Literaturübersicht zur Sehschärfe

Visus und Vergrößerungshilfen in der Zahnmedizin

In dieser Literaturübersicht werden Studien zur Sehschärfe in der Zahnmedizin zusammengefasst und deren klinische Relevanz diskutiert. Einbezogen werden dabei Arbeiten, die auf objektiven Sehtests in zahnärztlicher Arbeitsdistanz beruhen. Die vorhandenen Studien zeigen, dass es große individuelle Unterschiede bei der Detailerkennung im zahnärztlichen Arbeitsfeld gibt.

© Perrin et al.

Abbildung 1: Flussdiagramm der PubMed-Literatursuche © Perrin et al.
Abbildung 2: Der transparente Sehtest befindet sich an der Spitze eines Trichters und wird über dem Röntgenbetrachter zur standardisierten Bestimmung des Nah-Visus verwendet. © Perrin et al.
Abbildung 3: Um die klinische Situation zu simulieren, kann der Sehtest in Zahnkavitäten eines Phantomkopfes fixiert werden. © Perrin et al.
Abbildung 4: Simulation der klinischen Situation mit dem Phantomkopf als Patient © Perrin et al.
Abbildung 5: Detailerkennung in der klinischen Situation mit dem Phantomkopf: Der Arbeitsabstand mit bloßem Auge konnte frei gewählt werden und richtet sich bei den Lupen nach deren Brennweite. Auffallend ist der deutliche Unterschied der Altersgruppen unter und über 40 Jahre ohne Vergrößerungshilfen (Auge). Der Einfluss des Alters war geringer, wenn Galilei- oder Kepler-Lupen verwendet wurden. Die bereits sehr gute Detailerkennung der Zahnärzte 40 Jahre mit bloßem Auge und bei frei wählbarem Arbeitsabstand konnte durch eine Galilei-Lupe aufgrund des größeren Arbeitsabstands nur leicht verbessert werden. Zahnärzte über 40 Jahre konnten mit einer Galilei-Lupe die visuellen Defizite der Alterssichtigkeit weitgehend kompensieren. Generell ermöglichten Kepler-Lupen eine signifikant bessere Detailerkennung in beiden Altersgruppen [Eichenberger et al., 2013]. © Perrin et al.
Abbildung 6: Die objektive Vermessung von zahnärztlichen Lupen an einer optischen Fachhochschule ergab große Unterschiede zwischen den einzelnen Lupen. Das gleiche Raster fotografiert durch eine Galilei-Lupe 2,5x (links) und zwei Kepler-Lupen 4,2x (Mitte und rechts). Zu beachten ist der Zusammenhang zwischen Arbeitsfeld und Vergrößerungsfaktor (links und rechts), aber auch der offensichtliche Qualitätsunterschied bei ähnlicher Vergrößerung (Mitte und rechts). Bei der Mehrheit der Lupen wurde eine Diskrepanz zwischen deklarierter und effektiver Vergrößerung gefunden [Neuhaus et al., 2013]. © Perrin et al.
Abbildung 7: Die Altersunterschiede in der Detailerkennung sind bei Kepler-Lupen und dem Operationsmikroskop (OPM) gering. Auffallend ist die deutliche Verbesserung der Detailerkennung mit dem Mikroskop auch bei kleinem Vergrößerungsfaktor [Eichenberger et al., 2013]. © Perrin et al.

Vergrößernde optische Hilfsmittel gehören zur Grundausstattung in der Mikrochirurgie und ermöglichen Uhrmachern seit mehr als einem Jahrhundert ihre präzise Arbeit. Die empirische Erkenntnis, dass die Grenzen der feinmotorischen Präzision weniger von den Händen als viel mehr von den Augen bestimmt wird, ist entsprechend alt. In der Zahnmedizin hat die Verwendung von Lupenbrillen oder Mikroskopen in den vergangenen Jahren Eingang in die Lehrmeinung vieler Universitäten gefunden und wird auch von Herstellerseite intensiv beworben. Entsprechend finden diese Vergrößerungshilfen zunehmende Verbreitung in den Zahnarztpraxen [Meraner Nase, 2008; Farook et al., 2013; Eichenberger et al., 2015]. Fast alle Benutzer von Lupen und Mikroskopen sind der festen Überzeugung, dass diese Instrumente Vorteile mit sich bringen und sowohl die Qualität der Arbeit als auch die Ergonomie verbessern [Meraner Nase, 2008; Eichenberger et al., 2015].

