303 Schädel untersucht

Warum die Römer weniger unter Parodontitis litten

Eine Studie des King´s College London an 303 Schädeln zeigt, dass die Römer viel weniger Parodontopathien hatten als die modernen Briten heute. Woran das liegt, erklärt Paläo-Odontologe Prof. Dr. Kurt Alt.

Die von dieser  Arbeitsgruppe vorgelegten Ergebnisse sind für Insider keine wissenschaftliche Überraschung. Seit einigen Jahren steht das menschliche Microbiom zunehmend im Fokus globaler Forschung. Hierfür stehen unter anderem zwei große Projekte: in den USA ein Projekt des National Institutes of Health Human Microbiome Project (HMP) und in Europa das Projekt Metagenomics of the Human Intestinal Tract (MetaHIT).


Römer hatten weniger Zahnfleischerkrankungen als moderne Briten

Die römisch-britische Bevölkerung (200 bis 400 nach Christus) scheint weit weniger Zahnfleischerkrankungen gehabt zu haben als die Briten heute. Eine Untersuchung an 303 Schädeln aus einem römisch-britischen Grabfeld in Poundbury (Dorset) ergab, dass nur 5 Prozent Anzeichen einer mäßigen bis schweren Parodontitis aufwiesen. Aktuelle leiden dagegen 15 bis 30 Prozent der erwachsenen Briten an einer Parodontiserkrankung. Die Überraschungsergebnisse liefern den Autoren zufolge einen weiteren Beleg dafür, dass moderne Gewohnheiten wie Rauchen die Mundgesundheit schädigen können.

Viele der römischen Schädel zeigten allerdings Anzeichen von Infektionen und Abszessen, und die Hälfte hatte Karies. Die Poundbury-Friedhofsgemeinschaft bestand aus Landbewohnern sowie einer römischen Stadtbevölkerung. Dies war eine Nichtraucher-Population und wahrscheinlich sehr niedrigem Diabetes mellitus, zwei Faktoren, die bekanntermaßen das Risiko von Zahnfleischerkrankungen in modernen Populationen stark erhöht haben. Die Menschen, die Kinderkrankheiten und die Unterernährung bis in das Erwachsenenalter überlebten, starben, wenn sie ein Höchstalter erreichten, in ihren 40ern. Infektionskrankheiten waren damals eine häufige Todesursache.

Prof. Francis Hughes vom Dentalinstitut am King's College London und Hauptautor der Studie sagte: "Wir waren sehr beeindruckt, dass eine schwere Zahnfleischerkrankung in der römisch-britischen Bevölkerung viel weniger verbreitet war als in der modernen Gesellschaft heute - der Tatsache zum Trotz, dass diese Menschen keine Zahnbürsten verwendeten oder zum Zahnarzt gingen wie wir es heute tun. Zahnfleischerkrankungen wurden bei unseren Vorfahren gefunden, auch in mumifizierten Überresten in Ägypten, und sie wurden auch in Schriften der Babylonier, Assyrer und Sumerer sowie der frühen Chinesen angedeutet."

Theya Molleson, Co-Autorin: "Diese Studie zeigt eine große Verschlechterung der Mundgesundheit zwischen den römischen Zeiten und dem modernen England. Dadurch dass die wahrscheinliche Rolle des Rauchens bei der Bestimmung der Anfälligkeit für eine fortschreitende Parodontitis in modernen Gesellschaften hervorgehoben wird, wird ein echtes Zeichen gesetzt, wie die Krankheit vermieden werden kann. Dass das Rauchen in der Bevölkerung sinkt, sollten wir als Rückgang der Prävalenz der Krankheit bewerten."

Tuija Raitapuro-Murray, Theya Molleson, and Francis Hughes, The prevalence of Periodontal Disease in a Romano-British population c.200-400 AD’ , published in: British Dental Journal, 24 October 2014.

Die Studie finden Sie hier.


Prinzipiell geht es dabei um die Funktionen und Dysfunktionen des menschlichen Microbiomes, die zahlreiche neue Erkenntnisse über die Gesundheit und Krankheit generieren. Die Autoren des oben genannten Beitrags über die Römer orientieren sich nicht bewusst an den genannten Studienprogrammen und nehmen darauf auch nicht direkt Bezug. Die von ihnen publizierten Ergebnisse sind allerdings durchaus in den Kontext der Microbiomforschung zu stellen.

Ich erforsche seit einigen Jahren mit zahlreichen Kollegen aus dem Bereich der (Dental)Anthropologie und Molekularen Anthropologie (aDNA) das orale Microbiom des Menschen. Im Rahmen dieser Forschung erschien 2013 die erste Publikation über die Bedeutung von Zahnstein für die Rekonstruktion unserer Vergangenheit [Adler et al., 2013]. Seither folgten zahlreiche weitere Arbeiten zum Thema [Warinner et al. 2014, 2015; Weyrich et al. 2015].

Die Zusammensetzung der Bakterien in der Mundhöhle hat sich während der Kulturgeschichte mehrfach verändert

In den Arbeiten über Zahnstein in fossilen, prähistorischen und historischen Bevölkerungen wird demonstriert, dass sich die Zusammensetzung der Bakterien in der Mundhöhle während der Kulturgeschichte mehrfach verändert hat. Dabei standen zwei essentielle Ereignisse im Vordergrund.

1. Zum einen der Übergang vom Jäger-Sammler-Dasein zur bäuerlichen Lebensweise, der die Umstellung der Ernährung zu einer kohlenhydratreichen Kost markiert und dazu führt, dass sich das relativ ausgeglichene Mikrobiom der Mundhöhle, was die Zusammensetzung der Bakterien angeht, hin zu stärker pathogenen Keimen in der Mundhöhle verändert. Und dafür sind in erster Linie zu nennen: Streptococcus mutans, Porphyromonas gingivalis, Tannerella- und Treponema-Bakterien, die unter anderem für Karies und Parodontitiden verantwortlich sind.

2. Die zweite essenzielle Umstellung der Ernährung erfolgt zu Beginn der industriellen Revolution: Industriezucker, gekochte Nahrung, Konserven und andere mehr).

Daher kann man abschließen festhalten, dass sich der schlechte orale Gesundheitszustand in der britischen Bevölkerung im Vergleich zu den Römern auf diesen Wandel in der Ernährungsweise zurückführen lässt. Was für die Briten gilt, kann man jedoch global beobachten, mit Ausnahme vielleicht der wenigen Menschen, die noch unberührt von der Zivilisation leben.

Was den Zusammenhang mit dem Rauchen angeht ist es meines Erachtens derzeit noch zu früh, die Einwirkungen des Rauchens auf das Microbiom abschließend zu beurteilen. Derzeit befindet sich eine erste Studie dazu kurz vor dem Abschluss.

Prof. Dr. Kurt W. Alt
Zentrum Natur- und Kulturgeschichte des Menschen
Danube Private University, Krems, Österreich

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