Volker Looman zur Finanzierung einer Zahnarztpraxis

Annuitätendarlehen versus Fonds-Haifischbecken

Der Autor ist freiberuflicher Finanzanalytiker in Stuttgart. Jede Woche veröffentlicht er in der FAZ einen Aufsatz über Geldanlagen. Außerdem unterstützt er Zahnärzte auf Honorarbasis bei der Gestaltung des Privatvermögens. www.looman.de

Sie sind 33 Jahre jung. Sie haben harte Lehrjahre hinter sich. Sie haben geschuftet. Sie haben Geld gespart und 50.000 Euro auf dem Konto. Nun sind Sie bereit für den „Absprung“ in die eigene Praxis. Hand aufs Herz, meine Damen, werte Herren! Sind Sie wirklich fit? Oder haben Sie (etwas) Fracksausen, weil Sie nicht wissen, wie Sie dieses Abenteuer, das 400.000 Euro kosten wird, finanzieren sollen? Wenn das der Fall ist, brauchen Sie sich nicht zu schämen. Ich muss Sie aber davor warnen, ausschließlich Ihren freundlichen Banker oder netten Berater um Rat zu fragen. Da ist die Gefahr groß, die Finanzierung der Praxis in die Grütze zu fahren, wenn ich das mit den Worten meiner Vorfahren aus dem Friesischen sagen darf.

Vertrauen Sie auf Ihren gesunden Menschenverstand und auf Ihren persönlichen Steuerberater. Dann wird‘s schon klappen. In meinen Augen ist die Geschichte ganz einfach. Wenn die Praxis insgesamt 400.000 Euro kostet und Sie  tatsächlich 50.000 Euro auf der hohen Kante haben, brauchen Sie einen Kredit von 350.000 Euro. Weniger klar wird für Sie die Frage sein, wie lange der Kredit laufen soll, und trübe wird‘s, wenn es um die Dauer der Zinsbindung geht. Ich schlage Ihnen vor, eine Laufzeit und Zinsbindung von jeweils 15 Jahren zu wählen. Da sind Sie auf der sicheren Seite, und wenn Ihnen das gefällt, können Sie sich ja schon mal nach dem Zinssatz erkundigen. Ich vermute, dass der jährliche Zins zwischen 2 und 3 Prozent liegen wird. Bei einem jährlichen Zinssatz von 2,5 Prozent müssen Sie insgesamt 180 Monatsraten von jeweils 2.334 Euro auf den Tisch der Bank legen. Bei einem Sollzins von 3 Prozent sind es 2.417 Euro pro Monat. So werden Sie in beiden Fällen die Schulden in 15 Jahren vom Hals haben, weil in diesem Annuitätendarlehen sowohl Zinsen als auch Tilgungen enthalten sind.

Nun kommt‘s aber, frei nach dem Motto: Warum einfach, wenn‘s auch kompliziert geht? Ich gehe davon aus, dass Ihnen entweder der Mitarbeiter der Bank oder ein Vermittler von Finanzprodukten „igendwas“ über Steuern erzählen wird. Er wird Ihnen vorrechnen, dass die 180 Raten von jeweils 2.334 Euro zu einem Gesamtaufwand von 420.120 Euro führen werden. Genauso wird er Ihnen schildern, dass die Differenz zu den 350.000 Euro eben Zinsen sind, und er wird Sie darüber informieren, dass diese 70.120 Euro steuerlich als Werbungskosten absetzbar sind. Das führt bei einem Steuersatz von 50 Prozent zu Vorteilen von 35.060 Euro, so dass Sie für den Kredit nur 385.060 Euro bezahlen. Das ist alles richtig und (fast) wahr, doch ich muss Sie noch um etwas Geduld bitten, bis ich mit meiner Sicht der Dinge hinter dem Ofen hervorkomme.

Sowie der Banker oder Vermittler die erste Rechnung aufgemacht hat, wird er für Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Alternative aus dem Hut zaubern. Er wird Ihnen vorrechnen, dass die Aussetzung der Tilgung und der Abschluss eines Aktien-Sparplans erhebliche Vorteile bieten. Das bedeutet für Sie, ein Festdarlehen von 350.000 Euro aufzunehmen und für diesen Betrag nur Zinsen von jährlich 2,5 Prozent beziehungsweise 729 Euro und 17 Cent pro Monat zu bezahlen. Das sind im Laufe von 15 Jahren insgesamt 131.250 Euro. Die Hälfte drücken Sie dem Fiskus aufs Auge, so dass Sie mit Kosten von 65.625 Euro davonkommen.

Dafür müssen Sie einen Aktien-Sparplan ansparen. Das Endkapital in 15 Jahren muss 350.000 Euro betragen, um den Kredit auf einen Schlag tilgen zu können. Nun kommt‘s, liebe Doktores, wie hoch ist die Sparrate dieses Sparplans? Ich kann es Ihnen nicht sagen, doch ich kann Ihnen ausrechnen, wie hoch die Monatsrate sein muss, um die Prognose von 6 Prozent zu erfüllen, die Ihnen der Verkäufer mithilfe von Folien und Statistiken vorschlagen wird. Das sind 1.219 Euro nebst 54 Cent, und dieser Betrag mal 180 Monate ergibt eine Ansparsumme von 219.517 Euro.

Der Rest ist ein Kinderspiel. Die Zinsen von 65.625 Euro und die Sparraten von 219.517 Euro führen zu einem Gesamtbetrag von 285.142 Euro. Das sind 99.918 Euro weniger als die 385.060 Euro, die das Annuitätendarlehen kostet, und wird zu der Frage des Verkäufers führen, ob Sie sich diesen Vorteil entgehen lassen wollen. Bitte seien Sie jetzt so ehrlich wie möglich. Können Sie dieses Angebot ablehnen oder werden Sie zum Füllfederhalter greifen und voller Freude die Formulare unterschreiben, die vor Ihnen auf dem Tisch liegen?

Nüchtern und skeptisch wie ich als Finanzanalytiker nun einmal bin, will ich Ihnen meine Betrachtung der Dinge nicht vorenthalten. Bitte rechnen Sie die ganze Sache mal mit einem Steuersatz von 35 Prozent durch, weil ich Zweifel habe, dass Sie von Anfang an und auf Dauer jährlich 50 Prozent ans Finanzamt abführen werden. Dann würde ich bei dem Aktien-Sparplan die Abgeltungssteuer von 25,375 Prozent, die Ausgabeaufschläge von 5 Prozent und die Verwaltungskosten von 2 Prozent berücksichtigen. Das führt zu Summen von 395.578 und 375.921 Euro, so dass die „hohen“ 99.918 Euro auf in meinen Augen „überschaubare“ 19.657 Euro schrumpfen.

Nun frage ich Sie, ob Sie bei diesem „Vorteil“ wirklich an die Börse wollen. Ich halte den Sprung ins Haifischbecken der Fondsmanager für eine gewagte Nummer und plädiere für das „langweilige“ Annuitätendarlehen.

Kolumnen entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.


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