Zahnmedizin

Allergengetriggerte lichenoide Mundschleimhautläsion

Eine Patientin stellte sich wegen länger bestehenden weißlichen Schleimhautveränderungen ohne subjektive Beschwerden vor - schnell wird klar: Es besteht ein Zusammenhang mit einer Kontaktallergie auf Amalgam.

Ausgangssituation linker Wangenbereich: Allergen-getriggerte lichenoide Mundschleimhautläsionen SDJ 2017-01_Olms Remmerbach

Abb. 1a, b: Ausgangssituation rechter Wangenbereich (links) und Ausgangssituation linker Wangenbereich (rechts) Olms Remmerbach
Abb. 2: Oberkieferschiene für intraoralen Mukosatest mit Testkammern Olms Remmerbach
Abb. 3a, b: Situation nach Amalgamsanierung rechter Wangenbereich, Zustand nach zwei Wochen (links) und Situation nach Amalgamsanierung linker Wangenbereich, Zustand nach zwei Wochen (rechts) Olms Remmerbach
Abb. 4: Exzidat der Amalgamtätowierung regio 47 Riemer
Abb. 5a, b: Situation nach prothetischer Rehabilitation mit Vollkeramikkronen rechter Wangenbereich, Zustand nach vier Wochen (links) und Situation nach prothetischer Rehabilitation mit Vollkeramikkronen linker Wangenbereich, Zustand nach vier Wochen (rechts) Olms Remmerbach
Sensibilisierungen des Epikutantests SDJ 2017-01

Zusammenfassung

Allergengetriggerte lichenoide Mundschleimhautläsionen können sowohl beim oralen Lichen planus (OLP) als auch bei der oralen lichenoiden Läsion (OLL) auftreten. Klinisch und histologisch sind OLP und OLL nur schwer voneinander abzugrenzen. Ein OLP kann durch eine histologische Untersuchung gesichert werden. Dabei gilt der OLP als eine potenziell maligne Veränderung.

Basierend auf aktuellen Daten der Literatur steht die OLL im Verdacht, ein erhöhtes Risiko einer malignen Transformation zu haben. Anhand eines klinischen Falls wird gezeigt, dass über eine interdisziplinäre Vorgehensweise in der Allergie- und Schleimhautdiagnostik ein Zusammenhang zwischen einer Kontaktallergie auf Amalgam und den lichenoiden Schleimhautveränderungen bestand. Die anschließende Therapie zeigt exemplarisch die Schritte der zahnärztlichen Versorgungsmöglichkeiten bei multiplen Kontaktallergien auf Dentalmaterialien.

Einleitung

In den letzten Jahren ist eine Zunahme an Sensibilisierungen auf Dentalmaterialien zu beobachten (Syed et al. 2015). Allergien oder Unverträglichkeiten auf dentale Werkstoffe können sich in verschiedenartigen Symptomen äußern. So können rein subjektive Beschwerden wie zum Beispiel Schleimhautbrennen, Mundtrockenheit, Schmerzen (Raap et al. 2012) oder auch Geschmacksbeeinträchtigungen oder -störungen einzeln oder in Kombination mit Schleimhauteffloreszenzen auftreten (Kal et al. 2008). Zu den objektiven und bei den klinischen Untersuchungen festgestellten Reaktionen zählen lichenoide Veränderungen (Laine et al. 1997), sowohl intra- als auch extraoral, Kontaktstomatitis und -dermatitis (Rai et al. 2014).

Der Lichen planus ist eine häufige, chronische mukokutane Erkrankung, die neben der äußeren Haut auch die orale Schleimhaut und die Genitalschleimhaut betreffen kann. Die Prävalenz des oralen Lichen planus (OLP) beträgt etwa 0,1 bis 4 Prozent, dabei sind Frauen im Vergleich zu Männern etwa 1,7-mal häufiger betroffen (Lodi et al. 2005).

