Mundgesundheit von Menschen mit Migrationshintergrund

Bessere Zähne mit MuMi

Das Hamburger Projekt „Förderung der Mundgesundheitskompetenz und Mundgesundheit von Menschen mit Migrationshintergrund", kurz „MuMi“, wird jetzt vom Innovationsausschuss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) mit 744.000 Euro gefördert. Worum es geht, sagt Projektleiterin Dr. Ghazal Aarabi.

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"MuMi" ist ein gemeinsames Projekt der Poliklinik für zahnärztliche Prothetik und dem Institut für Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Ziel ist, die Mundgesundheit von Migranten mit Blick auf kulturspezifische Indikatoren und Risikofaktoren zu untersuchen und ihre Gesundheitskompetenz dieser Gruppe zu stärken.

 


Interview mit Dr. Ghazal Aarabi

1. Was ist das Innovative an Ihrem Projekt und wie kann es zur Verbesserung der Versorgung beitragen?

Dr. Ghazal Aarabi: Innovativ ist, Gesundheitsinformation in Form einer App über das Smartphone anzubieten, wobei in dem Projekt die sprachlichen und kulturellen Besonderheiten der Menschen mit Migrationshintergrund berücksichtigt werden.

Je nach Herkunftskultur und sozialen Hintergründen haben Menschen unterschiedliche Einstellungen und Kenntnisse über Zahn- und Mundpflege. Sie haben auch gelernt, unterschiedlich damit umzugehen, leider nicht immer optimal. Man denke hierbei etwa an den Umgang mit zuckerhaltigen oder säurehaltigen Lebensmitteln. Gerade bei orientalischen Migranten ist zum Beispiel zuckerhaltiger Tee sehr beliebt, die Auswirkungen auf die Mundgesundheit sind aber nicht immer geläufig.

Da fast jeder ein Smartphone besitzt und benutzt, können wir die jeweilige Zielgruppe optimal mit einer Mundgesundheits-App erreichen. Wir erwarten, dass hierdurch die Mundgesundheitskompetenz gesteigert und damit die Mundgesundheit verbessert werden kann.

2. Um welche Patientengruppen handelt es sich - wo kommen sie her?

Untersucht werden 2.000 zahnärztliche Patienten aus dem Hamburger Bezirk Mitte. In diesem Bezirk haben fast die Hälfte der Bewohner ihre Wurzeln im Ausland. Das sind hauptsächlich türkische Migranten. Wir werden 1.600 Menschen mit und 400 Menschen ohne Migrationshintergrund in die Studie einschließen.

3. Von welchen unterschiedlichen individuellen und kulturellen Risikofaktoren gehen Sie aus - können Sie dazu konkrete Beispiele nennen?

Mögliche individuelle und kulturelle Risikofaktoren können zum einen in einem unterschiedlichen Verständnis von Gesundheit und Gesundheitsverhalten und zum anderen in der geringeren Inanspruchnahme von zahnmedizinischen Leistungen begründet sein.

Das heißt, das Inanspruchnahmeverhalten ist nicht so sehr präventionsorientiert, sondern eher beschwerdeorientiert. Die Patienten gehen erst dann zum Zahnarzt, wenn sie Schmerzen haben. Und viel häufiger suchen sie dann die Notaufnahme statt der normalen Zahnarztsprechstunde auf. Ein solches Verhalten wird meist unzureichenden Sprach- und Systemkenntnissen sowie ökonomischen Faktoren zugeschrieben.

In unseren bisherigen Studien konnten wir sehen, dass insbesondere die sozial schwächeren Migranten oft erst dann zum Zahnarzt gehen, wenn sie Probleme haben. Vorsorgeuntersuchungen werden weniger genutzt, teils auch deshalb, weil die Betroffenen Angst vor hohen Kosten haben, selbst wenn diese objektiv unbegründet sind. Auch dies ist ein Aspekt von Gesundheitskompetenz.

4. Kann eine App dauerhaft Verhaltensänderungen bewirken?

Wir gehen davon aus, dass von allen Kommunikationskanälen die App die größten Chancen dafür bietet. Smartphones sind - vor allem bei Migranten - ein viel genutztes Kommunikationsmittel. Und ein kostengünstiges, denn die App gibt es für die Patienten kostenlos. Im MuMI Projekt untersuchen wir Akzeptanz, Nutzen und Wirkung der App. Und wir bieten den Service in verschiedenen Sprachen an: auf Türkisch, Arabisch, Russisch und Englisch. Wir hoffen auf positive Effekte und eine möglichst hohe Anzahl sogenannter positive responders.

Projektleiterin Dr. Ghazal Aarabi, Msc, ist Zahnärztin und Vorstandsmitglied des Centre for Health Care Research, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik, Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde.


Die Forscher gehen dabei von zwei Hypothesen aus: 1. Die Kultur beeinflusst aufgrund der unterschiedlichen Sozialisationsprozesse die Mundgesundheit. 2. Informations-, Beratungs- und Schulungsprogramme in Form einer App verbessern die Mundgesundheit. Zentral ist daher die Entwicklung einer App mit einem Beratungs- und Schulungsprogramm zur Förderung der Mundgesundheitskompetenz. Diese mehrsprachige interaktive App soll ein Schulungsprogramm enthalten, das die Mundgesundheitskompetenz dieser Menschen fördert.

Rund 1.000 Patienten mit Migrationshintergrund von 20 Hamburger Zahnarztpraxen erhalten dazu eine Erstbefundung, den Zugang zur App und eine Nachbefundung nach sechs Monaten. Eine Kontrollgruppe von 1.000 weiteren Patienten durchläuft den gleichen Prozess, aber ohne App.

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Projekthypothesen

Laut Projekthypothese besitzen Menschen mit Migrationshintergrund - insbesondere aus dem Mittleren Osten oder Osteuropa - eine signifikant schlechtere Mundgesundheit. Bedeutende Risikofaktoren sind demzufolge der soziale Status und der Migrationshintergrund. Deshalb vermuten die Projektwissenschaftler, dass kulturspezifische Besonderheiten und unterschiedliche Sozialisationsprozesse Einfluss auf die Mundgesundheit haben. Die genauen Ursachen dafür wollen sie in dem Projekt herausfinden.

Mögliche Ursachen könnten ein unterschiedliches Verständnis von Gesundheit und Gesundheitspraktiken sein. Auch das Inanspruchnahmeverhalten von zahnmedizinischen Leistungen weicht von dem der deutschen Bevölkerung ab, was oft unzureichenden Sprach- und Systemkenntnissen und ökonomischen Faktoren zugeschrieben werden kann. Vor diesem Hintergrund halten es die Wissenschaftler für angebracht, sprach- und kulturadaptierte Präventionsmaßnahmen für diesen Personenkreis anzubieten.


Der Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) hat Ende November eine Übersicht über die 54 geförderten Projekte zur Versorgungsforschung und zur Evaluation von Selektivverträgen veröffentlicht: 66,1 Millionen Euro gibt es für Versorgungsforschung und 3,2 Millionen Euro für die Evaluation von Selektivverträgen. "MuMi" wird über drei Jahre laufen und mit insgesamt rund 744.000 Euro gefördert.

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