Mediation bei Scheidungen

Sich trennen wie die Profis

Susanne Theisen
Praxis
Zerbricht eine Ehe, fällt die Kommunikation schwer. Wie eine Mediation dabei helfen kann, die Trennung trotz Enttäuschung und Wut gut zu regeln – unter anderem, wenn es um eine gemeinsame Praxis geht – erklärt die Berliner Rechtsanwältin und Mediatorin Anette Gnandt im Interview mit zm-online.

Frau Gnandt, warum sind Sie Mediatorin geworden?

Anette Gnandt: Ich habe als Rechtsanwältin viele Scheidungen betreut und dabei eine Sache gelernt: Die Geschichte von zwei Menschen, die gemeinsam gelebt haben, ist immer komplex. Ein Gerichtsverfahren kann dem nicht wirklich gerecht werden. Vor Gericht geht es vorrangig darum, Ansprüche festzustellen. In einem Verfahren heißt es am Ende also immer Ja oder Nein. Eine Mediation bietet viel flexiblere Möglichkeiten, zu einem Ergebnis zu kommen.

Sind diese Ergebnisse aus Ihrer Erfahrung besser?

Es kommt darauf an, was sich die Parteien wünschen. Wenn man zum Beispiel gemeinsame Kinder hat oder gemeinsam ein Unternehmen führt, ist die Motivation groß, zu einem für alle Beteiligten bestmöglichen Ergebnis zu kommen und die Beziehung auf eine neue Grundlage zu stellen.


Eine Mediation verschafft den Ex-Partnern Raum und Zeit auszuloten, welche Lösung zu ihrem Leben – ihrer Jobsituation, ihrem sozialen Umfeld, ihren Zukunftsvorstellungen etc. – passt. In diesen Fällen ist die Mediation dem Gerichtsverfahren meist überlegen.

Wie würden Sie das Ziel einer Trennungsmediation in diesem Sinne beschreiben?

Es geht darum, gemeinsam getrennte Wege gehen zu können. Die Ex-Partner sollen einen Abschluss für ihre Beziehung finden, der es ihnen ermöglicht, gut weiterzuleben. Das ist vor allen Dingen von Vorteil, wenn die Beziehung nach der Scheidung weitergehen soll – zum Beispiel als Eltern oder als Partner in einem gemeinsamen Unternehmen wie einer zahnärztlichen Praxis. Für mich als Anwältin und Mediatorin bedeutet das: Am Ende sollte eine Vereinbarung getroffen werden, die juristisch Hand und Fuß hat, die aber nicht im Austausch der Anwälte und Anwältinnen, sondern von den Medianden selbst erarbeitet wurde.

Wie läuft eine Mediation ab?

Sie ist ein strukturiertes Verfahren mit insgesamt fünf Phasen. Phase eins ist die Eröffnung. Hier werden die Regeln der Zusammenarbeit festgelegt. Die Gerichtsverfahren ruhen in dieser Zeit und man stimmt zu, alle für eine Lösung wichtigen Unterlagen wie Steuerbescheide oder Geschäftsberichte offenzulegen. Anschließend werden in Phase zwei die Themen beziehungsweise Streitpunkte festgelegt, um die es gehen soll.

Dann geht es also ans Eingemachte.

So könnte man sagen. Dann startet Phase drei, die sogenannte Konflikterhellung. In dieser Phase beschäftigen sich die Ex-Partner vertieft mit einzelnen Konfliktthemen. Beide bekommen die gleiche Redezeit, um ihren Standpunkt zu erläutern. In dieser Zeit hat der oder die Andere Sendepause. Das ist nicht leicht auszuhalten und würde ohne die Mediation meist gar nicht funktionieren. Die Paare hören sich durch die Unterstützung eines Mediators oft zum ersten Mal richtig zu.

Worauf achten Sie dabei besonders?

Als Mediatorin stelle ich sicher, dass beide sich richtig verstanden fühlen. Ich spiegle den Medianden deshalb im Anschluss, was sie gesagt haben und frage nach, ob ich das Gehörte richtig zusammengefasst habe. Allein dadurch, dass der andere Partner das Gesagte mit den Worten des Mediators hört, lassen sich manchmal schon viele Missverständnisse aufdecken. Und Teufelskreise durchbrechen. Als Mediatorin bin ich sozusagen ein Katalysator für die Kommunikation.

