,6 Prozent) glaubten, mit einem vermuteten oder bestätigten COVID-19-Erkrankten in Kontakt gestanden zu haben. Von den Befragten, die über einen solchen Kontakt berichteten, mutmaßten die meisten (53,0 Prozent, n = 53), dass es sich bei der Person um einen Zahnpatient handele, weitere 20,0 Prozent glaubten, es sei jemand, mit dem sie zusammengearbeitet hatten.

Infektionskontrolle in den Praxen

In dem Studienzeitraum leisteten 91,1 Prozent der Zahnärzte (n = 1.999) Notfalldienst und 80,1 Prozent (n = 1.758) eine elektive Mundgesundheitsversorgung. Von den 2.042 Zahnärzten, die in dem Monat am Stuhl arbeiteten, führten 92,8 Prozent (n = 1.892) Behandlungen durch, die Aerosole freisetzen.

Dabei gaben 99,7 Prozent der Zahnärzte an (n = 2.189), in dem Monat verstärkt Maßnahmen zur Prävention und zur Eindämmung von Infektionen umgesetzt zu haben. Nahezu alle hatten demnach sämtliche häufig berührten Geräte und Oberflächen desinfiziert, die Temperatur des Personals und der Patienten überprüft, die Patienten auf COVID-19 untersucht, den Abstand zwischen den Patienten während der Wartezeit vergrößert und dem Personal Gesichtsmasken zur Verfügung gestellt.

Die häufigsten zusätzlichen Maßnahmen zur Infektionskontrolle waren die Maskierung des Personals (99,1 Prozent) und die Desinfektion des OP-Bereichs zwischen den Terminen (99,1 Prozent). Nicht ganz so häufig waren Infektionsbekämpfungsmaßnahmen in Form von Umbauten der Praxis (85,2 Prozent) oder der Bereitstellung von Gesichtsmasken für Patienten (75,9 Prozent). Allerdings forderten einige Praxen ihre Patienten auf, eigene Masken mitzubringen. Bei 12 Prozent (n = 51) der Zahnärzte wurden vor der Behandlung Mundspülungen durchgeführt, vier Prozent (n = 17) nutzten extraorale Absaugvorrichtungen bei zahnärztlichen Eingriffen.

Fast alle Zahnärzte verwendeten PSA

Insgesamt 99,6 Prozent der Zahnärzte (n = 2.034) verwendete PSA während der Behandlung. Auch für zahnärztliche Verfahren, bei denen keine Aerosole zu erwarten sind, empfahl die vorläufige Leitlinie des Centers for Disease Control and Prevention (CDC) chirurgische Masken und grundlegende klinische PSA, einschließlich Augenschutz. Von den 146 Zahnärzten, die keine Aerosol-bildenden Behandlungen durchgeführt hatten, trugen 82,9 Prozent (n = 121) immer Masken, klinische PSA und Augenschutz.

Für eine Aerosol-freisetzende Behandlung von gesunden Patienten wird in den vorläufigen Leitlinien die Verwendung einer angepassten N95-Maske oder einer gleichwertigen Maske und grundlegender klinischer PSA, einschließlich Augenschutz, empfohlen. Wenn keine N95- oder gleichwertige Masken verfügbar sind, wird geraten, die höchste verfügbare chirurgische Gesichtsmaske und einen Vollgesichtsschutz zu tragen. Insgesamt verwendeten 72,8 Prozent (n = 1.486) der befragten Zahnärzte die PSA gemäß den vorläufigen Leitlinien der CDC. 

Maskenwechsel bei knappen Ressourcen

In der Zeit waren die Vorräte an PSA begrenzt, insbesondere N95- oder gleichwertige Masken wurden knapp. Einige Befragte (17,6 Prozent, n = 355) gaben an, die Masken zwischen den Patienten zu wechseln. Häufiger wechselten sie die Masken zwischen mehreren Patienten (20,2 Prozent, n = 407), täglich (34,2 Prozent, n = 689), wöchentlich (7,7 Prozent, n = 155) oder nur bei Verschmutzung oder Beschädigung (20,2 Prozent, n = 407). Die Zahnärzte schrieben auch, dass sie mehrere Masken gleichzeitig verwendeten, wobei sie chirurgische Masken über N95 oder gleichwertigen Masken trugen und die chirurgischen Masken häufiger ersetzten.

