Ökologie in der Zahnarztpraxis

Grüne Prophylaxe

© Petmal - iStockphoto.com

Zwischen High End und secondhand

Was die Auswahl von Fußbodenbelägen, Oberflächenmaterialien oder Möbeln betrifft, empfiehlt der US-amerikanische Innenarchitekt James Küster, zwischen Aufenthaltsbereichen (für Patienten und Praxismitarbeiter) und Arbeitsbereichen mit hohen Hygieneanforderungen (wie Behandlungszimmer oder Labor) zu unterscheiden.

Küster, ein Spezialist für nachhaltig designte Zahnarztpraxen, propagiert einen bakteriostatischen Linoleumboden und Quarz als umweltfreundliche Alternativen zu fleckfreiem Stahl. Linoleum besteht weitgehend aus Naturstoffen, hat weder schädliche Ausdünstungen noch ist er mit Weichmachern durchsetzt. Anders als etwa PVC kann Linoleum nach Ablauf der Lebensdauer zerkleinert und kompostiert werden. Auch der Secondhand-Gedanke bietet viele Gestaltungsmöglichkeiten, etwa bei Möbeln, Türen und Türrahmen. Das heißt heute „Vintage“ – und es hat seinen ganz eigenen Charme, wenn Kronleuchter oder Bilderrahmen ihre eigene Atmosphäre in die Praxis bringen.

Wie schon bei den Baustoffen lautet die Grundregel für alle neu gekauften Produkte: Sie sollten ökologisch gesund produziert und langlebig sein, eine möglichst hohe Recyclingfähigkeit haben und nicht erst lange Verkehrswege zurücklegen müssen.

Das edle Mahagoniholz mag den Empfangstresen enorm aufwerten, sein ökologischer Fußabdruck ist übertrieben groß. Beim Strom Sparen helfen am besten ein Standort und eine Fensterplatzierung, die so viel natürliches Licht wie möglich bieten. In Sachen künstliche Beleuchtung haben LEDs die beste Bilanz: Sie halten lange, verbrauchen im Vergleich zur Glühbirne erheblich weniger Elektrizität und kommen ohne giftige Chemikalien aus. Auch Tageslichtsensoren, die das benötigte künstliche Licht je nach Sonnenlichteinfall anpassen, senken den Energieverbrauch. Ebenso ein programmierbarer Thermostat, um die Praxis nicht übermäßig zu beheizen oder zu kühlen – und natürlich eine gute Dämmung und Isolierung. Einige Zahnarztpraxen weisen inzwischen auf ihren Webseiten darauf hin, dass sie reinen Ökostrom beziehen. Das spart zwar augenblicklich keine Kosten, ist aber ein Nachhaltigkeitsplus und wird vielleicht auch von den Patienten wahrgenommen und geschätzt.

So spart die Praxis Strom

Eine Option zur Warmwassererzeugung für die Praxisversorgung ist eine solarthermische Anlage. Der gesamte Wasserbrauch lässt sich durch die Installation von Dual-Flush-Toiletten und hygienischen Bewegungssensor-Wasserhähnen reduzieren. Und für manche Praxen kommt bei Neubau oder Renovierung auch eine Zisterne für das Brauchwasser der Toilettenspülungen infrage.

Wer allerdings darüber nachdenkt, per Photovoltaik seinen eigenen Strom zu gewinnen, sollte sich erst steuertechnisch schlau machen, wie das Beispiel der St. Ingberter Zahnärzte zeigt. „Unsere Zahnarztpraxis verbraucht im Jahr etwa 12.000 Kilowattstunden Strom. Das ist schon relevant. Also haben wir uns überlegt: Wenn wir den Strom selbst produzieren, dann können wir ihn auch selber benutzen“, sagt Wolfgang Carl. Doch der Steuerberater warnte, dass der selbst gewonnene überschüssige Strom auch ins Netz eingespeist werden muss. Damit wird der stolze Photovoltaik-Betreiber aber automatisch zum Unternehmer und somit tendenziell gewerbe- und mehrwertsteuerpflichtig. Nur, falls die Praxis ohnehin schon der Gewerbe- und Mehrwertsteuerpflicht unterliegt, lohnt sich die technische Aufrüstung.

