Zahnmedizin

Rheuma geht oft aufs Kiefergelenk

Schätzungen zufolge leiden mehr als zehn Millionen Deutsche an Rheuma, Tendenz steigend. In zahlreichen Fällen wirkt sich die Krankheit massiv auf das Kiefergelenk aus.

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Wesentlich mehr Rheumakranke leiden an Kiefergelenksbeschwerden als gesunde Menschen. Dabei kann sich das Kiefergelenk bereits innerhalb weniger Monate verändern, so dass sich die Beschwerden verschlimmern und eine umfangreichere Behandlung notwendig wird. Eine in Mainz vorgestellte Studie gibt Aufschluss darüber, welche Therapien in welchem Stadium den größten Erfolg bringen.

Wenn Rheuma schmerzhaft aufs Kiefergelenk schlägt, ist in der Regel bereits der Gelenkspalt verkleinert und der Gelenkfortsatz durch Abrieb abgeflacht. Experten sprechen dann von einer rheumatischen Arthritis, der häufigsten entzündlichen Erkrankung des Kiefergelenks. Meist sind beide Gelenke betroffen, sie sind extrem druckempfindlich und der Unterkiefer schmerzt bei jeder Bewegung. 

Das vergessene Gelenk

Um frühzeitig größeren Schädigungen vorzubeugen, rät die Deutsche Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (DGMKG) deshalb, bei Rheuma unbedingt das Kiefergelenk untersuchen zu lassen. Das Tückische: Obwohl es eines der am meisten bewegten Gelenke ist, gehört es in der ärztlichen Praxis oft zu den "vergessenen Gelenken", außerdem bringen viele Erkrankte die Beschwerden nicht direkt mit Rheuma in Verbindung.

So wird die Krankheit verschleppt bis der Gelenkknorpel vollständig zersetzt ist, die Knochen in direktem Kontakt stehen und schlimmstenfalls zusammenwachsen, was wiederum mit einer Gelenkversteifung und totalem Funktionsverlust einhergeht.

Doch wie kann einem Rheumatiker geholfen werden, der nichts mehr essen kann, weil das Kiefergelenk schmerzt und immer unbeweglicher wird? Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen der Universitätsklinik Bonn untersuchten dazu 62 Patienten, die zwischen 1983 und 2008 mit chronischer systemischer Kiefergelenkerkrankung behandelt wurden. Die Erkrankung wurde nach Schweregrad in drei Stadien eingeteilt:

  • Entzündung der inneren Gelenkkapselschicht (Synovitis)
  • chronische Arthritis
  • knöcherne Beteiligung (Knochenauflösung, Gelenksteife)

Patienten im 1. Stadium wurden entweder mit Standardmedikation (entzündungshemmende Medikamente) oder Arthroskopische Lavage - Spülung des Gelenks, um es von Entzündungsstoffen und Knorpelabrieb zu reinigen - behandelt. Patienten im 2. Stadium erhielten eine Standardmedikation, zusätzlich trugen die MKG-Chirurgen die Gelenkschleimhaut operativ ab (Synovektomie), entfernten die Knorpelscheibe (Diskektomie) und ersetzten sie durch körpereigenes oder synthetisches Material.

Bei Gruppe 3 wurde neben der Standardmedikation ein Teil der Gelenkfläche entfernt und ein trennendes Material zwischen Gelenkfläche und Gelenkfortsatz eingebracht, um eine erneute Versteifung zu verhindern (Lückenosteotomie).

Alle Patienten der Gruppe 1 und 21 der 26 Patienten aus Gruppe 2 hatten nach der Behandlung wieder eine ganz normale Kiefergelenksfunktion, bei 19 von 26 Patienten verringerten sich die Schmerzen wesentlich. Von den 51 Personen der dritten Gruppe bildete sich bei 25 Patienten eine erneute Gelenksversteifung, 14 zeigten falsche Knochenformationen und die meisten Patienten (45 von 51) dieser Gruppe hatten weiterhin eine verminderte Mundöffnung.

Die zeitgemäße OP-Alternative

Das Kiefergelenk wird häufig in der Therapie von Patienten mit chronischen Gelenkerkrankungen vernachlässigt, warnt die DGMKG. Typische Folgen dieser Erkrankungen im 3. Stadium könnten durch eine frühzeitige Therapie vermieden werden. Die erneute Gelenkversteifung dieser Patienten sehen Fachmediziner als typisches Risiko geläufiger chirurgischer Eingriffe.

Damit müssten sich Betroffene jedoch nicht länger zufrieden geben, heißt es von Seiten der DGMKG. Inzwischen gebe es eine bessere Alternative: Kiefergelenksersatz mit der neuesten Generation von Hightech-Totalendoprothesen. Diese inzwischen nahezu perfekt funktionierenden künstlichen Gelenke, meist aus Titan, gibt es demnach standardisiert vorgefertigt oder sie werden im CAD/CAM - ähnlich einem 3D-Drucker - individuell angepasst, ohne sichtbare Narben durch die Mundhöhle eingebracht und am Kieferknochen fixiert.