Das klingt nach einem anstrengenden Prozess.

Ja, beide Seiten werden gefordert, durch die Unterstützung des Mediators aber nicht allein gelassen. Man braucht vor diesem Prozess also keine Angst zu haben. Nach der Konflikterhellung ist es normal, dass viele Informationen und Emotionen verarbeitet werden müssen. Es macht daher Sinn, sich für diese Phase Zeit zu nehmen und Pausen zwischen den Sitzungen einzulegen. Diese Zeit nutzen die meisten, um nachzudenken.

Was ist der nächste Schritt?

Wenn jeder sich erklärt hat und Zeit zum Reflektieren war, gelingt oft ein Perspektivwechsel. Dann kehrt Entspannung ein. Im Idealfall erkennen die Medianden, dass der oder die Ex ihnen nichts Böses will, sondern die Situation einfach ganz anders empfunden hat. Auf dieser Basis starten wir in die vierte Phase, die Lösungsfindung. Ich fordere beide Seiten zum Beispiel zu einem Brainstorming auf und ermutige sie, Vorschläge auszusprechen, ohne sie sofort zu bewerten. Das setzt Energien und Phantasie frei und kann zu kreativen Lösungen führen.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Ein Konfliktpunkt, um den bei Scheidungen häufig erbittert gestritten wird, ist die gemeinsame Immobilie. Hier kann eine kreative Lösung sein, sie nicht sofort zu verkaufen, sondern erst einmal für ein paar Jahre zu vermieten. Wenn Kränkung und Wut sich gelegt haben, lässt sich wahrscheinlich ein Ergebnis erzielen, das für alle Beteiligten profitabler ist.

Wie sähe "kreativ" aus, wenn eine zahnärztliche Praxis im Spiel ist?

Für Paare, die in einem Betrieb wie einer Praxis zusammengearbeitet haben, ist der Finanzausgleich ein problematisches Thema. Vor allen Dingen, wenn einer weniger Einkommen aus diesem Unternehmen generiert hat als der andere. Das ruft Existenzängste auf den Plan: Der finanziell schlechter Gestellte hat häufig Angst, seinen oder ihren Lebensstandard nicht halten zu können, während der oder die finanziell Stärkere ebenfalls fürchtet, das letzte Hemd zu verlieren.

Eine Mediation kann helfen zu erkennen, dass alle im selben Boot sitzen. Eine Lösung könnte sein, nicht sofort Bestehendes zu zerschlagen und Riesensummen zu fordern und so etwa auch dauerhafte Unterhaltszahlungen zu gefährden, weil dadurch die Praxis in wirtschaftliche Not geraten kann.

Bei der Frage des Zugewinnausgleichs, also des Ausgleichs des während der Ehe erwirtschafteten Vermögens, geht es unter anderem darum, die Praxis korrekt zu bewerten. Sofern keine Einigung gefunden werden kann, muss dies über einen Sachverständigen geschehen.

Steht einem Ehepartner am Ende ein Zugewinnausgleich zu, könnte als kreative Lösung beispielsweise statt der Einmalzahlung des Zugewinnausgleichs vereinbart werden, die Summe ratenweise zu zahlen. Oder man einigt sich in Abwandlung dieser Idee darauf, dass diesem Ehepartner eine Ausbildung oder ein Studium finanziert wird. Solche Optionen hat man im Gefühlschaos, das eine Scheidung mit sich bringt, oft gar nicht auf dem Radar.

Bleibt noch die letzte Phase der Mediation. Was passiert hier?

In Phase fünf einigen sich die Medianden und die Ergebnisse werden in einer rechtssicheren Trennungs- und Scheidungsfolgenvereinbarung festgehalten.

Wie lange dauert der ganze Prozess aus Ihrer Erfahrung – und wer trägt die Kosten dafür?

Das kommt darauf an, wie die Trennung abgelaufen ist und wie es um das gegenseitige Vertrauen steht. In der Regel reichen fünf bis zehn Termine aus – mit Ausnahmen nach unten und oben. Es gibt Rechtsschutzversicherungen, die die Mediation übernehmen. Ansonsten zahlen das die Parteien selbst.

Bringt eine Mediation nur etwas, wenn man mit kühlem Kopf hineingeht?