Reduce – Reuse – Recycle

Aber auch kleine Veränderungen im Praxisalltag summieren sich. Etwa am Empfang: Da frisst ein endlos vor sich hin laufender Screensaver kontinuierlich Energie, während ein früheres Umschalten auf den schwarzen Bildschirm günstiger wäre. Digitale Kommunikation, wo immer möglich, spart Papier – und der Gebrauch von Recyclingpapier schont Ressourcen.

Achten Sie beim Kauf neuer elektronischer Geräte auf Umweltlabel, ob das Computer oder Drucker sind – oder auch der Kühlschrank im Mitarbeiterraum. Und wie sieht es mit der Mülltrennung aus – oder schöner gesagt: dem Abfallmanagement? Meist lässt sich noch etwas verbessern. So landen zum Beispiel in der St. Ingberter Praxis benutzte Papierhandtücher nicht im Restmüll, denn sie lassen sich kompostieren und sind in der Regel keimarm. Am Behandlungsstuhl könnten Becher aus Recycling-fähigem Material die üblichen Plastikbecher ersetzen. Und der Kauf von Großpackungen reduziert die Müllbilanz.

Wer weniger umweltschädliche Stoffe verwenden möchte, kann, wo immer es geht, auf biologisch abbaubare Reinigungsprodukte umsteigen, mit digitalem Röntgen die Entwicklerchemikalien sparen und komplett auf Amalgam verzichten. Manchen Bestrebungen zur Abfallvermeidung und Nachhaltigkeit stehen in einer Zahnarztpraxis allerdings die Hygienebestimmungen entgegen – ein echter Spagat. „Der Trend in der Hygiene geht leider eher zu Einmalprodukten wie zum Beispiel Einmal-Absaugkanülen oder -Sprayaufsätzen“, sagt Dr. Karsten Heegewaldt, Präsident der Zahnärztekammer Berlin. „Europa- und deutschlandweit werden Zahnärztinnen und Zahnärzte ständig mit neuen Hygienevorschriften konfrontiert. Diese Gesetze und Verordnungen machen eine ‚nachhaltige‘ Hygiene in unseren Praxen bedauerlicherweise fast unmöglich.“

Auch Wolfgang Carl betont: „Im Zweifelsfall ist Hygiene das Wichtigste. Aber die Hygienekontrollen und Praxisbegehungen durch die entsprechenden Behörden sind teilweise auch überzogen, überbürokratisiert und nicht immer von Sachkenntnis geprägt. Man muss sich als Praxisinhaber überlegen: Wo positioniere ich mich da?“

Etwa beim Thema Einwegprodukte. „Wenn ich etwas einschweiße, zum Beispiel eine Extraktionszange, dann produziere ich zusätzlichen Einwegmüll. Wenn ich einen Sterilgutlagercontainer verwende, muss ich natürlich den Container auch sterilisieren, aber das ist kein großer Mehraufwand und ich reduziere dadurch Müll. Unter Umständen spare ich sogar Aufwand und Arbeitszeit unserer Mitarbeiterinnen, die nicht mehr jede Zange einzeln einschweißen müssen.“ Und was zahntechnische Arbeitsgeräte betrifft, wünscht sich „Green Dentistry“-Experte Küster ein Umdenken der Gerätehersteller. Denn erst wenn die Industrie die Nachhaltigkeit mitdenkt, kommt sie ganz automatisch in jeder Praxis an.

Eine Frage der Verantwortung

Ob sie es nun ökologische Zahnmedizin nennen, Green Dentistry oder Bio-Praxis – viele Zahnärzte machen sich nicht nur über die Schonung der natürlichen Ressourcen im Mund Gedanken, sondern auch außerhalb. Das hat Vorteile: einmal ganz handfest auf der Ebene der Betriebskosten und bei einer möglichen Wertsteigerung des Gebäudes. Außerdem wissen manche Patienten die soziale und ökologische Unternehmensverantwortung sehr zu schätzen. Und der nachhaltige Blick bringt das schöne Gefühl mit sich, Richtung Zukunft zu denken. Prophylaxe eben.

Sonja Schultz, Fachredakteurin aus Berlin

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