COVID-19-Tests bei Zahnärzten

Von den Zahnärzten gaben 355 (16,6 Prozent) an, dass sie mit mindestens mit einem Testtyp auf SARS-CoV-2 getestet wurden. 51 (2,3 Prozent) wurden mit zwei Testtypen getestet - 50 (2,3 Prozent) mit Blutprobe und Nasen- oder Rachenabstrichen und einer (0,05 Prozent) mit Speichel und Nasen- oder Rachenabstrichen.

Insgesamt wurden 244 Befragte (11,1 Prozent) mit einem Nasen- oder Rachenabstrich getestet, von denen 9 (3,7 Prozent) positiv getestet wurden. 156 Befragte (7,1 Prozent) wurden mit einer Blutprobe getestet, und 4 (2,7 Prozent) hatten ein positives Ergebnis. Sechs Befragte (0,3 Prozent) wurden mit einer Speichelprobe getestet, keiner hatte ein positives Ergebnis.

Da Tests während dieser Zeit nicht allgemein verfügbar waren, wurde auch gefragt, ob die Zahnärzte die Diagnose einer wahrscheinlichen COVID-19-Infektion erhalten hatten - 7 (0,3 Prozent) hatten sie bekommen. 20 Zahnärzte (0,9 Prozent) hatten entweder bestätigt oder wahrscheinlich COVID-19.

Die geschätzte Prävalenz betrug 0,9 Prozent

Die geschätzte Prävalenz von bestätigten oder wahrscheinlichen COVID-19-Fällen unter den Zahnärzten betrug 0,9 Prozent (95 Prozent Konfidenzintervall, 0,5 bis 1,5), gewichtet nach Alter und Standort der zugelassenen Privatpraxis und der Zahnärzte des öffentlichen Gesundheitswesens auf Bundesebene. Die wahrscheinliche Übertragungsquelle von SARS-CoV-2 wurde durch Kontaktverfolgung über eine Gesundheitsbehörde oder Klinik in nur 5 Fällen ermittelt, in keinem dieser Fälle war die Zahnarztpraxis die Übertragungsquelle.

Beim Vergleich der Daten mit und ohne bestätigter oder wahrscheinlicher Infektion gab es keine statistisch signifikanten Unterschiede hinsichtlich Alter, Geschlecht, Rasse oder ethnischer Zugehörigkeit, zugrunde liegender Krankheit, Art der Zahnarztpraxis, Fachgebiet oder Abteilung des US Census Büros. Die Analyse schloss dabei ausdrücklich die COVID-19-Fälle aus, die nur mit Antikörpertests bestätigt wurden. Es gab jedoch einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen Antigenen oder viral bestätigten oder vermuteten COVID-19-Fällen und dem vom Patienten gemeldeten immungeschwächten Status. Konkret waren 0,9 Prozent (n = 17) der COVID-19-negativen Zahnärzte immungeschwächt, verglichen mit 6,3 Prozent (n = 1) der COVID-19-positiven Zahnärzte.

Diskussion

Am 29. Juni lag das Patientenaufkommen in US-Zahnarztpraxen den Autoren zufolge landesweit bei etwa 70 Prozent im Vergleich zum Niveau vor COVID-19 – seitdem ist es stetig gewachsen. Die Verwendung von Einwegprodukten für die PSA und zur Infektionskontrolle könnte mit zunehmendem Patientenandrang steigen, was zu einer Mittelverknappung führen könnte. 