In einer Mediation ist Platz für starke Emotionen wie Wut, Angst oder Verzweiflung. Wenn man mit starken Gefühlen auf etwas reagiert, steckt dahinter eigentlich immer ein deutlich zu kurz gekommenes Bedürfnis. Das gilt es, in der Mediation herauszuarbeiten. Dann kann besprochen werden, ob dieses Bedürfnis gestillt werden kann oder nicht. Und ob man es schafft, sich damit abzufinden. Mediation ist ein Weg, rationaler über seine Bedürfnisse nachzudenken.

Wann fällt es Ex-Partnern besonders schwer, loszulassen und sich auf einen Kompromiss zu einigen?

Wenn die Trennung einseitig ist. Wenn sie plötzlich kam. Wenn sich einer als verlassener Teil fühlt und noch nicht richtig verstehen oder glauben kann, was da passiert ist. Schwierig wird es auch, wenn ein Partner viele Jahre lang mit seinen Gefühlen hinterm Berg gehalten hat und vieles unter den Teppich gekehrt wurde. Für Paare, die auch während ihrer Ehe nicht gut kommuniziert haben, ist eine Mediation oft noch herausfordernder.

Welche Rolle kann in diesem Zusammenhang ein Ehevertrag spielen?

Der große Vorteil eines Ehevertrags ist es, dass er in Zeiten geschlossen wird, in denen die Kommunikation noch besser oder gut funktioniert hat. Die Paare haben für den Vertrag Zeit, sie können sich juristisch beraten lassen und faire Vereinbarungen treffen – unter anderem die gemeinsame Praxis betreffend. Und: Eheverträge sind im Einvernehmen jederzeit veränderbar. Man kann sie immer wieder anpassen. Auch im Stadium der Trennung und Scheidung.

Wie motivieren Sie die Beteiligten, die Mediation durchzuhalten?

Da gibt es Parallelen zum Zahnarztbesuch: Jeder entscheidet, was für ihn gut, sinnvoll und gesund ist und bestimmt den Zeitpunkt, wann er zum Zahnarzt beziehungsweise zur Mediation gehen möchte. Ich appelliere an die Eigenverantwortung der Beteiligten und frage sie, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Nach einer Scheidung ist das Leben ja nicht vorbei und man hat Wünsche, wie es weitergehen soll.

Als Mediatorin versuche ich, Positivität in den Prozess hineinzubringen. Konflikte gehören zum Leben. Sie gilt es nicht zu vermeiden, sondern zu lösen. Menschen und Beziehungen verändern sich. Es ist auch nicht so, dass Mediationen immer dramatisch ablaufen. Manchmal geht es ganz schnell, eine Einigung zu finden.

Wann gelingt das nicht?

Wenn die Trennung nicht verarbeitet werden kann. Wenn man ganz düster sieht und sich nicht vorstellen kann, dass das Leben weitergeht. Auch, wenn psychische Erkrankungen oder Suchtprobleme mit im Spiel sind. Dann kann man sich meist nicht darauf verlassen, dass Vereinbarungen eingehalten werden. In solchen Fällen habe ich Mediationen auch schon beendet und andere Vorschläge gemacht, wie es weitergehen kann.

Was wären Alternativen?

Das kann sein, psychotherapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Mediation kann keine umfassende Form der Vergangenheitsbewältigung leisten und will das auch gar nicht. Es geht vielmehr um den Blick nach vorne. Um eine Reiseleitung in die Zukunft.

Wie fühlt es sich an, wenn eine Mediation gelungen ist?

Eine Lösung gefunden zu haben, ist für alle Beteiligten etwas Besonderes – auch für mich als Mediatorin. Man hat es geschafft, die Ehe friedlich, respektvoll und eigenverantwortlich zu einem Ende zu bringen. Ich persönlich habe immer wieder Hochachtung davor, wie Menschen in einer Mediation ihre Position verändern können – und gar nicht selten am Ende auch wieder miteinander lachen.

Anette GnandtRechtsanwältin für Familien- und Erbrecht, zertifizierte MediatorinPartnerin bei STELTZER Rechtsanwälte + Mediatoren in Berlinwww.einvernehmliche -scheidung-anwalt.dewww.steltzer-kanzlei.de

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