Der orale Lichen planus tritt überwiegend im Alter von 30 und 60 Jahren auf (Bork et al. 2008). Die Ätiologie ist bislang nicht vollständig geklärt. Als Ursache wurde eine idiopathische Erkrankung, eine autoimmunologische Reaktion (Parashar 2011), Medikamente oder der Kontakt mit zahnärztlichen Materialien (Ahlgren et al. 2012; Kim et al. 2015) oder ein mechanisches Trauma (Köbner-Phänomen) verantwortlich gemacht. Auch werden virale oder bakterielle Infektionen oder unbekannte Agenzien in der Literatur diskutiert (Koch & Bahmer 1995; Issa et al. 2004; Issa et al. 2005; McParland & Warnakulasuriya 2012; Pang & Freeman 1995; Sugerman & Sabage 2002).

In der Literatur wird berichtet, dass Patienten mit oralem Lichen häufiger unter negativem Stress, Ängsten und Depressionen leiden im Vergleich zur gesunden Kontrollgruppe (Chaudhary 2004). Auch ein stressiger Lebensstil wird mit einem OLP assoziiert (Varghese et al. 2016). Der OLP stellt sich mit charakteristischen weißlichen Streifen, Papeln oder Plaques dar. Zusätzlich können Erytheme, Erosionen und Blasen meist in symmetrischer Verteilung auftreten (Bork et al. 2008; Sugerman & Sabage 2002; Remmerbach 2012).

Orale Läsionen treten vorwiegend an der buccalen Mukosa, Zunge, Gingiva, am Gaumen und an den Lippen auf (Bagán-Sebastián et al. 1992). Der OLP lässt sich in sechs unterschiedliche Erscheinungsformen unterteilen: retikulär, papulär, plaqueförmig, erythematös (atrophisch), ulzerierend und bullös (Andreasen 1968). Der atrophische, der ulzerierende und der bullöse Typ werden auch unter dem Begriff "erosiver Typ" zusammengefasst (Andreasen 1968; Alajbeg et al. 2008).

Der OLP ist von einer oralen lichenoiden Läsion ("oral lichenoid lesion" OLL) klinisch und histologisch nicht immer eindeutig abzugrenzen. Das typische histologische Bild des OLP ist mit dem Vorhandensein von Orthohyper- oder Parakeratosen, einem bandförmigen lymphozellulären subepithelialen Infiltrat und Keratinozyten-Apoptosen (civate bodies) gekennzeichnet (Eisenberg 2000; Sugerman & Sabage 2002; Parashar 2011).

Für die OLL sind ein asymmetrisches Erscheinungsbild und die unmittelbare Nachbarschaft zu den auslösenden Substanzen charakteristisch. OLL können ebenfalls medikamentenassoziiert sein. Nichtsteroidale antiinflammatorische Rheumatika, Antihypertensiva und Antidiabetika, Antikonvulsiva und immunmodulierende Medikamente wurden als mögliche Auslöser beschrieben (Yuan & Woo 2015; Kamath et al. 2015; Siponen et al. 2010).

Schilddrüsenerkrankungen sowie die Einnahme von Schilddrüsenmedikamenten können eine OLL begünstigen (Siponen et al. 2010). Van der Meij und van der Waal gaben 2003 einen Vorschlag mit den modifizierten WHO-Diagnosekriterien zu OLP und OLL zur besseren klinischen Einordnung der Symptome und histologischen Kriterien in das jeweilige Krankheitsbild (van der Meij & van der Waal 2003).

Ähnliche Veränderungen der Mukosa können bei folgenden Differenzialdiagnosen auftreten: Friktionskeratose, Leukoplakie oder ein Lupus erythematodes. Aus zahnärztlicher Sicht stellt die Beseitigung einer Friktionskeratose eine schnelle therapeutische Maßnahme dar. Auslösende Faktoren wie scharfe Kanten an Zahn oder Zahnersatz können schnell behoben werden. Der vorliegende Beitrag zeigt exemplarisch die interdisziplinäre Vorgehensweise in der Allergie- und Schleimhautdiagnostik bei Patienten mit oralen lichenoiden Schleimhauteffloreszenzen und zeigt die Schritte der zahnärztlichen Versorgungsmöglichkeiten auf.

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