Grenzen der Stichprobe

"Die Stichprobe ist repräsentativ für US-Zahnärzte", schreiben die Autoren. Allerdings seien diesen Ergebnissen Grenzen gesetzt. So könnte die Umfrage einem Selektionsbias unterliegen, was zu einer Unterschätzung der Prävalenz oder des Schweregrads von COVID-19 führen könnte, weil beispielsweise Zahnärzte, die an COVID-19 gestorben sind oder mit COVID-19 ins Krankenhaus eingeliefert wurden, nicht oder mit geringerer Wahrscheinlichkeit teilnehmen konnten.

Es sei zudem möglich, dass die Befragten nur begrenzten Zugang zu COVID-19-Tests hatten und Infektionen nicht diagnostiziert wurden. Darüber hinaus seien diese Befunde nur so genau wie die COVID-19-Tests und -Diagnosen selbst, die mit falsch-negativen und falsch-positiven Ergebnissen verbunden sein können.

Es sei auch wahrscheinlich, dass die Befragten über ein höheres Maß an sozialer Distanzierung und die Einhaltung der Infektionsprävention und -kontrolle berichteten, was auf Verzerrungen in Bezug auf die soziale Erwünschtheit zurückzuführen sei.

In dieser Stichprobe wurden 15 Zahnärzte zu einem Zeitpunkt positiv getestet, als 95 Prozent der US-Zahnarztpraxen geschlossen wurden oder nur noch orale Notfallversorgung erbrachten.

"Wir haben versucht, anhand von Berichten über die Ermittlung von Kontaktpersonen und den Zeitpunkt der Infektion zu ermitteln, ob Zahnärzte aufgrund ihrer Tätigkeit in der Zahnarztpraxis einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sind", bilanzieren die Autoren. Die wahrscheinliche Infektionsquelle wurde aber für die meisten erkrankten Zahnärzte in dieser Stichprobe nicht identifiziert (75,0 Prozent, n = 15); für den Rest deutete die Ermittlung von Kontaktpersonen auf eine Übertragung in der Gesellschaft hin. Es sei daher zu beachten, dass die Ausbreitung der Krankheit während nichtklinischer Tätigkeiten innerhalb der Zahnarztpraxis ebenfalls ein potenzieller Übertragungsweg ist und sondiert werden sollte.

Fazit der Autoren

Nach dem Wissen der Autoren ist dies die erste Studie, die die Prävalenz von COVID-19 bei US-Zahnärzten schätzt. Für diese Stichprobe betrug die gewichtete Prävalenz von COVID-19 0,9 Prozent. Dies entspricht in etwa den Infektionsraten, die in den Niederlanden bei Beschäftigten des Gesundheitswesens gemeldet wurden (0,9 Prozent) und China (1,1 Prozent).

Zahnärzte hätten als Reaktion auf COVID-19 ihre Verfahren zur Infektionskontrolle verbessert und könnten von einer größeren Verfügbarkeit von persönlicher Schutzausrüstung profitieren.

Von den getesteten Atemwegsproben hatten 3,7 Prozent der Zahnärzte positive Ergebnisse. Diese Raten sprechen den Forschern zufolge dafür, dass die Anwendung der von der CDC empfohlenen Verfahren zur Prävention und Eindämmung von Infektionen in Zahnarztpraxen dazu beiträgt, das Infektionsrisiko während der oralen Gesundheitsversorgung zu verringern. Nichtklinische Aktivitäten stellen demnach möglicherweise die größten Risiken für Zahnärzte dar.

Cameron G. Estrich, Matthew Mikkelsen, Rachel Morrissey, Maria L. Geisinger, Effie Ioannidou, Marko Vujicic, Marcelo W.B. Araujo, COVID-19 prevalence and infectioncontrol practices among US dentists, in JADA, Volume 151, ISSUE 11, P815-824, November 01, 2020, DOI:https://doi.org/10.1016/j.adaj.2020.09.005

Das neu identifizierte Coronavirus SARS-CoV-2 verursacht die "Corona virus disease 2019" (Covid-19) und ist Auslöser der COVID-19-Pandemie.

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