Die Diskrepanz zwischen diesem subjektiven Eindruck und der wissenschaftlichen Evidenz dazu ist jedoch eklatant. Die zahnärztliche Literatur zum Thema beschränkt sich größtenteils auf Fallberichte, Übersichtsartikel oder Expertenmeinungen und ist von entsprechend geringer sogenannter externer Evidenz [Van Gogswaardt, 1990; Syme et al., 1997; Millar et al., 1998; Perrin et al., 2000; Forgie et al., 2001; Friedman, 2004; James Gilmour, 2010]. Zudem zeigen die wenigen relevanten Studien aus den Bereichen Endodontologie, Kariesdiagnostik und restaurative Zahnmedizin teilweise widersprüchliche Resultate [Lussi et al., 1993; Haak et al., 2002; Lussi et al, 2003; Zaugg et al., 2004; Erten et al, 2005; Tzanetakis et al., 2007; Mendes et al., 2006; Keinan et al., 2009; Kottor et al., 2010; Mitropoulos et al, 2012]. Dies hat offensichtlich auch methodische Ursachen, weil genügend kleine und damit sensitive Nahsehtests für zahnmedizinische Bedürfnisse lange fehlten [Eichenberger et al., 2011]. In entsprechenden Studien waren Rückschlüsse auf den Visus und dessen Beeinflussung durch Vergrößerungshilfen nur indirekt möglich. Als Ausnahme ist eine Studie aus Neuseeland zu erwähnen, bei der normal gedruckte Sehtests in einer Apparatur durch Linsen zusätzlich verkleinert und der Nah-Visus einer Gruppe von Zahnärzten und Zahnmedizinstudenten bestimmt wurde [Burton Bridgman, 1990]. Ein Nachteil dieser Methode ist die fehlende Übertragbarkeit in die klinische Situation.

In einer Reihe von aktuellen Studien wurden neuartige, miniaturisierte Sehtests für die Zahnmedizin validiert [Eichenberger et al., 2011] und zeigten sowohl unter standardisierten als auch unter klinischen Bedingungen erstaunliche Unterschiede in der Sehschärfe der getesteten Zahnärzte und einen großen Einfluss der Alterssichtigkeit [Eichenberger et al., 2011; Eichenberger et al., 2013; Perrin et al., 2014a; Perrin et al., 2014b; Eichenberger et al., 2015].

Ziel der vorliegenden Übersichtsarbeit ist eine Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse zum zahnärztlichen Visus, die aus den wissenschaftlichen Studien mit objektiven Nahsehtests gewonnen werden können. Die für die vorliegende Arbeit relevanten Begriffe sind im Glossar definiert.

Material und Methoden

In der Datenbank PubMed wurde eine Literatursuche für den Zeitraum von 1950 bis September 2014 mit den Suchbegriffen „visual acuity and dentistry“ und „near vision test and dentistry“ durchgeführt. Einschlusskriterium war ein durchgeführter Sehtest der Probanden in zahnärztlicher Arbeitsdistanz. Es wurden nur Originalarbeiten ausgewertet und diskutiert. Zusätzlich wurde eine Handsuche der Referenzen der eingeschlossenen Originalarbeiten durchgeführt. Zudem wurden Publikationen in diese Arbeit eingeschlossen, die die Einschlusskriterien zwar nicht erfüllen, aber zum Verständnis der diskutierten Studien beitragen.

Ergebnis der Recherche

Die PubMed-Literatursuche ergab insgesamt 206 Titel (Abbildung 1). Nach Elimination der doppelt vorkommenden Titel verblieben 201 Titel, wovon 178 vom gesuchten Thema abweichend waren. Von den 24 Abstracts wurden acht Literaturübersichten und sieben Arbeiten ohne Nahsehtest ausgeschlossen. Von den übrigen neun Artikeln erfüllten nur sechs das Suchkriterium eines durchgeführten Nahsehtests. Fünf dieser Artikel stammen aus unserer Forschungsgruppe [Eichenberger et al., 2011; Eichenberger et al., 2013; Perrin et al., 2014a; Perrin et al., 2014b; Eichenberger et al., 2015], eine Arbeit aus einer Forschungsgruppe in Neuseeland [Burton Bridgman, 1990].

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